Ausland
Zwei Lager, zwei Perspektiven: Was geschah wirklich auf dem Schiff?
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 31.05.2010
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Angriff
Sechs Schiffe waren in der Nacht mit 10.000 Tonnen Hilfsgütern und 700 Aktivisten auf dem Weg zum abgeriegelten Gazastreifen. Bei dem Einsatz der israelischen Marine wurden zehn pro-palästinensische Aktivisten getötet und mehrere Dutzend weitere Menschen verletzt, darunter auch israelische Soldaten
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Nur wenig ist bisher bekannt über das, was in der Nacht auf Montag auf dem offenen Meer vor der Küste Gazas passiert ist. Sechs Schiffe mit Aktivisten an Bord segelten in Richtung Palästina, unter der Leitung der internationalen Organisation Free Gaza.
Gegen 5 Uhr am Morgen landeten israelische Soldaten mit Helikoptern 65 Kilometer vor der israelischen Küste auf jenem Schiff, das unter der Führung der IHH segelte, einer türkisch-islamischen Hilfsorganisation. Sie schossen auf die Besatzung – zehn Aktivisten sind tot, eine noch unbekannte Zahl verletzt.
Darüber sind sich sowohl pro-palästinensische Aktivisten als auch die israelische Armee einig. Über alles andere gehen die Ansichten auseinander. Israel liess den Tod von zehn Aktivisten vor dem Mittag über Sprecher der Armee und des Premierministers bestätigen. Um kurz nach 12 Uhr trat Verteidigungsminister Ehud Barak vor die Medien. Verantwortlich für den blutigen Einsatz seien, so machte Barak klar, die Organisatoren der Hilfsaktion. Sie hätten bewusst die israelische Seeblockade umgangen und seien trotz mehrmaligen Aufruf über Schifffunk nicht umgekehrt. «Wir haben unsere Souveränität geschützt, und wir werden das weiter tun», sagte Barak.
Waffen an Bord?
Barak nahm nicht mehr auf, was Vize-Aussenminister Danny Ayalon kurz zuvor ebenfalls öffentlich gesagt hatte: Die türkische IHH habe Kontakte zu weltweiten Jihad-Aktivisten. An Bord des betreffenden Schiffes seien Waffen gewesen, die für die Hamas in den Palästinensergebieten bestimmt seien. «Das war nur eine so genannte Hilfslieferung», so Ayalon. «Wir konnten nicht zulassen, dass Waffen und Terroristen an Land geschmuggelt werden.» Weiter sagte Ayalon aus, die israelischen Soldaten seien nach ihrer Landung auf dem IHH-Schiff mit Messern angegriffen worden.
Premierminister Benjamin Netanyahu hat sich bislang nicht persönlich zu dem Angriff geäussert. Er sollte inzwischen unterwegs in die USA sein, wo er sich planmässig mit Barack Obama zu einer generellen Besprechung der Nahost-Situation treffen sollte. Möglicherweise habe der Premier die Reise jedoch abgesagt, berichtet «Haaretz».
Aus Sicht der Organisation Free Gaza stellt sich der israelische Angriff auf das IHH-Schiff völlig anders dar. «Sie sind an Bord gelandet und haben sofort angefangen, auf unbewaffnete Zivilisten zu schiessen», liess Free Gaza am Montagmorgen über Twitter verlauten. «Es gab keinen Angriff von unserer Seite.» Einige der Aktivisten hätten gar geschlafen. Israel versuche, der Geschichte den von ihnen gewünschten Dreh zu geben, doch «das ist eine Lüge».
Wie reagieren die USA?
Zu möglichen Waffen an Bord des IHH-Schiffs hielt sich Free-Gaza-Sprecherin Audrey Bomse zurück. Sie könne nicht aussagen, dass auf dem angegriffenen Schiff tatsächlich keine Waffen gewesen seien, sagte Bomse gegenüber CNN. Das betreffende Schiff sei unter der Verantwortung der IHH gesegelt. Sie könne sich dies allerdings nicht vorstellen, da das Schiff offiziell einen türkischen Hafen verlassen habe.
Mit Spannung wird nun die Reaktion der USA auf den Vorfall erwartet. Die EU hat bereits am Mittag eine Untersuchung verlangt. «Die Union verurteilt die exzessive Gewaltanwendung scharf», erklärte EU-Aussenpolitikchefin Catherine Ashton am Montag. «Wir fordern eine umgehende und umfassende Untersuchung der israelischen Streitkräfte.» Diese solle klären, wie es zu der Tragödie gekommen sei. Die Mitgliedstaaten der Arabischen Liga treffen sich am Nachmittag in Kairo zu einem Krisengipfel.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.05.2010, 12:52 Uhr



