«Die Sanktionen gegen Syrien sind schlimmer als die Bomben»

Der Menschenrechtsaktivist John Eibner war soeben in Aleppo. Er schildert die humanitären Zustände in der umkämpften Stadt.

Die Versorgungslage wird immer prekärer: Anstehen für Brot in al-Shaar (Ost-Aleppo).

Die Versorgungslage wird immer prekärer: Anstehen für Brot in al-Shaar (Ost-Aleppo). Bild: Reuters

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«Die Lage der einfachen Menschen wird immer dramatischer», sagt John Eibner, der seit Jahren regelmässig nach Syrien reist. Eibner ist Nahost-Projektleiter der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI), die unter anderem auch in Zürich eine Niederlassung hat. In den letzten Tagen besuchte Eibner Homs und Tartus, wo die CSI humanitäre Projekte unterstützt. Und er reiste erstmals nach Aleppo, wo sich die Menschenrechtsorganisation künftig neu engagieren möchte.

Die nordsyrische Metropole ist ein Brennpunkt des Bürgerkrieges, der bereits im sechsten Jahr steht. Aleppo ist seit langem geteilt. Die Armee von Diktator Bashar al-Assad beherrscht West-Aleppo. Und seit Wochen belagert sie Ost-Aleppo, das von Rebellen kontrolliert wird. «Die Belagerungstruppen scheinen den Belagerungsring um Ost-Aleppo immer enger zu ziehen», sagt Eibner, der vom letzten Samstag bis Dienstag in West-Aleppo war. Der Weg von Homs nach Aleppo hatte über schmutzige und beschädigte Strassen an den Checkpoints der Regierungstruppen vorbei geführt. Dank eines Schreibens eines lokalen Hilfswerks konnte er ohne Probleme Aleppo erreichen. Die Fahrt nach Aleppo sei glücklicherweise auch nicht gefährlich gewesen.

Eibner war es aber nicht möglich, in den umkämpften Stadtteil von Aleppo zu gelangen. Von einer Anhöhe im Westen habe er nach Osten schauen können. In den drei Tagen, in denen er vor Ort gewesen sei, habe er keine Luftwaffenangriffe oder schwere, intensive Gefechte beobachten können. Die Meldungen über Chlorgas-Angriffe der Assad-Armee im Stadtteil al-Sukkari vernahm Eibner über die Nachrichten der BBC. «Bei solchen Meldungen muss man immer vorsichtig sein, solange sie nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden», sagt Eibner.

Rebellen immer mehr in der Defensive

Dass die Assad-Gegner in Aleppo immer stärker unter Druck geraten, bestätigten inzwischen die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana, aber auch Medien von Rebellen. Die Regimetruppen haben vor wenigen Tagen einen Versorgungskorridor der Rebellen erobert. Er war die letzte Route, über welche die Rebellen Lebensmittel und anderen Nachschub in die von ihnen gehaltenen Teile Aleppos bringen konnten. Anhänger der Rebellen erklären deren Rückzug mit den heftigen russischen Luftangriffen und dem Einsatz ausländischer Kämpfer, vor allem schiitischer Milizen, an der Seite der Armee.

Gemäss Informationen von CSI-Projektleiter Eibner sind im Osten Aleppos noch rund 175'000 Zivilisten eingekesselt. Er habe gehört, dass die Rebellen die Menschen daran hindern, den umkämpften Osten zu verlassen. Ob das wirklich stimme, könne er aber nicht sagen. Eibner geht davon aus, dass die Versorgung mit Lebensmitteln immer prekärer wird. Von einer Hungerkatastrophe habe er aber keine Kenntnisse. Den Hilfskonvois des Welternährungsprogramms (WFP) der UNO ist der Zugang nach Ost-Aleppo seit Wochen verwehrt. Deutlich besser ist die Situation in West-Aleppo.

Laut Eibner haben Hilfskonvois Zugang nach West-Aleppo, und auf den Märkten gibt es Nahrungsmittel. «Ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen hier verhungern.» Es sei aber schlimm, wie viele Menschen total von humanitärer Hilfe abhängig seien. In West-Aleppo sind Eibner zufolge sehr viele Kriegsvertriebene gestrandet: arme und verelendete Menschen aus dem Ostteil der Stadt und den umliegenden Gebieten.

Folgen der Sanktionen des Westens

Bei seinen regelmässigen Syrien-Reisen interessiert sich Eibner nicht nur für den Gang der Hilfsprojekte des CSI und die Lage der Christen und anderer religiöser Minderheiten. Er geht immer auch der Frage nach, welche Folgen die Sanktionen gegen das Assad-Regime für die normale Bevölkerung haben. Die USA und die Europäer hatten 2011 ökonomische Sanktionen gegen Syrien verhängt. «Die Sanktionen treffen nicht die Mächtigen, denn diese finden immer Auswege», erklärt Eibner. Er sagt dies immer wieder.

«Die Sanktionen gegen das Assad-Regime schaden in dramatischer und katastrophaler Weise den einfachen Menschen», kritisiert der Menschenrechtsaktivist. Der Zivilbevölkerung würden die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen, das Land versinke in zunehmendem Masse in Armut. «Diese Sanktionen sind eine Kriegswaffe. Vielleicht sind sie sogar schlimmer als Bomben und Geschosse», sagt Eibner. Die Verelendung aufgrund der Sanktionen sei ein wesentlicher Grund für die Massenflucht aus Syrien.

Erst Ende August hatten die Patriarchen der christlichen Kirchen in Syrien – Ignatius Aphrem II., Johannes X. und Gregorius III. Laham – einen dramatischen Appell an den Westen gerichtet: «Stoppen Sie die Belagerung des syrischen Volkes! Heben Sie die internationalen Sanktionen gegen Syrien auf!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2016, 21:28 Uhr

Kritik an der Syrien-Politik seines Heimatlandes: Der Amerikaner John Eibner, Projektleiter von Christian Solidarity International, bei einem Hearing vor einem US-Kongressausschuss in Washington im Juni 2013. Foto: CSI

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