«Wir leben wie in einer Zelle»

Vera Baboun ist die Bürgermeisterin von Bethlehem. Die neue Welle der Gewalt sei die logische Folge der israelischen Besatzungspolitik, sagt die palästinensische Christin.

«Die Israelis mauern Bethlehem ein – und damit auch unseren Glauben», sagt Vera Baboun. Foto: Thomas Egli

«Die Israelis mauern Bethlehem ein – und damit auch unseren Glauben», sagt Vera Baboun. Foto: Thomas Egli

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Der israelische Premier Netanyahu hat gesagt, Hitler habe die Juden nur vertreiben wollen. Erst der palästinensische Grossmufti Haj Amin al-Husseini habe ihn auf die Idee gebracht, sie zu verbrennen. Was sagen Sie als Palästinenserin zu einer solchen Provokation?
Netanyahus Äusserung zeigt, wie er den Nahostkonflikt managt. Er leugnet mit seiner falschen Aussage historische Fakten. Der Sachverhalt ist klar. Netanyahu aber will die Geschichte ver­ändern, um die aktuelle Realität zu beeinflussen. Die Aussage ist kriminell, zeigt aber die Mentalität der Besatzer. Netanyahu beleidigt unsere Intelligenz.

Was will er damit erreichen?
Er will der ganzen Menschheit seine Sicht aufzwingen. Aber sie basiert nicht auf Fakten, sondern auf Lügen. Und nun hat er eine Superlüge aufgetischt. Das ist seine Strategie. Wenn er es sogar wagt, die Geschichte zu verdrehen, dann verdreht er auch die Gegenwart.

Erwarten Sie, dass Palästinenser auch auf diese Provokation mit Messern reagieren?
Die jungen Menschen protestieren gegen die Besatzung. Die Art und Weise, wie Jerusalem geteilt ist und von den Israelis kontrolliert wird, ist das Grundproblem. Aber Netanyahus Aussage zu Mufti Husseini passt dazu.

Weshalb eskaliert der Konflikt gerade jetzt?
Wegen des Angriffs auf die Al-Aqsa-Moschee und der Abriegelung Jerusalems. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern war stets politisch. Neu ist nun die Religion dazugekommen, auch mit dem Vorwurf an den Mufti. ­Jerusalem ist ja heiliger Boden für Juden, Christen und Muslime. Wenn nun die ­Israelis die Al-Aqsa-Moschee systematisch angreifen und Palästinenser daran hindern, dort zu beten, dann greifen sie die Identität der Muslime an, weil eines ihrer wichtigsten religiösen Symbole betroffen ist. Deshalb ist nun die Gefahr gross, dass aus dem politischen Konflikt auch ein religiöser wird. Eine politische Lösung ist notwendiger denn je, um alle religiösen Identitäten zu schützen.

Wie sehr spüren Sie diesen neuen religiösen Konflikt als Christin und Bürgermeisterin von Bethlehem?
Bethlehem ist eine palästinensische Stadt, aber auch der Ursprungsort des Christentums. Bethlehem ist die christliche Zwillingsschwester von Jerusalem. Nur sind wir abgeriegelt, die Israelis mauern uns ein. Aber wenn man Bethlehem einmauert, mauert man den Glauben ein. Es ist einfacher für jemanden aus der Schweiz, in der Grabeskirche in ­Jerusalem zu beten, als für einen palästinensischen Christen. Wir brauchen dafür von den Israelis eine Bewilligung. Es gibt eine ganze Generation junger palästinensischer Christen, die nie in Jerusalem gebetet hat.

Die Israelis entgegnen, dass sie gar nicht daran interessiert seien, den Tempelberg mit der Al-Aqsa-Moschee zu besetzen.
Das Gegenteil ist der Fall. Heute wird mit Handys alles gefilmt und via soziale Medien verbreitet. Deshalb wissen wir, dass die Israelis den Status quo auf dem Tempelberg verändern wollen. Israelische Siedler sind dort oben aufgetaucht. Zweimal sind sie sogar in die Al-Aqsa-Moschee eingedrungen.

Sind die Messerattacken der Beginn einer dritten Intifada?
Es sind eher Unruhen. Präsident Mahmoud Abbas strebt eine Lösung an mithilfe der internationalen Gemeinschaft. Er hat sich deshalb an die UNO und den Internationalen Strafgerichtshof gewandt, um Gerechtigkeit für uns einzufordern. Er will den Aufstand nicht als Intifada deklarieren, damit er nicht eskaliert. Vielmehr möchte er vor seinem Abgang noch ein Friedensabkommen erreichen. Abgesehen davon werden die Messerattacken von Einzeltätern durchgeführt, die die Ungerechtigkeit nicht mehr aushalten. Es sind Männer und Frauen beteiligt. Und sie sind nicht etwa ungebildet und arm, im Gegenteil.

Ist der Aufstand so spontan, wie es scheint?
Ja. Es ist eine Reaktion auf die israelische Besatzung. Wir leben wie in Zellen.

Auch in Bethlehem?
Ja. Seit dem Abkommen von Oslo wird die Stadt zu 82 Prozent von den Israelis verwaltet. Ich kann als Bürgermeisterin fast nichts selber entscheiden. Wenn ich eine Wasserleitung verlegen möchte, muss ich zuerst die Israelis fragen. Eigentlich hätten wir die grössten Wasserreserven in der Region. Aber es ist uns nicht erlaubt, einen Brunnen zu graben. Die israelischen Besatzer verbieten uns das, wir müssen ihnen das Wasser abkaufen. Israel verdient noch durch die Besatzung. Dabei wäre ein Besatzer für die Bevölkerung verantwortlich.

Gibt es noch Jobs in Bethlehem?
Das Problem ist, dass wir vollständig abgetrennt sind von Jerusalem. Dazu kommen 24 israelische Siedlungen im Bezirk Bethlehem. Als Folge davon haben wir 27 Prozent Arbeitslose, die höchste Rate in der Westbank. Und 22 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Wir sind ein Touristenort. Und wann immer es zu Gewaltausbrüchen kommt, spüren wir das sofort, weil die Besucher ausbleiben. Die Israelis haben nun Betonblöcke aufgestellt in einem Quartier mit drei grossen Hotels, unter anderem dem Intercontinental.

Als Reaktion auf die Unruhen?
Ja. Wir haben zwei Märtyrer in Bethlehem. Die beiden Männer haben Steine geworfen und wurden dann getötet.

Haben Sie als Bürgermeisterin die jungen Leute aufgefordert, sich zurückzuhalten, damit es nicht noch mehr Opfer gibt?
Ich habe Israel gebeten, auf eine Entspannung hinzuwirken. Ich habe nicht das Recht, unseren Leuten vorzuschreiben, wie sie sich verhalten sollen angesichts der Besatzung. Und wenn ich trotzdem etwas sagen würde, würden mich die jungen Palästinenser fragen: Was ist die Alternative? Sie sind verzweifelt. Meine Aufgabe ist es, ihnen eine Stimme zu verleihen gegenüber den Israelis und der Weltöffentlichkeit.

Eine Alternative wäre vielleicht gewaltloser Widerstand im Stile Mahatma Gandhis.
Das haben wir versucht, jahrelang. Wir gingen zur UNO, überallhin, nichts funktionierte. Die Leute haben lange, sehr lange stillgehalten.

Aber die erste Intifada mit den Steinen und die zweite mit den Selbstmordattentaten waren nicht sonderlich gewaltfrei.
Würden Sie die Siedlerbewegung als gewaltfrei bezeichnen? Wir von den Behörden und der Regierung setzten uns für einen gewaltfreien Kampf ein. Aber wir verloren die Kontrolle. Wie auch jetzt wieder.

Was sind jetzt die Folgen für Ihre Stadt?
Wir sind das palästinensische Fenster zur Welt, Christen aus aller Welt wollen an den Geburtsort Jesu. Und Weihnachten steht bevor. Die ersten Annullierungen von Reiseunternehmen treffen ein. Viele von uns sind betroffen von dieser neuen Gewalt, nicht nur die Hoteliers, auch die Schnitzer, die Krippenfiguren verkaufen. Ich frage mich, wie wir Weihnachten feiern sollen unter diesen Bedingungen. Ich muss jedes Jahr den Weihnachtsbaum beleuchten, aber das ist schwierig für mich. Letztes Jahr wollte ich keine Rede halten, es kam mir vor wie Heuchelei, wenn wir Gott für einen Frieden danken, den wir nicht haben.

Sie sind Mitglied der Fatah, der Partei von Präsident Abbas. Seiner Regierung wird nachgesagt, sie sei korrupt. Ist sie mitverantwortlich für die Not der Palästinenser?
Korruption gibt es überall, nicht nur bei den Palästinensern. Sehen Sie sich die israelische Regierung an! Entscheidend ist, dass es gelungen ist, eine Regierung und eine Verwaltung aufzubauen. Wir wären also bereit für einen Staat.

Hat die Regierung Abbas also keine Fehler gemacht?
Die ganze Not ist die Folge der Besatzung. Punkt. Wenn wir etwas importieren oder wenn wir investieren wollen, entscheidet Israel. Die Israelis treiben die Steuern ein, geben das Geld aber oft nicht an uns weiter. Unsere Regierung kann deshalb erst beurteilt werden, wenn die Besatzung beendet ist.

Glauben Sie noch an eine Zweistaatenlösung?
Es fällt mir schwer. Immer und immer wieder wird eine Einigung verschoben. Und die Ausgangslage wird derweil schwieriger, Israel spielt auf Zeit. Heute haben wir 55'000 israelische Siedlungen mit 600'000 Bewohnern in den palästinensischen Gebieten. Dabei könnten wir so viel gemeinsam erreichen mit unseren israelischen Nachbarn.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.10.2015, 22:28 Uhr)

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Vera Baboun

Bethlehems erste Bürgermeisterin

Ihre Wahl 2012 war eine Sensation in der männerdominierten palästinensischen Gesellschaft. Die 1964 geborene Vera Baboun sagt, sie fühle sich sehr akzeptiert: «Ich wurde von Frauen und Männern, Christen und Muslimen gewählt.» Die Literaturwissenschaftlerin hat fünf erwachsene Kinder, die bis auf eine Tochter, die in Paris studiert, in Bethlehem leben. «Ich hoffe, sie bleiben», sagt sie. Ihr Mann starb an den Folgen seiner Haft in Israel. Baboun ist Christin. In den Palästinenser­gebieten leben rund 50'000 Christen. (chm)

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