Wie die Schweinegrippe den Muslimen die Pilgerfahrt verdirbt
Von Astrid Frefel, Kairo. Aktualisiert am 22.08.2009
Die bunten Laternen sind aufgehängt, die Vorratskammern gefüllt, die Alkoholgeschäfte versiegelt: Der Ramadan kann beginnen. Am Samstag ist der erste Tag des islamischen Fastenmonats. Die Ägypter wussten das schon lange, denn hier berechnen Mathematiker den Neumond. In Saudiarabien, dem Ursprungsland des Islam, sind es dagegen Religionsgelehrte, welche die Mondsichel von Auge ausmachen. In diesem Jahr kamen sie zum selben Ergebnis. Manchmal, etwa wenn der Himmel bewölkt ist, gibt es auch Unterschiede von ein bis zwei Tagen zwischen den einzelnen muslimischen Ländern.
Mitten in der Hitzezeit
Ramadan 2009 heisst auch, dass der heilige Monat mitten in der Ferienzeit beginnt. Viele Ägypter haben deshalb ihren traditionellen Urlaub am Mittelmeer früher als sonst beendet, die Gäste aus den Golfstaaten sind vorzeitig abgereist. Ein Blick auf das Thermometer in der Region zeigt hochsommerliche Temperaturen bis 45 Grad. Die Regierung in Kairo hatte ein Einsehen mit den Fastenden, die erst nach Sonnenuntergang wieder essen und trinken dürfen. Sie stellte pünktlich zum Ramadan-Beginn bereits die Uhren um eine Stunde zurück. Dank «Winterzeit» ruft der Muezzin abends jetzt schon um halb sieben Uhr zum Fastenbrechen.
Mit etwas Wasser und einigen Datteln wird das Fasten beendet. Die Namen der Datteln, von denen es unzählige Sorten gibt, sagen in Kairo viel über die Stimmung – auch die politische – und die Highlights des vergangenen Jahres aus. «Detektiv Columbo», er ermittelt nach Inspektor Columbos Vorbild auf arabischen Bildschirmen, ist für etwa fünf Franken pro Kilo die teuerste Sorte. «Obama» und «Ahmadinejad» sind für rund die Hälfte zu haben.
Ärzte mit Thermometern am Flughafen
Die Freuden des Ramadan sind dieses Jahr aber getrübt – dafür sorgt die Schweinegrippe. Das Virus verbreitet sich auch hier trotz strikter Kontrollen schnell. In Ägypten müssen alle Einreisenden ein Formular mit Angaben zu ihrem Gesundheitszustand sowie Adresse und Telefonnummer ausfüllen. Zudem stehen an den Flughäfen Ärzte mit Thermometern, die jeden Passagier ins Visier nehmen.
Der Mundschutz gehört in Kairo zum Stadtbild. Überall, wo viele Menschen zusammentreffen, werden auffallend viele Masken getragen. Nachdem es in der Region die ersten Toten gab, haben die Behörden die Pilgerfahrten nach Mekka eingeschränkt. Manche Länder wie der Iran verbieten sie im Ramadan ganz. Der Fastenmonat wird gerne dazu benützt, in Saudiarabien die Umrah, die kleine Pilgerfahrt, zu absolvieren.
Mundschutz in Mekka
Da treffen sich Millionen von Menschen in den heiligen Stätten von Mekka und Medina. Sie sind in ihre weissen Pilgertücher gehüllt, und viele tragen nun zusätzlich einen Mundschutz. Riad hat schon 16 Tote gemeldet. Kinder, alte Leute über 65, Schwangere und solche, die an chronischen Krankheiten leiden, erhalten dieses Jahr kein Visum. Die Einschränkungen gelten auch für die Pilger im November. Dutzende von Gläubigen sind in diesen Tagen in See- oder Flughäfen gestrandet, weil sie es trotzdem versucht haben. Reisebüros klagen über Geschäftseinbrüche.
Strenggläubige Muslime verbringen im Ramadan die Nächte in der Moschee, wo sie in den 30 Tagen den ganzen Koran lesen. Für die grosse Mehrheit aber sind es fröhliche Stunden, die vor dem Fernseher bei speziellen Serien oder mit Freunden in einem Ramadan-Zelt bei Tee und Wasserpfeife verbracht werden. Aus Angst vor der Schweinegrippe haben die Behörden in der 18-Millionen-Metropole Kairo die Ramadan-Zelte verboten. Das Verbot dürfte wenig Wirkung zeigen. Kürzlich hatte der Gouverneur der Stadt auch ein religiöses Fest untersagt. Statt Hunderttausender strömten immerhin noch Zehntausende Gläubige aus dem ganzen Land zur Moschee im Zentrum Kairos. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.08.2009, 07:14 Uhr
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