Ausland
Ghana fürchtet Nachwahlkrise wie in Kenia
Im Dorf Savelegu im Norden Ghanas stimmt am Sonntag ein Einheimischer für die Kandidaten ihrer Wahl. (Bild: Keystone)
Ein Pol der Ruhe an Afrikas Westküste, ein Vorbild, ein Hoffnungsträger. Ghana, das vor 51 Jahren als erstes afrikanisches Land südlich der Sahara die Fesseln der Kolonialzeit abstreifte, spielt – nach einigen Irrungen und Wirrungen – in seiner Region erneut die Rolle des demokratischen Vorreiters. Es hat eine lebendige Opposition, lautstarke Medien und eine wache Zivilgesellschaft, die am Sonntag in Massen an die Urne geströmt ist: 12,4 Millionen Bürger waren wahlberechtigt.
Ghana ist der zweite Gold- und Kakaoproduzent des Kontinents und dürfte ab 2010 auch zu Afrikas wichtigeren Förderländern von Erdöl zählen.
Unter ähnlich rosigen Voraussetzungen führte vor rund einem Jahr an der Ostküste Afrikas Kenia seine Präsidentschaftswahl durch – und versank zur Überraschung der Weltgemeinschaft in einer blutigen Nachwahlkrise. Wird Ghana ein zweites Kenia werden? Es ist eine Angst, welche die Opposition seit Monaten schürt. Ob aus berechtigter Furcht heraus, dass die Regierungspartei die Macht nicht kampflos aus der Hand geben werde, oder aus wahltaktischem Populismus, wird im Ghana kontrovers debattiert. Eine Untersuchung des Kofi-Annan-Zentrums für Friedenshüter in der Hauptstadt Accra bestätigt die Existenz eines «weit verbreiteten Potenzials für politische Gewalt» und befürchtet schlimmste Folgen, falls Politiker und Parteien im Fall einer Wahlniederlage die «ethnische oder religiöse Karte» ausspielen sollten.
Ein Kopf-an-Kopf-Rennen
Polizei und Militär wappnen sich seit Wochen für den Ernstfall. Und die Medien veröffentlichen leidenschaftliche Appelle an die Vernunft der Politelite und der Zivilbevölkerung. «Wir müssen wachsam sein und alles dafür tun, dass wir unser Glück und unseren Frieden nicht aufs Spiel setzen», beschwor beispielsweise der «Ghanian Chronicle» wenige Tage vor der Wahl. Eine weiteres Wahldebakel wäre – nach Kenia und Zimbabwe – ein schwerer Schlag für Afrikas Selbstverständnis, seine Zukunftshoffnungen und sein internationales Ansehen.
Acht Kandidaten haben sich um die Präsidentschaft beworben, doch jüngsten Umfragen gemäss ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden grossen Partien zu erwarten – und möglicherweise eine Stichwahl. Die regierende New Patriotic Party (NPP) kann zwar auf ihre wirtschaftlichen Erfolge verweisen – ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5,7 Prozent in den letzten fünf Jahren – und darauf, dass Präsident John Kufuor nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit verfassungsgemäss zurücktritt. Das ist in Afrika noch immer keine Selbstverständlichkeit. Doch Ghanas Aufschwung ist am Grossteil der Bevölkerung von 22,5 Millionen bisher vorbeigegangen: Drei Viertel leben von weniger als 2 Dollar am Tag, die Arbeitslosigkeit beträgt je nach Angaben zwischen 20 und 30 Prozent.
Der Norden bleibt infrastrukturell vernachlässigt, im ganzen Land fehlen ausreichende Wasser- und Abwassersysteme, eine schwere Energiekrise fügt Landwirtschaft und Industrie Schaden zu. Und angesichts der wachsenden Korruption in der Staatsverwaltung weckt selbst das erst vor kurzem entdeckte Erdöl Ängste: Ressourcereichtum hat bisher nur in den allerwenigsten Ländern Afrikas das Wohl der Allgemeinheit verbessert.
Die NPP hat den 64-jährigen Nana Akufo-Addo ins Rennen geschickt, dessen Vater zu den Führern der Unabhängigkeitsbewegung in der früheren britischen Kolonie Goldküste gehörte. Der Wahlslogan des in Grossbritannien ausgebildeten Juristen und Gründers des ghanaischen Menschenrechtskomitees lautet «Believe in Ghana». Akufo-Addo führt einen pompösen Wahlkampf im amerikanischen Stil.
Verweis auf Barack Obama
Der Gegenkandidat des etwas weiter links politisierenden Nationaldemokratischen Kongresses (NDC) ist der ebenfalls 64-jährige John Atta Mills. Der in London promovierte Wirtschaftsexperte war Ende der 90er-Jahre während vier Jahren Vizepräsident. Er beruft sich auf Barack Obama und verspricht Veränderungen. Rein formell ist das kein leeres Versprechen: Mills Sieg wäre der zweite demokratische Machtwechsel, seit Ghana 1992 ein Mehrparteiensystems eingeführt hat. Definitive Wahlergebnisse werden für Mitte Woche erwartet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.12.2008, 21:39 Uhr

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