Im Schlachthaus

Sie schlagen, zünden an, steinigen: In einem der berüchtigtsten Slums von Südafrika macht die Bevölkerung unerbittlich Jagd auf Kriminelle.

Einwohner von Diepsloot schlendern durch die staubigen Strassen. Die Siedlung ausserhalb Johannesburgs zählt zu den am schnellsten wachsenden Townships der Region. Foto: Per-Anders Pettersson (Laif)

Einwohner von Diepsloot schlendern durch die staubigen Strassen. Die Siedlung ausserhalb Johannesburgs zählt zu den am schnellsten wachsenden Townships der Region. Foto: Per-Anders Pettersson (Laif)

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Diepsloot, samstagmorgens um sechs. «Steh auf», ruft mein Gastgeber und rüttelt mich wach: «Wir haben einen Mord in Sektion 1.» Fünf Minuten später sitzen wir in Golden Mtikas klapprigem Auto, auf dem Weg in den berüchtigtsten Teil des Slums, einem chaotischen Gewirr aus dicht aneinanderstehenden Wellblechhüten, durch dessen ungeteerte Gassen die Kloake fliesst. Irgendwann wird die Buckelpiste zu eng. Die letzten hundert Meter gehen wir zu Fuss. Wortlos weisen uns die Anwohner den Weg zu einer kaum vier Quadratmeter grossen Hütte. Unter der Tür hat sich ein rotes Rinnsal den Weg ins Freie gebahnt.

Drinnen liegt ein toter Körper auf dem Boden. Der spindeldürre Mann hat lediglich eine kleine Stichwunde unter dem rechten Schlüsselbein. Er ist verblutet. Mithilfe der vielen Gaffer aus der Nachbarschaft sind die letzten Minuten von Herald Moyo schnell rekonstruiert. Der 30-jährige Einwanderer aus Zimbabwe hatte seine Hütte kurz nach fünf verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Auf dem Weg durch den Slum wurde er von zwei Landsleuten attackiert, die es offensichtlich auf sein Geld und Handy abgesehen hatten. Vermutlich wehrte sich Herald und bekam darauf den Messerstich verpasst. Trotzdem gelang ihm die Flucht nach Hause, wo er vor dem Bett zusammenbrach.

Ein Toter – eine ruhige Nacht

Damit endet die Geschichte allerdings noch nicht. Anwohner bekamen einen der beiden Räuber zu fassen und schickten sich an, ihn so zu behandeln, wie Diepsloots Bevölkerung das inzwischen mit Verbrechern tut: Die Leute schlagen sie halb tot, zünden sie dann an oder steinigen sie. Hätte die Polizei nicht eingegriffen, läge der Räuber jetzt als Opfer des Volkszorns neben seinem Landsmann im geschlossenen Leichenwagen – so aber kauert er im vergitterten hinteren Teil eines Streifenwagens und stöhnt. Sein linkes Auge ist zugeschwollen, sein Schädel blutverschmiert.

Diepsloot ist für seine spontanen Volksgerichtshöfe bekannt. Auf jedes Verbrechen folgt, wenn möglich, die Vergeltung: «Anders», sagt Thomas Semola, Sprecher der örtlichen Bürgervereinigung, «werden wir der Kriminalität hier niemals Herr.» Dass in einer Nacht auf Samstag lediglich ein Mensch umgebracht wurde, sei eine Seltenheit, sagt mein Begleiter Golden, der bereits seit 14 Jahren in Diepsloot lebt. Er habe freitagnachts schon bis zu sieben Leichen gezählt – Verbrechensopfer und Opfer des Volkszorns zusammengerechnet. Meist falle die Rache wesentlich grausamer als das Originaldelikt aus, fügt der 41-jährige Journalist hinzu: Schliesslich soll sie abschrecken.

Bereitwillig präsentiert Golden unzählige auf seinem iPad gespeicherte Fotos und Videos – auf diese Weise kann er wenigstens das Grauen mit jemandem teilen. Auf den Bildern sind Tote in allen Variationen zu sehen: alte und junge, männliche und weibliche, verbrannt, zerstückelt, blutüberströmt. In einem Video rennt eine brennende Gestalt schreiend über die Strasse, um kurz darauf zusammenzubrechen. In einer anderen Szene schlagen Männer mit Latten und Stöcken auf einen Menschen ein, bis dieser leblos liegen bleibt. Ein Junge tritt ihm noch mit dem Fuss ins Gesicht.

Diepsloot ist so alt wie das neue Südafrika. Als der Afrikanische Nationalkongress (ANC) und sein Präsident Nelson Mandela im April 1994 die Regierung übernahmen, kamen schwarze Südafrikaner aus allen Landesteilen ins Wirtschaftszentrum Johannesburg, um Arbeit zu finden – unter der Herrschaft der Weissen hatte es strikte Zuzugskontrollen gegeben. Auf allen möglichen freien Flächen bauten die Migranten am Stadtrand ihre Hütten, bis sich die Mini-Slums wie die Flecken eines Ausschlags über die Landschaft ausbreiteten.

Über 70 Prozent Arbeitslose

Um der wilden Besiedelung Herr zu werden, erwarb die Regierung die Farm Diepsloot, auf deren hügeligem Grund ein neuer Stadtteil entstehen sollte – mit ordentlichen Steinhäusern, Wasser und Strom sowie Läden, Schulen und einer Polizeistation. 22 Jahre später leben in Diepsloot mehr als 300'000 Menschen, doch nur ein Bruchteil von ihnen verfügt über gemauerte Häuser, weit weniger als die Hälfte über Strom, selbst Wasser müssen viele heranschleppen. Kaum einer der Migranten fand den erhofften Job: Über 70 Prozent der Diepslooter sind arbeitslos.

Golden hat mich bei sich in Sektion 6 aufgenommen. Sein Häuschen verfügt über Backsteinmauern, ein Bad und Toi­lette. Vier Tage lang lässt mich mein Kollege nicht aus den Augen. Ein einsames Bleichgesicht würde in Diepsloot nicht lange überleben.

«In Diepsloot werden täglich genauso viele Hoffnungen wie Menschen begraben.»Golden Mtika

Der Journalist ist ein wandelndes Lexikon des Slums: Er erzählt mir von dem Jungen, der starb, weil er vom Abwasser auf der Strasse getrunken hatte, und zeigt mir das aus Containern bestehende Gymnasium, vor dem sich die Schüler morgens einer Leibesvisitation unterziehen müssen, damit sie keine Messer mit zur Schule bringen. Golden stellt mich der spindeldürren HIV-infizierten Bulelwa Nqabeni vor, die mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Sektion 1 eine vier Quadratmeter grosse Hütte bewohnt und von ihrem Mann nicht viel mehr erwarten kann, als dass er betrunken nach Hause kommt. Wir treffen Witwen, Waisen und den 71-jährigen Urgrossvater David Mcubuse, dessen fünfjährige Enkelin entführt, vergewaltigt, erdrosselt und verstümmelt wurde. Als er sie im Leichenschauhaus identifizieren musste, durfte er nur ihren Kopf sehen. Alles andere war dem alten Mann nicht zuzumuten.

«Diepsloot ist ein Schlachthaus», sagt Golden trocken. Verantwortlich für das unglaubliche Ausmass der Gewalt ist in seinen Augen vor allem die Arbeitslosigkeit, die vielen gar keine Alternative zum Verbrechen liesse, sowie die Tatsache, dass es sich bei zahlreichen Slumbewohnern um nicht registrierte Ausländer handle: Nach einer begangenen Straftat tauchten sie einfach ab. Die Erwartung, mit denen Zigtausende aus der südafrikanischen Provinz und anderen Teilen des Kontinents hierhergekommen seien, sei längst der Verzweiflung gewichen, sagt Golden: «In Diepsloot werden täglich genauso viele Hoffnungen wie Menschen begraben.»

Erfolgreiche Migranten

Nur bei einer Bevölkerungsgruppe scheint das gegenwärtig anders zu sein: Immigranten aus Äthiopien und Somalia, die in einer der 13 Sektionen des Slums laufend kleine Lebensmittelgeschäfte eröffnen. Die geschäftstüchtigen Ostafrikaner haben in Südafrikas Townships ganze Ketten an Tante-Emma-Läden aufgebaut inklusive eigenen Vertriebsnetzes, wodurch sie ihre Produkte deutlich billiger als die einheimischen Konkurrenz anbieten können. Warum die Südafrikaner auf die Herausforderung keine Antwort fanden, weiss keiner so richtig. «Vielleicht hat es etwas mit der Mentalität zu tun», sagt Golden.

Das Verhältnis der ostafrikanischen Geschäftsleute zur einheimischen Bevölkerung ist, gelinde ausgedrückt, ambivalent. Die Slumbewohner kaufen gerne deren preiswerte Produkte, noch lieber rauben jedoch manche ihre Läden aus. Ab und zu kommt es sogar zu Pogromen: Dann bleibt den Migranten nichts anderes übrig, als zumindest vorübergehend aus Diepsloot zu fliehen. Dutzende von Somaliern und Äthiopiern wurden bereits umgebracht. «Wir sind auch von zu Hause nichts anderes gewohnt», sagt Ramsey aus Mogadiscio trocken. Die lokale Bürgervereinigung will den Ostafrikanern einen Burgfrieden vorschlagen: Wenn sie sich bereit erklärten, für einen Mindestlohn südafrikanische Beschäftigte einzustellen, sollen sie in Ruhe gelassen werden.

Maxwell Nedzamba muss sich solche Bedingungen nicht gefallen lassen. Der hiesige Vorsitzende der Partei ANC ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und besitzt das funkelndste Juwel im Slum: eine zweistöckige Taverne mit Flachbildschirmen und Terrasse, in der vermögende Diepslooter ihren Durst stillen. Nedzamba ist das beleibte Beispiel dafür, dass man in Diepsloot auch reich werden kann – vorausgesetzt, man gehört der richtigen Partei an, wie Thabo Phala sagt. Als Mitglied der oppositionellen Demokratischen Allianz habe er noch keinen einzigen öffentlichen Auftrag ergattern können. Und etwas anderes als öffentliche Aufträge gibt es in Diepsloot kaum.

Das Pülverchen im Joint

Wenn Golden durch Diepsloots Strassen oder Gassen geht, wird er von allen respektvoll als «Nkosi» angesprochen, so nennen die Zulus ihre Dorfältesten. Taucht der Journalist auf, lassen Anwohner sogar von ihren Opfern ab, denn Golden ist als ausgesprochener Gegner der «Mob Justice» bekannt. Wiederholt sei es vorgekommen, dass die Vergeltung die falsche Person getroffen habe, erklärt der gläubige Mormone. Ausserdem machten sich die Rächer durch die bestialische Bestrafung selbst zur Bestie.

Solly ist einer der Kleinganoven, der Golden sein Leben verdankt. Der 24-Jährige brach eines Tages in das Auto des Journalisten ein, wurde erwischt und vom Mob angegriffen. Golden pfiff die nach Blut lechzende Meute gerade noch rechtzeitig zurück. Dafür ist Solly dem «Onkel» dermassen dankbar, dass er uns bereitwillig aus seinem Leben als einer der zahlreichen Rauschgiftsüchtigen in Diepsloot erzählt.

Was in dem Pülverchen drin ist, das er über das Marihuana in seinem Joint streut, weiss allerdings auch er nicht so genau. Manche meinen, es sei Heroin, andere behaupten, es handle sich um eine Mischung aus Chlor, Scheuermittel und Rattengift. Ganz genau weiss Solly dagegen, wie das «Nyaope» genannte Pulver wirkt: «Es macht mich relaxt und lässt mich von Autos, von Häusern und Frauen träumen.» Solly braucht den Stoff mindestens sechsmal am Tag, sonst wird er hochgradig nervös und ist dann zu allem fähig.

Weil das Nyaope für einen Joint 30 Rand – etwa 2 Franken – kostet, benötigt Solly mindestens 180 Rand pro Tag. Da er in seinem Zustand unmöglich arbeiten kann, muss er sich das Geld stehlen. Viermal wurde er bereits beim Klauen erwischt und zusammengeschlagen. Einem seiner Freunde zerschmetterte der Mob den Schädel. «Ihm kam das Gehirn aus der Nase und dem Mund heraus», sagt Solly.

Spätestens nach dem Gespräch mit dem Junkie ist geistlicher Beistand nötig. Wir steuern die katholische Kirche an, deren aus drei Gebäuden bestehendes Anwesen an Grösse nur noch vom Einkaufszentrum am Rande Diepsloots und von der eben erst eingeweihten Polizeistation übertroffen wird. Vor dem Gotteshaus herrschen ungewöhnlich strenge Sicherheitsmassnahmen: Am Eisentor sitzt eine Wachfrau, die nur bekannte Gesichter passieren lässt.

Der französische Priester der Gemeinde sei bei einem Raubüberfall ums Leben gekommen, sagt Golden. Der 70-jährige Missionar wurde von drei Jugendlichen in seinem Schlafzimmer erschossen. Vater Isaac, sein südafrikanischer Nachfolger, ist erst seit neun Monaten hier und traut sich in Sachen Diepsloot noch kein Urteil zu. Auch habe ihm sein Bischof die Order gegeben, möglichst das Kirchgelände nicht zu verlassen: Er könne deshalb zum Thema «Mob Justice» nur wenig sagen. Ausser, dass es in der Regel die Umstände seien, die Menschen zu Bestien machten, und nicht der von Gott geschaffene Mensch selbst.

Austreibung der Dämonen

Wir suchen weiter und stossen auf das Tabernacle Worship Centre, eine am Rande des Slums stehende Kathedrale aus Blech. Der rechteckige Kasten fasst mehr als 200 Menschen und ist heute, wie offenbar an jedem Sonntagmorgen, bis auf den letzten Plastikstuhl gefüllt. Zu Beginn des Gottesdienstes tanzt Pastor James vor dem Podium, ein Schlagzeuger, ein Perkussionist und ein Keyborder heizen ihm ein. Nach der charismatischen Predigt folgt der Höhepunkt der Messe: die Dämonenaustreibung. Der Pfarrer lässt alle Mühseligen und Beladenen, die an Kopfweh, Armut oder Job­losigkeit leiden, nach vorne treten und drückt ihnen die Handfläche gegen die Stirn. Manche fangen am ganzen Leib zu zittern an und fallen schreiend zu Boden. «Out!», fährt Pastor James den Dämon an: «Out, Anger!», «Out, Frustration!», «Out, Low Selfesteem!»

Ein beschädigtes Selbstwertgefühl ist nach Auffassung des Hobby-Pastors, der zehn Jahre lang selbst in Diepsloot lebte, der gefährlichste Dämon im Slum. «Die Menschen leben im Dreck, haben schmutzige Kleider, keinen Job und keine elegante Freundin», sagt der städtische Angestellte, der abends noch Kriminologie studiert: «Sie verachten sich selbst und geben deshalb auch auf das Leben der andern einen Dreck.» Er predige seinen Gemeindemitgliedern, immer ein paar saubere und gebügelte Kleider parat zu haben: «Nur wenn jemand in sich selbst etwas Besseres sieht, kann er an sich arbeiten und dem Dreck entkommen.»

«Sie verachten sich und geben deshalb auch auf das Leben der anderen einen Dreck.»Pastor James

Auf dem Heimweg begegnen wir Matome Ramoretli, dessen Backsteinhäuschen neben einem Sumpfgebiet steht. Als er vor zwanzig Jahren hierhergekommen sei, habe er zuerst ein paar Bäume gepflanzt, erzählt der 55-Jährige: Sie spenden heute weiträumig Schatten. Den Sumpf zwischen den Bäumen liess Ramoretli mit vielen Ladungen Bauschutt auffüllen, den die Lastwagenbesitzer nur zu gerne loswurden. Derzeit ist der Slumbewohner damit beschäftigt, den Bauschutt einzuebnen: Denn hier soll Diepsloots erster Vergnügungspark entstehen.

Unter einem Baum hat Ramoretli bereits Tische und Stühle aufgestellt, bald würden hier Geburtstagspartys und Hochzeiten gefeiert. Von den Einnahmen aus dem Picknickpark will er später auch seinen Unterhalt bestreiten: «Ich habe schon immer gerne geträumt», sagt Ramoretli. Schon jetzt hat der Parkmacher ein kleines Wunder vollbracht – er hat seinen Besuchern den Glauben ans Menschsein bewahrt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2016, 19:04 Uhr

Der Lokaljournalist Golden Mtika ist als ausgesprochener Gegner der «Mob Justice» bekannt.

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