Der Safe ist leer

Firmenchefs und Bürgermeister rufen die Griechen dazu auf, am Sonntag für den Euro zu stimmen. Derweil wird hinter den Kulissen bereits um eine Allparteien-Notregierung gerungen.

Im Athener Vorort Peristeri drängen sich Rentner vor einer Bank, um Pensionsgeld abzuheben.<br />Foto: Fotis Plegas (Keystone)

Im Athener Vorort Peristeri drängen sich Rentner vor einer Bank, um Pensionsgeld abzuheben.
Foto: Fotis Plegas (Keystone)

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In einer der feineren Geschäftsstrassen in Athen stehen die Verkäuferinnen vor den Läden, das Ohr am Handy. Die Geschäfte sind leer. Wer braucht auch jetzt Hemden. Kein Kunde weit und breit. Nur in den Supermärkten wird gehamstert, am Tag 1 der neuen Zeit. Griechenland ist ohne internationale Rettungsweste, das Kreditprogramm von EU, EZB und IWF ist um 24 Uhr in der Nacht zum Mittwoch nur noch Makulatur. Regierungschef Alexis Tsipras wollte einst ja genau das, im Wahlkampf hatte er den Griechen versprochen, die «Memoranden», die Sparprogramme, «zu zerreissen». Dass das Ende dann so aussehen würde, hatte er wohl nicht geahnt.

Vor grösseren Bankfilialen steht jetzt schon tagsüber Polizei. In den Schlangen an den Automaten warten am Mittwoch auch Leute, die wissen wollen, ob ihr Gehalt auf dem Konto eingetroffen ist. Auch da gibt es böse Überraschungen. «Ich habe nichts bekommen, ich arbeite jetzt seit 31 Jahren, so etwas ist noch nie passiert», sagt ein Mann. Er ist wütend und bestürzt. Die Griechen sind daran gewöhnt, dass ihre Arbeitgeber schon mal in Raten zahlen, aber gar nichts? Das ist wie ein Bankrott.

Spitäler schlagen Alarm

In einem Land ohne Banken und mit ­Kapitalverkehrskontrollen geht vieles nicht mehr. Die Studiengebühren für die Kinder im Ausland können nicht überwiesen werden. Griechische Bankkarten funktionieren auch im Ausland entweder gar nicht oder nur sehr eingeschränkt. Und was ist mit Stromrechnungen, Telefon? Manche versuchen am Automaten, ihre Rechnungen abzustottern. 60 Euro jeden Tag. Spitäler schlagen Alarm, weil Pharmafirmen nichts mehr auf Kredit liefern wollen, sie verlangen Vorkasse, selbst bei grossen Athener Kliniken. Ein verzweifelter Banker erzählt, 7000 Leute hätten in seiner Filiale die versprochene Rentenauszahlung beantragt. Er hat aber nur noch eine Million Euro im Safe. Das sind nicht einmal 150 Euro für jeden.

Am Mittwoch gibt es dann hässliche Szenen, als einige Filialen öffnen, nur um Renten auszuzahlen. Es kommt zum Gedränge, alte Menschen weinen, rangeln um Wartenummern. Andere wenden sich verschämt ab oder versuchen, Plastikhocker weiterzureichen, damit nicht alle in der Hitze im Stehen ausharren müssen. Die Regierung wollte gerade die Rentner vor neuem Unglück schützen mit ihrem Widerstand gegen weitere Kürzungen. Und nun stehen diese wie Bettler vor den Banken, am Tag, an dem das verhasste Sparprogramm der Kredit­geber offiziell Geschichte ist.

Der Riss, der auch durch die Regierung geht, ist nicht mehr zu leugnen.

Vorausgegangen war eine schwarze Nacht. Es regnete in Strömen. Die Sicherheitskräfte hatten sich um den zentralen Syntagma-Platz postiert. Am Dienstagabend demonstrierte hier das Bürgertum für ein Ja im Referendum, für den Euro und gegen Tsipras. Rund 20'000 Menschen sind auf dem Platz. Die Idee der Regierung, das Volk zu befragen, hat das Volk gespalten. «Tsipras hat gesagt, die Griechen hatten auch schon eine Zivilisation vor dem Euro, aber ich will nicht zurück zu Perikles, ins fünfte Jahrhundert vor Christus», sagt Gior­gos, 32, ein Anwalt. «In dieser Zeit gab es noch Sklaven», sagt Katerina, 41. Auch sie ist Juristin. Ein älterer Mann mit Nickelbrille sagt: «Auch wir sind das Volk.»

Die Bilder vom Syntagma-Platz dürften dazu beigetragen haben, dass der Riss, der auch durch die Regierung geht, nicht mehr zu leugnen ist. Vizepremier Giannis Dragasakis erlaubt als Erster den Blick hinter die Kulissen im Premierpalast, dem Megaro Maximou, aus dem sich inzwischen die Minister lieber durch die Hintertür davonschleichen. Als sie am Samstag die Idee zum Referendum verkündeten, traten sie stolz durchs grosse Vorderportal auf die Strasse und vor die Kameras. Dragasakis deutet schon an, dass das Referendum nicht stattfinden müsse, dass es nur angesetzt worden sei, um die Verhandlungsposition Athens gegenüber der EU zu verbessern. Und mit dem neuen Vorschlag Athens würden «die Differenzen weiter verkleinert». In der Nacht noch schickt die Regierung diesen Vorschlag, eine Bitte um ein neues Hilfspaket, nach Brüssel. Der Brief ist von Tsipras unterzeichnet. Die Uhrzeit ist nicht vermerkt, aber das Datum: 30. Juni 2015. Der letzte Tag des alten Vertrags.

Dieser überraschenden Wende dürfte ein Krach in der Regierung vorausgegangen sein. Am Mittwoch schreibt die Zeitung «Kathimerini», einige «Europhile» und Referendumsgegner im Tsipras-Kabinett hätten schon einen Rücktritt erwogen, würden davon aber vorerst absehen, wegen der zusätzlichen Turbulenzen, die dies vor dem Abstimmungs-sonntag auslösen würde. Sogar aus den Reihen des rechten Koalitionspartners gibt es Distanzierungen. Das Referendum sei von Anfang an eine falsche Idee gewesen, weil es «Öl ins Feuer gegossen hat», sagt ein Vertreter der mitregierenden Rechtspopulisten, Thanasis Papachristopoulos.

Wieder eine TV-Ansprache

Im Internet kursieren Briefe von Firmenchefs, die ihre Angestellten inständig bitten, mit Ja zu stimmen, weil sie bei einem negativen Ausgang der Abstimmung nicht wüssten, ob ihr Unternehmen in zwei Wochen noch existiere. Der Bund der Tourismusindustrie (Sete) fordert auch ein Ja. Sete gehören nach ei­genen Angaben über 50 000 Unternehmen mit über 400 000 Beschäftigten an. Die Bürgermeister von Athen und Thessaloniki, Giorgos Kaminis und Giannis Boutaris, beide parteilos, haben Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos aufgesucht, um für ein Ja zu werben. Pavlopoulos, politisch zur Neutralität verpflichtet, hat derzeit viele Besucher aus allen Parteien, was darauf schliessen lässt, dass hinter den Kulissen auch um eine mögliche Allparteien-Notregierung gerungen wird.

In der Stadt hängen sie weiter Plakate an Laternenpfosten, Werbung für das Nein. Darauf steht «Syriza – für Demokratie und Würde». In einigen Ministerien wurden Beamte aufgefordert, mit Nein zu stimmen. Kurz vor dem Abend heisst es, Tsipras wolle bald wieder eine TV-Ansprache halten. Fernsehauftritte des Premiers enthielten zuletzt immer Überraschungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2015, 00:23 Uhr

Tsipras ruft zu Nein bei Referendum auf.

Kritik an der Regierung Tsipras.

Unmut unter den Griechen wächst.

Neugriechisch

Das Vokabular der Krise

Grexit: Wortkombination aus den englischen Wörtern «Greece» (Griechenland) und «Exit» (Ausgang). Steht für den Austritt Griechenlands aus der Eurozone, für den die EU aber bislang keine Regularien kennt.

Grexident: Kunstwort aus dem englischen «Greece» und «Accident» (Unfall). Soll das Hinausstolpern des Landes aus der Euro-zone beschreiben, ausgelöst durch eine Kette von Fehlentscheidungen.

Greferendum: Diese Verbindung aus «Greece» und «Referendum» macht seit der Entscheidung der griechischen Regierung, das Volk über ein Paket von Reform­vorschlägen der Kreditgeber abstimmen zu lassen, im Kurznachrichtendienst Twitter Karriere.

Alexit: Auch diese Wortschöpfung ist im Internet populär. Sie beschreibt die mögliche Zukunft von Premier Alexis Tsipras. Der hat selbst schon angedeutet, dass er nach einem verlorenen Referendum zurücktreten, also den «Exit» (Ausgang) suchen könnte. (csc)

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