Banden-Attacken auf Frauen schockieren Deutschland

Übergriffe auf Frauen durch ausländische Kriminelle in Köln heizen die Stimmung gegen Flüchtlinge an.

Frauen protestieren gegen die Übergriffe am Kölner Bahnhof – und gegen die rechte Hetze gegen Ausländer (5. Januar 2016).

Frauen protestieren gegen die Übergriffe am Kölner Bahnhof – und gegen die rechte Hetze gegen Ausländer (5. Januar 2016). Bild: Wolfgang Rattay/Reuters

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Am Neujahrsmorgen hatte die Kölner Polizei die Silvesternacht noch als «entspannt» beschrieben. 40 Stunden danach veröffentlichte sie eine erste Mitteilung zu sexuellen Übergriffen durch ausländische Kriminelle, 85 Stunden danach gab es die erste Pressekonferenz. Aber erst gestern Dienstag, fünf Tage danach, detonierten die Vorkommnisse mit Wucht in der deutschen Öffentlichkeit. Kanzlerin Angela Merkel nannte die Übergriffe «widerwärtig» und verlangte eine «harte Antwort des Rechtsstaats» – ohne Ansehen der Herkunft oder Religion der Täter. Innenminister Thomas de Maizière warnte gleichzeitig davor, «dass nunmehr Flüchtlinge, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden». Alle Parteien von links bis fast ganz rechts pflichteten ihm darin bei. Doch die Warnung kam zu spät.

Pegida warnt vor «Bürgerkrieg»

In den sozialen Medien kochte die Stimmung längst über. Von rechts aussen wurden Ausländer pauschal als «Vergewaltiger» und «Ungeziefer» beschimpft. «Diese Vergewaltigungen waren erst der Anfang», schrieb einer unter dem Banner der «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» (Pegida). Demnächst werde es absehbar zu «Waffengewalt» und «Bürgerkrieg» kommen. Pegida-Gründer Lutz Bachmann zeigte auf Twitter auf die politisch Verantwortlichen: «Merkel, Gabriel, Gauck usw. Ihr habt alle mit missbraucht in Köln & Hamburg.» Beliebt waren auch Beiträge, welche der «Lügenpresse» vorwarfen, sie habe die Geschehnisse verheimlichen wollen. Anti-Feministinnen und Machos lästerten gegen Feministinnen, die wegen jedes anzüglichen Witzes aufschrien, aber nun den Mund hielten, nur weil die Täter die «falschen» seien. Die keilten zurück und verbaten sich solche «Scheinheiligkeit»: «Natürlich ist auch Köln einen #Aufschrei wert», twitterte «Lucie». «Aber nicht von euch pseudoempörten Rassisten, die sich das jetzt aneignen.»

Angeheizt hatten die Stimmung Berichte, die den Eindruck erweckten, 1000 junge Ausländer seien quasi pogromhaft über Frauen hergefallen. Diese Darstellung trifft nach allem, was man bisher weiss, nicht zu. Die Kölner Polizei sprach am Dienstagnachmittag von bislang 90 Anzeigen, von denen sich etwa ein Viertel auf sexuelle Übergriffe und drei Viertel auf «Eigentumsdelikte» bezogen. Vor dem Kölner Hauptbahnhof und dem Dom habe sich in der Silvesternacht eine aggressive Menge von mehr als 1000 Männern gebildet. Die eigentlichen Täter aber seien viel weniger zahlreich gewesen und hätten in Gruppen von wahrscheinlich einigen Dutzend begonnen, Frauen zu begrapschen und zu bestehlen. Dabei sei es zu massiven sexuellen Belästigungen gekommen, in einem Fall zu einer Handlung, die strafrechtlich als Vergewaltigung gelte.

Polizei, Opfer wie Zeugen beschrieben die Täter übereinstimmend als «nordafrikanischer» oder «arabischer» Herkunft. Die Polizei glaubt auch zu wissen, aus welcher Szene sie kommen. Seit Monaten sind in der Kölner Innenstadt Banden von insgesamt etwa 40 «Intensivtätern» zugange, die durch Trickdiebstähle sowie Raubüberfälle auffallen. «Normalerweise gehen die zu zweit oder zu dritt vor», berichtete ein Szenekenner dem «Kölner Stadt-Anzeiger». «Dass sich die Zellen zusammenschliessen, um gemeinsam über ihre Opfer herzufallen, das hat eine neue Qualität.» Die Polizei vermutet, dass die sexuellen Übergriffe ein Trick waren, um die Opfer danach leichter bestehlen zu können. Hinweise, dass unter den Tätern Flüchtlinge waren, gebe es bisher keine, sagte die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Polizei nicht vorbereitet

Die Polizei, die mit 140 Kölner und 70 Bundesbeamten am Bahnhof präsent war, war auf die neue Taktik nicht vorbereitet und bekam diese erst mit, als erste Opfer Anzeige erstatteten. Die Frauen waren in den meisten Fällen nicht in der Lage, detaillierte Angaben zu den Tätern zu machen, weil «alles so schnell ging» und die Angreifer im Silvesterchaos leicht untertauchten. Entsprechend hat die Polizei auch fünf Tage später noch keinen einzigen Tatverdächtigen verhaftet. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass es ähnliche Angriffe auf Frauen an Silvester auch in Hamburg und Stuttgart gegeben hatte, wenn auch in geringerem Ausmass. Experten sprachen von einem neuen Phänomen «organisierter Kriminalität».

Die Kölner Oberbürgermeisterin traf sich mit der Polizei zu einem Krisentreffen. Reker war kurz vor ihrer Wahl im vergangenen Oktober von einem Fremdenhasser mit einem Messer lebensgefährlich verletzt worden. Sie kündigte für die Karnevalszeit polizeiliche Massnahmen an, die garantieren sollen, «dass es solche Vorfälle hier nie mehr gibt». Den nordafrikanischen Trickdieben versuche man unter anderem mit Rayonverboten zu begegnen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.01.2016, 00:10 Uhr)

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