«Raqqa liegt bereits in Reichweite»

Wie lange kann sich der IS noch halten? Was macht den Erfolg der Allianz gegen die Terrormiliz aus? Dazu Kenner Günter Meyer.

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Der IS hat die irakische Stadt Ramadi verloren. Inwiefern bedeutet dies eine Schwächung der IS-Jihadisten im Irak?
Der Verlust der erst im Mai 2015 eroberten Hauptstadt der Provinz Anbar bedeutet einen schweren Rückschlag für den IS. Die Rückeroberung Ramadis reiht sich ein in eine Kette von Niederlagen dieser Terrororganisation, die zuvor bereits aus den Städten Tikrit, Baiji und Sinjar vertrieben werden konnte. Nachdem der IS in einem Blitzkrieg im Juni 2014 die irakische Armee in die Flucht geschlagen und rund ein Drittel des gesamten Staatsgebietes erobert hatte, wurde er in den letzten Monaten gezwungen, unter schweren Verlusten etwa die Hälfte dieser Fläche wieder zu räumen.

Wie gross ist die Chance der irakischen Armee und ihrer Verbündeten, auch die irakischen Städte Mosul und Falluja zu erobern?
Mit dem Sieg in Ramadi sind die Chancen erheblich gestiegen, dass auch die übrigen vom IS kontrollierten Städte und Gebiete erobert werden können. Entscheidend ist dabei, dass die Militärallianz gegen den IS aus den Fehlern – insbesondere bei der Eroberung von Tikrit – gelernt hat. Dort waren die meist von iranischen Kommandeuren geführten Milizen der schiitischen «Volksmobilisierungs-Streitkräfte» mit grösster Brutalität gegen die sunnitischen Einwohner vorgegangen, die nach Abzug des IS zurückgeblieben waren. Hunderte von Zivilisten wurden als angebliche Kollaborateure mit dem IS aus Rache ermordet, ihre Häuser wurden geplündert und niedergebrannt.

Das war in Ramadi anders.
Ja. Bei der Eroberung der überwiegend sunnitischen Stadt Ramadi wurde der Einsatz schiitischer Milizen bewusst vermieden. Hier kämpften ausschliesslich Bodentruppen der irakischen Armee, darunter vor allem Angehörige der lokalen sunnitischen Stämme, die zuvor von US-Soldaten ausgebildet worden waren. Nach dem weitgehenden Zusammenbruch der irakischen Streitkräfte im Vorjahr kann der psychologische Effekt dieses Sieges für die Regierungsarmee gar nicht hoch genug bewertet werden.

Welches Verdienst haben die Amerikaner bei der Offensive der irakischen Armee?
Bei der Eroberung von Ramadi zeigte sich der Erfolg der US-Strategie, die auf der Ausbildung und dem Einsatz lokaler Kämpfer in Verbindung mit massiven Luftschlägen basiert. Nach einem wochenlangen Bombardement mit mehr als 600 Luftangriffen sind allerdings von grossen Teilen der Stadt nur noch Trümmer übriggeblieben. Das gleiche Schicksal droht auch den übrigen vom IS gehaltenen Städten. Dies wird dazu führen, dass die Einwohner vor den anrückenden Anti-IS-Truppen flüchten werden und die Terrororganisation zunehmend ihrer personellen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Basis im Irak beraubt wird.

Wie beurteilen Sie die Situation in Syrien? Gerät der IS auch dort ernsthaft in Bedrängnis?
Die US-Strategie der Zusammenarbeit mit lokalen Kämpfern bei der IS-Bekämpfung hat sich auch im Nordosten Syriens bereits ausgezahlt. Durch Hunderte von schliesslich erfolgreichen Luftangriffen auf IS-Stellungen zunächst in Kobane, dann auch in den angrenzenden Gebieten, sowie durch umfangreiche US-Waffenlieferungen an die Kurden, musste der IS schwere Geländeverluste hinnehmen. Dort etablierten sich am 10. Oktober 2015 die «Demokratischen Kräfte Syriens», ein Zusammenschluss von vorwiegend kurdischen Kämpfern mit Unterstützung von sunnitisch-arabischen und assyrisch-aramäischen Milizen. Sie werden von bis zu 50 US-Experten unterstützt und konnten seither den IS weiter zurückdrängen. Dazu gehört auch die Rückeroberung des strategisch wichtigen Tishrin-Staudamms am Euphrat vor wenigen Tagen.

Wann werden die «Demokratischen Kräfte Syriens» in der Lage sein, die syrische IS-Hauptstadt Raqqa anzugreifen?
Raqqa liegt bereits in Reichweite dieses militärischen Zusammenschlusses. Ohne eine massive Stärkung durch lokale sunnitisch-arabische Stammeskämpfer besteht jedoch vorerst noch keine Chance für einen erfolgreichen Angriff mit Bodentruppen auf Raqqa. Denkbar wäre jedoch ein Vorstoss bis ins Mittlere Euphrat-Tal, wodurch der wichtigste Transportkorridor des IS zwischen Syrien und dem Irak unterbrochen würde.

Der IS hat inzwischen viele Gegner: Die US-geführte internationale Koalition, ein bisschen Russland, das in erster Linie das Assad-Regime unterstützt, dazu die neue sunnitische Allianz unter Führung von Saudiarabien. Wie lange kann sich der IS noch halten?
Das «bisschen Russland» sollte nicht unterschätzt werden. Zwar liegt das Schwergewicht der russischen Luftangriffe im Westen Syriens, wo unterschiedliche, meist jihadistische Milizen die vom Assad-Regime kontrollierten Landesteile bedrohen. Das russische Bombardement auf die Stellungen des IS innerhalb und nördlich von Aleppo bis zur türkischen Grenze hat zu erheblichen Verlusten bei der Terrororganisation geführt. Besonders die jüngsten russischen Angriffe auf Tankfahrzeuge und sonstige Infrastruktureinrichtungen im IS-dominierten Erdölsektor haben zu schweren wirtschaftlichen Einbussen geführt.

Was bedeutet das für die Zukunft des Terrorkalifats?
Eine vernichtende Niederlage des IS in Syrien ist vorerst ebenso wenig zu erwarten wie bei den übrigen jihadistischen Milizen, insbesondere der Al-Nusra-Front als Ableger von al-Qaida sowie anderer radikal-islamistischer Milizen wie die von Saudiarabien unterstützte Milizen der Islamischen Armee und der Südlichen Front oder die von Katar und der Türkei finanzierte und bewaffnete Ahrar al-Sham.

Besteht angesichts dieser Vielzahl von militärischen Akteuren überhaupt eine Chance, dass der UNO-Friedensplan in Syrien umgesetzt werden kann?
Nach der einstimmig verabschiedeten Resolution des UNO-Sicherheitsrates werden im Januar Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition beginnen, die innerhalb von sechs Monaten zu einem Abschluss eines Übergangsvertrags führen sollen. Zwölf Monate später sollen dann freie Wahlen für ein demokratisches und säkulares Syrien stattfinden, in dem die Rechte aller religiösen und ethnischen Minderheiten garantiert werden. Zur Umsetzung dieses ambitionierten Fahrplans müssen allerdings nur schwer überwindbare Hindernisse aus dem Wege geräumt werden.

Welches sind die grössten Hürden für den Friedensplan?
Das beginnt mit der äusserst strittigen Frage, welche Oppositionsgruppen am Verhandlungstisch sitzen sollen. Zudem droht der UNO-Friedensplan an der Frage nach der zukünftigen Rolle von Bashar al-Assad zu scheitern. Nachdem jedoch die USA und Russland gemeinsam eine friedliche Lösung des Syrienkrieges anstreben, besteht zumindest eine geringe Chance, dass sie ihren Einfluss bei den übrigen Akteuren des syrischen Stellvertreterkriegs zwischen den sunnitischen und schiitischen Regionalmächten und den von ihnen unterstützten Milizen geltend machen können, um eine Verhandlungslösung für Syrien zu erreichen. Unabhängig davon wird jedoch der Kampf gegen den IS und die Al-Nusra-Front fortgesetzt, denn beide Terrororganisationen werden nicht in die Verhandlungen mit der Opposition einbezogen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.12.2015, 14:26 Uhr)

«Bei der Eroberung von Ramadi zeigte sich der Erfolg der US-Strategie, die auf der Ausbildung und dem Einsatz lokaler Kämpfer in Verbindung mit massiven Luftschlägen basiert»: Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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