«Ruinen sind nicht politisch»

Syriens Chef-Archäologe Maamoun Abdulkarim hofft, dass die Bewohner Aleppos in die historische Stadt zurückkehren. Ohne sie sei der Wiederaufbau zwecklos.

«Uns bleibt nicht viel mehr, als die Schäden in Aleppo zu dokumentieren», sagt Abdulkarim. Tausende Häuser in der traditionellen Bauweise wurden zerstört. Foto: EPA, Keystone

«Uns bleibt nicht viel mehr, als die Schäden in Aleppo zu dokumentieren», sagt Abdulkarim. Tausende Häuser in der traditionellen Bauweise wurden zerstört. Foto: EPA, Keystone

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Sie waren vor kurzem in Aleppo. Was haben Sie dort erlebt?
Aleppo sieht heute aus wie eine aus­gebombte Stadt in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – eine komplette Kata­strophe, so etwas kannte ich bisher nur von Fotos. Mit meinen Kollegen habe ich die Altstadt besucht, die Si­tuation dort ist unfassbar tragisch. Die Kämpfe sind zwar vorüber, doch um die Stadt jemals wieder aufzubauen, werden wir unendlich viel Zeit, Mühe und Geld benötigen.

Können Sie das Ausmass der Zerstörung in Zahlen fassen?
Wir sind immer noch dabei, die Schäden aufzunehmen. Bisher haben wir mehr als 150 zerstörte Gebäude gezählt, die als Baudenkmäler eingestuft waren. Dazu kommen in der Altstadt Tausende Häuser in traditioneller Bauweise, die unter Ensembleschutz standen. Der historische Souk, der überdachte, verwinkelte Basar, ist zu 60 Prozent zerstört. Welche Schäden wir erst noch ent­decken werden, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Was tun Ihre Mitarbeiter vor Ort?
Meine Strategie ist, vor allem präventiv tätig zu sein und so viele Kulturdenk­mäler wie möglich zu sichern. Wir versuchen, bewegliche Artefakte und auch besonders wertvolle Trümmerteile in ­Sicherheit zu bringen, ansonsten bleibt uns nicht viel, als zu dokumentieren. Wenn einmal Frieden einkehrt, können wir das ändern und zu reparieren be­ginnen. Jetzt müssen wir alle Energie ­darauf verwenden, neue Schäden zu verhindern.

Offenbar kehren die ersten geflohenen Bewohner nach Ost-Aleppo zurück. Sind Sie besorgt, dass bei einem schnellen Wiederaufbau noch mehr zerstört wird?
Ich bin beruflich eher für Steine zuständig, aber: Bauten machen die Kultur einer Stadt nicht alleine aus. Wir müssen so viele Menschen wie möglich überzeugen, bald zurückzukehren – ohne sie ist jeder Wiederaufbau zwecklos. Die ehe­maligen Bewohner tragen das kulturelle Gedächtnis Aleppos in sich. Die Bomben mögen die Häuser zerstört haben, aber nicht die Erinnerung an die Lebensart, an all die kleinen Traditionen, die sich selbst von Viertel zu Viertel unterschieden haben. Aleppo war ein Mikrokosmos des gesamten Nahen Ostens, eine bunte Mischung – meine Familie ist ein Beispiel dafür: Mein Vater war Ar­menier, meine Mutter ist halb kurdisch, halb syrische Christin. So wie im Kleinen all diese Hintergründe in mir fortleben, war Aleppo im Grossen ein Speicher von kulturellem Wissen.

Werden all diese verschiedenen Gruppen denn je wieder zusammenleben können, nach allem, was passiert ist?
Das wird sicher nicht einfach – das Ausmass der Zerstörung ist unbeschreiblich, Hunderttausende sind getötet worden und Millionen geflohen. Meine Hoffnung liegt darin, dass uns die Rückbesinnung auf unser Erbe helfen wird, die Differenzen zu überbrücken. Ich weiss, dass ich nicht Generaldirektor einer humanitären Organisation bin, aber ich bin davon überzeugt, dass uns der gemeinsame Wiederaufbau helfen wird, wieder zueinanderzufinden. Archäologie kann ein Friedensprojekt für das syrische Volk werden.

Das klingt ziemlich optimistisch.
Ich erlebe jeden Tag, welch einende Kraft diese Arbeit hat. Ich habe mich immer geweigert, unser gemeinsames Erbe zu teilen – es gehört dem Volk und nicht der Regierung oder der Opposition! Ich arbeite im ganzen Land mit den lokalen Verwaltungen zusammen, egal, was für ein Logo, was für eine Fahne sie auf dem Briefpapier haben. Und wir bezahlen auch überall noch die Gehälter der 2500 Wächter unserer Stätten – die meisten von ihnen schicken mir bis heute Berichte per E-Mail oder Whats­app und besuchen mich hier in Damaskus, wenn sie es über die Frontlinien schaffen. Wir mögen politische Differenzen haben, aber unser Erbe bleibt das gleiche. Diese Aufgabe hält mich im Amt – ich wohne nicht deshalb immer noch in Syrien, weil ich gerne in Gefahr bin oder weil ich meine Kinder gerne im Kriegsgebiet aufziehe. Ich bin unglaublich müde und habe schon viermal ­meinen Rücktritt eingereicht. Gegangen bin ich dann aber letztendlich doch nie. Ich hätte mich zu sehr geschämt, die Kunstschätze im Stich zu lassen.

Neben Aleppo dürfte Ihnen nun vor allem wieder Palmyra Sorgen bereiten. Mitte Dezember wurde die eigentlich als gesichert geltende Stadt und ihr Unesco-Weltkulturerbe wieder von der Terrormiliz Islamischer Staat überrannt.
Ich stehe noch immer unter Schock und verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte – der IS galt doch als geschwächt, und die russische Armee hatte eine Basis in der Stadt. Ich habe Palmyra wiederholt besucht und dachte immer, das sei komplett sicher. Glück­licherweise hatte ich nach der ersten ­Befreiung Palmyras im letzten März ­beschlossen, alle Kunstwerke aus dem Museum dort nach Damaskus zu evakuieren.

Hatten Sie eine Vorahnung?
Nein, aus reiner Vorsicht habe ich in ­allen Landesteilen die Museumsdepots leeren lassen, sodass wir nun circa 90 Prozent der Kunstschätze sicher eingelagert haben. Acht bis neun Prozent ist in Oppositionsgebieten und dort, wie ich hoffe, auch sicher – den Rest haben wir ver­loren, der IS hat ihn in Raqqa zerstört.

Haben Sie Informationen, was derzeit in Palmyra passiert?
Nein, jegliche Kommunikation nach Palmyra ist unterbrochen. Wir hatten zuletzt noch fünf Angestellte dort, einer wurde getötet, den anderen ist die Flucht gelungen. Ich schaue aber sehr pessimistisch in die Zukunft: Wenn wir dem IS erlauben, dortzubleiben – ich rede von Wochen, nicht von Monaten –, werden wir beschämende Momente massiver Zerstörung erleben. Wegen des besonderen Platzes, den Palmyra im Herzen vieler Menschen auf der ganzen Welt hat, ist ein Angriff auf die Ruinen gerade für den geschwächten IS so ­effektiv wie ein Anschlag im Westen: ­geringe Kosten, maximale Wirkung.

Dasselbe Kalkül machte sich auch Russland zu eigen: Bei der pompösen Siegesfeier mit dem St. Petersburger Mariinski-Orchester inszenierte es sich in Palmyras Amphitheater als Retter der Zivilisation.
Ich bitte alle Konfliktparteien, Palmyra nicht zu instrumentalisieren. Die Ruinen sind nicht politisch – sie sind Kultur, Zivilisation. Palmyra ist von einer Schönheit, die allen Menschen der Erde gehört. Deshalb brauchen wir auch die Unterstützung aller, um dieses gemeinsame Erbe zu retten. Ich hoffe, die syrische Regierung und Russland werden mit allen anderen in Syrien aktiven Kräften zusammen versuchen, die Stadt wieder einzunehmen. Viel mehr als hoffen kann ich allerdings nicht. Ich versuche, optimistisch zu sein, aber es gelingt mir nicht wirklich.

Aleppo wurde durch Kampfhandlungen beschädigt, Palmyra aus ideologischen Gründen geschändet. Bleibt eine dritte Art der Zerstörung: die durch illegale Grabungen.
Bei den meisten unserer weit mehr als 1000 Altertumsstätten ist es uns bisher gelungen, sie mithilfe der lokalen Bevölkerung zu beschützen, die die Wichtigkeit der Stätten versteht. In einigen Fällen – leider sehr wichtigen wie Afamea, Maari und Dura Europos – waren die ­Anwohner zu schwach oder zu ignorant, sich gegen die Mafia oder den IS zu ­wehren. Die Schäden kann ich noch nicht ­genau bemessen, aber sie scheinen immens zu sein.

Konnten Sie schon beschlagnahmte Stücke zurückfordern?
Bisher nicht. Die Zusammenarbeit mit Interpol und internationalen Archäologie- und Kunstorganisationen funktioniert nach langer Isolation immer besser, doch im diplomatischen Bereich hakt es noch sehr. Wir dokumentieren die Fälle, sammeln Beweise, um irgendwann einmal die Rückführung be­antragen zu können. Aber sicher nicht von allem, was da gefunden wird: 60 bis 70 Prozent von dem, was auf dem Schwarzmarkt als «syrisch» verkauft wird, ist gefälscht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 23:31 Uhr

Maamoun Abdulkarim


Der Leiter von Syriens Antikenbehörde ist seit 2012 im Amt. Nach anfänglicher Isolation steht er heute wieder in Kontakt mit inter- nationalen Partnern.

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