Wie ein Aussätziger

Nach seiner Rückkehr aus dem Ebola-Gebiet erlebte ein Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erstmals, was es heisst, sozial geächtet zu werden.

Mitarbeiter des liberianischen Roten Kreuzes schützen sich mit speziellen Anzügen vor der tödlichen Seuche. Nach jedem Einsatz werden die Mitarbeiter mit Desinfektionsmitteln besprüht. Foto: Marcus DiPaola (NurPhoto, Corbis, Dukas)

Mitarbeiter des liberianischen Roten Kreuzes schützen sich mit speziellen Anzügen vor der tödlichen Seuche. Nach jedem Einsatz werden die Mitarbeiter mit Desinfektionsmitteln besprüht. Foto: Marcus DiPaola (NurPhoto, Corbis, Dukas)

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Sie mussten einen spitzen schwarzen Hut tragen und eine Rätsche mit sich führen, deren Lärm Passanten schon von Weitem warnen sollte. Obwohl ­Lepra-Kranke kaum ansteckend sind, wurden sie bis ins vergangene Jahrhundert hinein als Aussätzige behandelt: Aus der Gemeinschaft ausgesetzt, hatten sie ein einsames und erbärmliches Leben zu führen. Mittelalterlicher Aberglaube, der längst überwunden ist? Mitnichten. Dieselben Ängste und irratio­nalen Abgrenzungszwänge sind noch heute am Werk, wie Ihr Korrespondent in den vergangenen Wochen am eigenen Leib erfahren musste.

Die Entscheidung war nicht leichtgefallen. Auch ich liebe zumindest Teile meines Lebens und weiss um meine Verantwortung als familiärer Brötchengeber. Doch nach einem halben Jahr «kalter» Berichterstattung wurden die aus der Distanz geschriebenen Depeschen immer unbefriedigender: Wie soll ich meinen Leserinnen und Lesern eine der grössten humanitären Krisen der Gegenwart näherbringen, wenn ich sie selbst nicht gesehen und erfahren habe? Also auf nach Liberia, der Hochburg der Ebola-Epidemie. Schliesslich hatten schon andere vor mir ihre Ängste überwunden: die Ärzte ohne Grenzen, Unicef-Mitarbeiter, auch ein paar Kollegen aus den USA, Grossbritannien oder Frankreich.

Vor Ort verfliegt die Angst

Der innerfamiliäre Widerstand ist dank meiner verständnisvollen Frau schnell überwunden, und die von Freunden geäusserten Bedenken zerschellen an der Macht des Faktischen: Spätestens im Flugzeug gibt es keinen Handyempfang mehr. Als bedeutendere Hindernisse erweisen sich der Boykott der Flughäfen in der Krisenregion seitens der meisten Fluggesellschaften und die Drohung der Regierung Südafrikas, Leute, die nach Liberia, Sierra Leone oder Guinea reisen, nicht mehr ans Kap der Guten Hoffnung zurück zu lassen. Auch diese Hürden lassen sich allerdings mit etwas Aufwand und Fantasie überwinden.

Die Angst verliert sich schon wenige Stunden nach der Ankunft. Liberia sieht man die Seuche auf den ersten Blick nicht an. Auf den Strassen bewegen sich Menschen ohne die gruseligen Schutz­anzüge. Das Leben hat sich von dem unsichtbar durch die Häuser und Hütten streifenden Tod nicht unterkriegen lassen. Schnell gewöhnt man sich an die Schutzmassnahmen, die inzwischen selbstverständlich sind. Man grüsst niemanden mit Handschlag, versucht Berührungen aus dem Weg zu gehen, wäscht sich an den allgegenwärtigen Chlorwasser-Eimern die Hände und lässt sich zehnmal am Tag das Fieber messen.

Schon am zweiten Tag ist das Leben wie in Zeiten der Cholera fast selbstverständlich geworden. Ich verstehe meine ursprüngliche Nervosität nicht mehr. Ein kanadischer Kollege hat sich vor der Reise nach Liberia eine Schutzmontur mit Overall, Gummihandschuhen, Kapuze und Motorradbrille zugelegt. Nichts ist absurder als das. Wie will man mit einem Ebola-Kranken im Slum ins Gespräch kommen, der sich mit einer apokalyptisch anmutenden Gestalt konfrontiert sieht und deren Fragen vom Mundschutz abgefangen werden?

Solange man Abstand halte, sei keine Ansteckung zu befürchten, beruhigt eine amerikanische Seuchenexpertin. Das Virus fliegt nicht und wird nur über die Körperflüssigkeit bereits mit Symp­tomen erkrankter Infizierter übertragen. Dass die Infektionsrate in Liberia so hoch ist, hat mit den haarsträubenden Bedingungen vor Ort zu tun. Weil Angesteckte aus Platzmangel nicht in Isolierstationen aufgenommen werden können, müssen sie zu Hause auf engstem Raum behandelt werden. Die grosse Mehrheit der Ebola-Kranken hat sich bei der Pflege von Verwandten oder Patienten angesteckt.

Verbannt ins Gästezimmer

Nach einer Woche sind meine Recherchen abgeschlossen – doch nun fangen die Probleme erst richtig an. Einen ersten Vorgeschmack finde ich in meiner Mailbox: Meine Frau kündigt an, dass ich zu Hause eher von Angst als von Wiedersehensfreude empfangen würde. Immerhin gibt mir die zweitägige Heimreise einmal um den Kontinent herum die Gelegenheit, mit meiner weisen Partnerin eine sachliche Debatte über das tatsächliche Ansteckungsrisiko zu führen. Sie willigt schliesslich ein, dass ich die drei Wochen, die das Virus längstens braucht, um den Körper in einen Vulkan aus Fieber, Erbrechen, Durchfall und innere Blutungen zu verwandeln, nicht unter Quarantäne im Landhaus ­eines Freundes verbringen muss.

Bei der Einreise fragt keiner, wo ich hergekommen bin. Ich will mit meiner Geschichte auch keinem auf die Nerven gehen. Zu Hause verabrede ich mit meiner Frau, dass ich in den nächsten drei Wochen niemanden berühre und im Gästezimmer schlafe. Eine eigentlich unnötige Vorsichtsmassnahme, die jedoch meinen prekären Zustand als potenzielle Virenbombe im Bewusstsein halten soll. Die ersten zwei Tage verlaufen eher angespannt, was mit meinen ­roten Augen zusammenhängt. Die gelten in Liberia als Vorzeichen von Ebola. Ich gehe lieber davon aus, dass es sich um die Folgen der zweitägigen schlaflosen Reise in klimatisierten Räumen handelt – und behalte zum Glück recht.

Damit ist das Thema allerdings nicht vom Tisch. Freunde und Verwandte stellen sich als hartnäckiger als meine Frau heraus. In den folgenden Wochen werde ich auf der Strasse umgangen, vom Zahnarzt und Coiffeur nach Hause geschickt und von Festen ausgeladen. «Wegen der Kinder» will eine Cousine meiner Frau das jüdische Neujahrsfest lieber allein feiern. Da helfen sämtliche Erläuterungen über die tatsächlichen Infektionswege nicht weiter – die Angst wird als irrational und damit als vernunftsresistent erklärt. Selbst meine Frau wird zur Einschränkung ihrer Sozialkontakte gezwungen. Schliesslich könnte auch sie inzwischen infiziert sein.

Wie HIV-Positive und Sinti

So ähnlich müssen sich HIV-positive Menschen oder Afrikaner und Sinti in Europa fühlen: Soziale Ächtung ist ein Gefühl, das man als blauäugiger heterosexueller Europäer nicht unbedingt kennt. Die Angst – vor allem, wenn sie ­irrational ist – entpuppt sich einmal mehr als der verheerendste Reflex der Menschheitsgeschichte. Sie hat die Rätsche für die Aussätzigen erfunden, sorgte dafür, dass die westafrikanischen Ebola-Nationen keine schnelle Hilfe bekamen und bringt Kriege, Nationalismus und Rassenwahn hervor.

Aufgebracht über die Ächtung begebe ich mich trotzig in die Fitnessbude, ohne jemanden über meinen Zustand als potenzielle Virenbombe aufzuklären – ein kindischer Fehler, der unangenehmste Folgen haben könnte. Nicht dass ich dort, ohne unter Krankheits­symptomen zu leiden, jemanden anstecken könnte. Doch wenn ich später tatsächlich ins Spital muss und den Epidemiologen zu erzählen habe, wo ich mich in den vergangenen drei Wochen herumtrieb, dann werde ich allein wegen des Aufenthalts in der Fitnessbude öffentlich gelyncht.

Um im Spital zu landen, muss ich gar nicht vom Ebola-Virus angesteckt worden sein. Ein kleiner Malariaschub oder eine Grippe genügen schon. Denn sobald sich während der Inkubationszeit Fieber einstellt, habe ich mich schleunigst in die Isolation zu begeben. Ob es sich um Ebola oder etwas Harmloseres handelt, wird erst Tage später ein Test ergeben. In meinen Albträumen sehe ich bereits die Schlagzeilen in der südafrikanischen Presse: «German Journalist brings Ebola to South Africa» steht da in blutroten Lettern. Hoffentlich rafft mich das Fieber weg, bevor mich der Volkszorn zerreissen kann.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.10.2014, 23:01 Uhr)

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