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«Wenn ich zurückgehe, dann töten sie mich»

Von Benedikt Rüttimann. Aktualisiert am 31.08.2010 2 Kommentare

Fast zwei Millionen irakische Flüchtlinge leben im Ausland, darunter ein paar Tausend in der Schweiz. Viele fürchten noch immer um ihr Leben.

Irakische Flüchtlinge im Ausland.

Irakische Flüchtlinge im Ausland.
Bild: mt / UNHCR / Financial Times

Salman al-Janabi mit seiner Frau Akbal und Tochter Ayat. (Bild: Benedikt Rüttimann)

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Salman al-Janabi telefoniert regelmässig mit Bagdad. Doch was er hört, sind keine guten Nachrichten. «Sie suchen noch immer nach mir», sagt der 45-jährige Familienvater, «ich kann nicht zurück.» Janabi sitzt in einem kleinen Wohnzimmer in einem Haus am Rand von Baden. Im Garten hat seine Frau die Badetücher der Kinder zum Trocknen aufgehängt. Hinter den dicht wuchernden Sträuchern rauscht der abendliche Berufsverkehr vorbei. Auf der Veranda steht eine weisse Satellitenschüssel, sie liefert den Janabis die täglichen Bilder aus der fernen Heimat.

Der Abzug der letzten amerikanischen Kampfsoldaten ist hier kein grosses Thema. «Mag sein, dass es jetzt im Irak wieder etwas sicherer ist», sagt Janabi. Auch die wirtschaftliche Lage sei vielleicht ein bisschen besser. Das nütze ihm aber gar nichts. Er sei ja nicht in die Schweiz geflohen, weil er keine Arbeit mehr gehabt habe. «Ich bin geflüchtet, weil die Milizen mich auf ihre Todesliste gesetzt haben», sagt er. «Wenn ich zurückgehe, dann töten sie mich.»

Zwischen allen Fronten

Als die Amerikaner im April 2003 in Bagdad einmarschierten und das Saddam-Regime stürzten, hat Janabi dem Diktator keine Träne nachgeweint. «Fast alle Iraker haben sich damals gefreut, auch wenn sie nicht gleich mit Fahnen auf die Strasse gingen», erinnert er sich. Janabi wohnte mit seiner Familie in Mahmudiya, einer Stadt südlich von Bagdad mit 500'000 Einwohnern. Zuerst ging das Leben einfach weiter. Dann meinten die Amerikaner, die Stadt brauche einen neuen Gemeinderat, und bestimmten zwölf Schiiten und zwölf Sunniten. Auch Janabi wurde ausgewählt, und weil er aus einer gemischten Familie stammte, sein Vater war Sunnit, seine Mutter Schiitin, machten ihn die Besatzer später zum Gemeindepräsidenten.

Janabi, der Agronomie studiert hatte, glaubte damals an den Traum der Demokratie. Er wollte dabei sein und helfen, den Irak in eine bessere Zukunft zu führen. Doch schon bald geriet er zwischen die Fronten. Er kritisierte die Amerikaner, die mit ihren Entscheiden einzig die Clanstrukturen festigten. Das machte ihn verdächtig. Im Juli 2004 verhafteten ihn die Amerikaner. Doch weil sie nichts Belastendes fanden, liessen sie ihn wieder frei. Dadurch geriet er ins Visier der schiitischen Milizen. Sie glaubten, er sei ein Kollaborateur. Es kamen Drohbriefe. Er ging nicht mehr nach Hause, schlief keine drei Nächte am gleichen Ort. Er blieb noch bis Juli 2005 Gemeindepräsident, doch die Arbeit wurde immer unmöglicher.

Nur vorläufiges Bleiberecht

Als die ersten Kollegen ermordet wurden, beschloss Janabi, sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Nach einer langen Reise gelangte er im Februar 2006 in die Schweiz; etwas später folgten seine Frau mit den drei Kindern, die damals sechs, fünf und zwei Jahre alt waren. Asyl erhielt die Familie nicht, doch sie durfte vorläufig bleiben. Das kann sich aber bald ändern. 3500 weiteren Irakern in der Schweiz droht dasselbe Schicksal. Nur 1100 wurden seit 2003 als Flüchtlinge anerkannt. Seit Juli 2008 erhalten freiwillige Rückkehrer 1000 Franken Starthilfe. Etwa 270 Iraker haben bis heute davon Gebrauch gemacht.

Während die Schweiz auf Freiwilligkeit setzt, haben Länder wie Grossbritannien, Dänemark und Schweden begonnen, irakische Flüchtlinge zwangsweise zurückzuschaffen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) warnt jedoch vor Zwangsdeportationen. Ausser im Norden und ganz im Süden sei die Lage noch immer instabil und wenig sicher, sagt Daniel Endres, Missionschef in Bagdad. Endres ist Schweizer und leitet seit März 2008 das UNHCR-Büro im Irak. Er hat denn auch in den letzten Monaten festgestellt, dass die Zahl der Rückkehrer sinkt. Reisten 2008 noch 25'000 und 2009 gar 37'000 Iraker in ihre Heimat zurück, zählte das UNHCR in diesem Jahr erst 16 000 Rückkehrer. «Ohne soziales Netzwerk ist ein Neuanfang sehr schwierig», sagt Endres. Arbeit und Wohnung seien ohne Beziehungen nicht zu finden. Im Irak fehlten 1,5 Millionen Wohnungen, und fast die Hälfte der werktätigen Bevölkerung habe keine Arbeit oder sei unterbeschäftigt. Endres kennt Leute, die nach ihrer Rückkehr total verängstigt waren und gleich wieder ins Ausland abreisten. Eine Umfrage des UNHCR ergab, dass die Hälfte der Rückkehrer ihren Entscheid bereuten und wieder weg wollten. «Der Wiederaufbau hat noch nicht stattgefunden», sagt Endres.

Schlechtes Vorbild für Nachbarn

Die Zwangsrückschaffungen europäischer Länder seien auch ein schlechtes Vorbild für die Nachbarn des Irak. Endres befürchtet, dass Syrien und Jordanien, welche die weitaus meisten irakischen Flüchtlinge beherbergen, bald ähnliche Massnahmen ergreifen könnten. Offiziell leben mehr als 1,5 Millionen Iraker in den beiden Ländern.

Kein Strom, keine Arbeit – Salman al-Janabi sieht für sich und seine Familie noch keine Zukunft im neuen Irak. «Das Schlimmste ist allerdings», sagt er zum Abschied, «dass man noch immer nicht frei seine Meinung sagen kann.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2010, 22:36 Uhr

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2 Kommentare

Ulrich Künzi

31.08.2010, 05:05 Uhr
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Nur stehen wir wieder einmal vor der Gefahr von einem Extrem ins andere zu fallen. Warum richtet man nicht Lager ein in denen Asylsuchende ein Jahr lang ohne jeglichen Luxus oder Komfort durchhalten müssen? Der echte Flüchtling akzeptiert das, der Wirtschaftsflüchtling nicht. Es darf nicht ein Einziger zurückgewiesen werden der bei Leib und Leben gefährdet ist. Antworten


Peter H. Kuhn

31.08.2010, 08:52 Uhr
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Ja, es ist nun einfach so: Wir können und wollen nicht die ganze Welt bei uns aufnehmen. Gerade neulich wurden die letzten Bevölkerungszahlen bekannt gegeben, eine schockierend hohe Anzahl von Leuten leben in unserem Land. Flüchtlinge ohne Bleiberecht müssen ganz klar zurück, ohne Wenn und Aber. Es hat noch viele, die in ihrem Land keine Zukunft sehen, was keinerlei Berechtigung gibt! Antworten



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