«Ich kann mir nicht verzeihen»

Manuel Bauer war ein halbes Leben lang ein Neonazi, dann stieg er aus. Er hat Antworten auf die Frage, warum Nazis Ausländer verprügeln und Asylheime anzünden.

Flüchtlingsunterkunft in Flammen: Am 24. August brannte im baden-württembergischen Weissach dieses Haus nieder, in dem Asylbewerber unterkommen sollten. Foto: Keystone

Flüchtlingsunterkunft in Flammen: Am 24. August brannte im baden-württembergischen Weissach dieses Haus nieder, in dem Asylbewerber unterkommen sollten. Foto: Keystone

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Die Zähne stehen ihm etwas schief im Mund, die Lider lasten schwer auf den Augen, der Hals ist dick, der Kopf rund, die Haare kurz, die Gestalt vierschrötig. Manuel Bauer kann einem schon Angst einflössen, wenn man ihn sieht, und lange Zeit hat er vielen Angst eingeflösst, damals in Sachsen, als er noch ein Nazi war. Von 1991 bis 2006 watete er im «braunen Sumpf», wie er seine Szene heute nennt. Heute hält er Vorträge ­gegen Extremismus, engagiert sich mit sozialen Projekten gegen rechts, assistiert anderen Aussteigern, coacht Jugendliche. Auch ein Buch hat er geschrieben. Und bald wird er erstmals Vater.

Er kann nichts dafür, dass sein Gesicht seinen Wandel dementiert.

Man spricht mit ihm, um herauszufinden, wie Nazis in Deutschland heute denken und was sie antreibt. Um zu erfahren, wie er ein Nazi geworden ist und wie er das Nazitum sich selber wieder ausgetrieben hat.

Die politische Gesinnung baut  sich Manuel Bauer allmählich zusammen, bis sie fest ist.

«Es war gleich nach der Wende, als ich rechts wurde», erzählt der 36-Jährige in einem näselnden Sächsisch, dem man schon gut zuhören muss, um es zu verstehen. «Das war eine krasse Zeit. Meine Eltern verloren ihre Arbeit, Schulen schlossen, Kameraden zogen in den Westen.» An seiner Schule gibt es zwar ein paar Punks, die Mode aber, die ist rechts. «Das war eine Gesinnung, die in der DDR offiziell ja gar nicht erlaubt ­gewesen war, sie galt als westdeutsch. Das machte sie in unseren Augen umso faszinierender.» Er fühlt sich instinktiv zu den Starken auf dem Schulhof hingezogen, und die Starken, das sind zu jener Zeit die Glatzen. So folgt er seinen Freunden und dem Trend willig nach rechts. Heute meint er: «Wären sie damals links gewesen, wäre ich halt auch links geworden.»

Die Musik ist für den elf-, zwölfjährigen Manuel Bauer ein wichtiges Lockmittel, vor allem Störkraft, die rassistische Ost­rockband mit ihren heulenden Gitarren und dem Gebrüll von Kampf und Ruhm, zieht ihn an. Das ist die Tür, durch die er in die Szene eintritt. Zwei Jahre später kommt die Glatze. Die politische Gesinnung baut er sich allmählich zusammen, bis sie fest ist. Wie Beton.

In der Bundeswehr lernt er den Umgang mit Waffen und Sprengstoff.

Manuel Bauer lernt immer mehr radikale Leute kennen, wird selber immer extremer, fliegt von der Schule, tobt sich in Schlägereien, im Suff und in immer gewalttätigeren Überfällen auf Nicht-Deutsche aus. «Das schweisst zusammen und entfernt einen immer stärker von der wirklichen Welt.» Seit er 14 ist, steht er jedes Jahr vor Gericht. Irgendwann, mit 19, ist er einer der Anführer seiner Kameradschaft, in der Bundeswehr lernt er den Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Kurz darauf gründet er den «Bund Arischer Kämpfer» und bereitet sich und seine Getreuen im fantasierten Untergrund auf einen «Krieg gegen alles Nicht-Arische» vor.

Zuschlagen macht ihm Spass

Gewalt spielt für die jungen Nazis eine zentrale Rolle, der Heroismus der Tat. «Gewalt ist das Mittel, eine radikale Politik auch umzusetzen. Sie unterscheidet den Extremisten vom politischen Maulhelden, der sich den Mund fusselig redet, aber nichts tut, um die Welt zu verändern.» Vor Schlägereien fühlt sich Manuel Bauer wie ein kleines Kind, das sich auf Weihnachten freut. Zuschlagen macht ihm Spass. Seine Kameraden nennen ihn Pistole, weil er schnell schlägt und hart trifft. Stolz tätowiert er sich den Übernamen auf den Arm.

Die Nazis verprügeln jeden, der nicht in ihr Bild passt. Ob es ein Linker, ein Ausländer, ein Schwuler, ein Behinderter, ein Obdachloser ist, ist ihnen einerlei. Die Gruppe, die kultisch verehrte ­Kameradschaft, verschafft unbedingten Rückhalt und enthemmt den Einzelnen. «Die Gruppe war das Wichtigste. Der Einzelne ist nicht wichtig und nicht mächtig, die Gruppe steht über allem. Erst in der Gruppe zeigt sich eine Kraft, die die Dinge umzuwälzen vermag.»

Die Nazis verprügeln jeden, der nicht in ihr Bild passt.

Noch zehn Jahre danach purzelt Manuel Bauer das Nazivokabular mühelos aus dem Mund, wenn er darlegt, wie er und seine Kumpanen damals über Staat, Polizei und Politik dachten. «Der Staat gilt dem Nazi als verkommen, von Korruption zerfressen und undeutsch, weil eingesponnen in die jüdischen Netzwerke der Weltherrschaft. Die Polizei ist der Helfershelfer des Staates, der die ­jüdischen Machenschaften gegen die ­Interessen des deutschen Volkes umsetzt. Und die Politiker hielten wir für selbstsüchtige Lügner und Heuchler, die das Volk dem jüdischen Kapitalismus ausliefern.»

Warum ist der Hass auf Fremde für Nazis ein so starkes Motiv? «Der Fremde verkörperte für uns asoziales und parasitäres Verhalten. Wir wollten deutsches Blut und deutschen Boden schützen, all dem stand der Fremde als Feind gegenüber. Er war für uns der, der die Gesundheit des Volkskörpers bedrohte.» Dabei ist Manuel Bauer zu jener Zeit selber ohne Schulabschluss, ohne Arbeit und lebt von der Sozialhilfe.

«Ich hielt es für meine Pflicht, die Geburt eines anti-deutschen Individuums zu verhindern.»Manuel Bauer

Mit seiner Nazibande schleudert er Brandsätze gegen Asylbewerberheime, überfällt eine türkische Hochzeit, schlägt ein fünfjähriges indisches Mädchen und wirkt mit, als Kameraden eine schwangere Frau in den Bauch treten. Was für ein Mensch ist man in so einem Moment? «Die schwangere Frau war Deutsche, aber sie erwartete ein Kind von ihrem türkischen Freund. In meinem damaligen Wahn nahm ich das als einen Fall von Rassenschande wahr. Die Frau hatte mit Vorsatz das deutsche Volk verraten, deswegen hielt ich es für meine Pflicht, die Geburt eines anti-deutschen Individuums zu verhindern.»

Wie denkt er heute an diese Taten zurück? «Mit grosser Scham und grossem Schuldgefühl. Das geht nicht weg. Auch nach Jahren noch nicht.»

Dem massigen Mann mit dem Schlägergesicht ist die Erschütterung über seine eigene Vergangenheit anzuspüren. Auf Youtube kann man einen bewegenden Fernsehbeitrag von 2011 sehen, in dem Filmer des WDR Manuel Bauer auf dem Weg zu einem ehemaligen Opfer nach Sachsen begleiten. Ein schwuler Geschäftsmann, den der Nazi damals ­erpresst und zusammengeschlagen hat. Der Ex-Nazi zittert vor der Begegnung, danach weint er vor Scham, aufgelöst.

Ausgerechnet Hilfe von Türken

2001 muss er ins Gefängnis, wegen der Erpressung und einer ganzen Reihe weiterer Delikte. Zwei Jahre und zehn Monate lautet das Urteil. Es ist der Wendepunkt. Im Gefängnis kommen ihm Gedanken. Wegen eines Streits um einen Joint, den Bauer als «undeutsch» verabscheut, wird er von zwei anderen Nazis angegriffen. Zu Hilfe springen ihm zwei türkische Mithäftlinge – ausgerechnet. «Sie retteten mich, obwohl sie wussten, dass ich sie hasste, obwohl sie wussten, dass ich sie aus Deutschland vertreiben wollte.»

«Du musst alle Überzeugungen, Erinnerungen und Freunde hinter dir lassen.»

Das sät Zweifel in ihm. Er kommt in Kontakt mit Exit, einer Organisation, die gezielt Nazis zum Ausstieg verhilft. Erst macht er nur mit, um seine Strafe abzumildern. Mit der Zeit fasst er Vertrauen und beginnt, die Unmenschlichkeit seiner Ideologie und die Verlogenheiten seiner Kameradschaft zu durchschauen. Aber es dauert noch Jahre, bis er den Panzer der Ideologie sprengt und gänzlich ablegt. Seine Freundin, die aus ganz anderen Kreisen kommt, spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Warum ist es so schwierig, den Nazi in sich loszuwerden? «Es ist ein Irrglauben, eine Gehirnwäsche, ein Wahn.» Um den Wahn hinter sich zu lassen, muss man gewissermassen erst sterben. «Du musst alle Überzeugungen, Erinnerungen und Freunde hinter dir lassen, dein ganzes Leben, dein Hirn neu programmieren.» Wie macht man das? «Indem man dem vermeintlichen Feind als Mensch neu begegnet. Indem man sich aussetzt, statt einmauert. Ich habe viel mit Ausländern gesprochen, mit Asylbewerbern, Muslimen, um ein anderes Bild zu bekommen. Diese persönlichen Begegnungen sind das Wichtigste.»

Neonazis werden unterschätzt

Die Nazis reagieren mit Unglauben, offener Feindschaft und Drohungen, als ­Manuel Bauer sich distanziert. Lange Zeit lebt er in ständiger Furcht, von seinen ehemaligen Kameraden überfallen zu werden. «Stellen Sie sich vor: Das sind Leute, die ich teilweise kenne, seit wir im Kindergarten waren!» Als er endgültig mit ihnen bricht, verlässt er auch Sachsen und wohnt fortan unerkannt in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Aber noch heute sieht er sich häufig um, wenn es dunkel ist auf der Strasse.

Wie geht er mit den Schuldgefühlen um? «Es hilft mir, über meine Vergangenheit zu sprechen. Und mein Engagement für andere Aussteiger und mit ­Jugendlichen entlastet mich. Ich kann damit nichts ungeschehen machen. Ich kann mir auch nicht verzeihen, was ich getan habe. Aber es hilft mir, mit all dem zu leben.»

Die Nazis reagieren mit offener Feindschaft, als ­Manuel Bauer sich distanziert.

Gerade dieses Wochenende wurde in Wertheim (Baden-Württemberg) eine neue eingerichtete Notunterkunft für Flüchtlinge angezündet. Staunt er darüber, dass in Deutschland nun wieder Asylheime brennen, dass Deutschland wieder über Neonazis spricht? «Nein, die Szene war ja zuvor nur weggetaucht, nicht verschwunden. Jetzt, wo so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, glauben sie ihre Zeit wieder gekommen.» Manuel Bauer hält die Rechtsextremisten für gefährlich, weil er ihre Gewaltbereitschaft von sich selber kennt. Die Nazipartei NPD erachtet er als verfassungsfeindlich und tritt für ihr Verbot ein. «Die Öffentlichkeit unterschätzt die Gefahr. Nazis sind darauf aus, ihre eingebildeten Feinde auszuschalten. Ich fürchte, es wird bald wieder Tote geben.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.09.2015, 06:58 Uhr)

«Es hilft mir, über meine Vergangenheit zu sprechen»: Manuel Bauer, ehemaliger Neonazi.

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