«Ich wollte eine Legende schaffen»

Komiker Jón Gnarr zeigte als Bürgermeister von Reykjavik: Politik können alle, auch Anarchisten. Man muss nur manchmal zugeben können: Ich habe keine Ahnung.

«Seriöse Arbeit ist das Subversivste, was du tun kannst», sagt Jón Gnarr. Foto: Sabina Bobst

«Seriöse Arbeit ist das Subversivste, was du tun kannst», sagt Jón Gnarr. Foto: Sabina Bobst

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Reykjavik wählte Jahrzehnte konservativ. Aber 2010 siegten die Anarchosurrealisten von der Besten Partei. Und Sie wurden Bürgermeister.
Dass ich gewählt wurde, war tatsächlich ein Wunder. Aber man muss wissen, was damals los war. Die Leute hatten die Nase voll von der Politik. In Reykjavik hatte man in vier Jahren vier Bürgermeister gehabt. Und durch den Bankrott der drei grössten Banken stand das Land am Rand der Pleite. Es herrschte ein Klima der Angst, der Unsicherheit. Das war wirklich surreal.

Eigentlich die perfekte Ausgangslage für einen Rechtsrutsch.
Ja. Die rechten Parteien arbeiten mit der Angst, weil sie selber ängstlich sind. Doch stattdessen ­kamen wir, die Anarchisten. Jemand hatte die Tür offen gelassen, und wir stellten einfach unseren Fuss dazwischen – bevor es die anderen taten.

Aber warum trauten Ihnen die Leute? Niemand in Ihrer Partei hatte politische Erfahrung. Sie waren als Komiker bekannt, die meisten anderen galten als Punks.
Es war ja nicht so, dass ich der Unbekannte mit der roten Clownnase war. Die Leute kannten mich, zehn Jahre lang war ich als Stand-up-Comedian fast jeden Morgen am Radio zu hören. Bei 300'000 Leuten in Island ist man leicht eine nationale Berühmtheit. Und die Leute mochten mich. Ich hab nie ­jemandem wirklich wehgetan, ich gebe mehr, als ich nehme, versuche aufrichtig zu sein und Spass zu haben. Die Leute spürten dies und wählten mich und meine Partei. Sie wollten etwas Neues.

Wer Sie nicht mochte, waren die konservativen Politiker in der Opposition.
Ja, im Wahlkampf lief es so, wie es Gandhi einmal sagte: Erst ignorieren sie dich. Dann lachen sie über dich. Dann bekämpfen sie dich. Und dann ­gewinnst du.

Sie wurden als unfähig angegriffen.
In meiner Zeit als Bürgermeister habe ich viel über das Wesen des Politikers erfahren. Es geht vor ­allem um Konfrontation. Du sagst dies, die Opposition das Gegenteil. Man haut sich verbal runter. ­Erstaunlich war, dass viele Gegner nachher zusammen eins trinken gegangen sind, zum Teil sogar ­befreundet sind.

Ehrlich?
Viele Politiker sehen Politik wie einen Sport. Und eine Schwäche, die nicht wenige haben, ist der ­Alkoholismus. Die politische Kultur ist sehr männlich geprägt: Poltern, Entscheidungen treffen und danach was saufen gehen.

«Spass zu haben, war in diesem Amt für mich überlebenswichtig.»

Und warum wird so viel gesoffen?
Sie wollen die Angst überwinden. Die Angst vor Entscheidungen. Denn Politik ist: Entscheidungen treffen. Du musst immer klare Meinungen haben, stets auf einer Linie sein.

Und was war Ihre Linie?
Ich habe oft gesagt: Ich weiss es nicht. Das hat die Leute anfänglich irritiert. Zu Beginn meiner Zeit als Bürgermeister fragte mich der Moderator in einer TV-Sendung, wie man die bankrotten städtischen Energiewerke sanieren sollte. Und ich gab zu, dass ich keine Ahnung hatte. Der Moderator insistierte, wollte eine Meinung zu diesem wichtigen Thema. Ich meinte nur: I just don’t know.

Und die Reaktionen?
Am nächsten Tag war das natürlich überall die Schlagzeile, mit einem dämlichen Bild von mir. Ich schämte mich. Ich fühlte mich wie ein Idiot. Im ­Supermarkt kam dann ein alter Mann auf mich zu und bedankte sich für das Interview. Ich fragte: Wirklich? Und er sagte: Zum ersten Mal habe er einen Politiker gesehen, der zugab, etwas nicht zu wissen.

Die vier Worte «Ich weiss es nicht» sind das letzte Tabu, auch im Journalismus.
Wenn gefragt würde: Wird es Leben geben auf dem Mars, würden die meisten antworten: Wir müssen zuerst die Mission abwarten, diese auswerten, dann weiterschauen usw. Aber eigentlich ist es ganz einfach: Wir haben schlicht keine Ahnung.

Zurück zu den bankrotten Energiewerken: Sie brauchten trotz allem einen Plan.
Ich wendete das an, was ich als Künstler gelernt hatte. In einer Band, in den Vorbereitungen zu einem Film oder Theaterstück muss man auch viel reden. Es geht darum, gemeinsam an einer Idee zu arbeiten. Ich fragte also die Leute: Was wollt ihr? Was könnt ihr nicht tun? Welche Ideen habt ihr?

«Auch bei Unangenehmem darfst du nicht um den Brei ­herumreden. Es geht darum, Verantwortung zu ­übernehmen.»

Und so saniert man einen Energiekonzern?
Ja. Als wir mit allen geredet hatten, war die Lage klar. Wir mussten die Nebengeschäfte kappen, den Aufsichtsrat mit Experten statt Politikern besetzen und Leute entlassen. Das war hart. Aber auch bei Unangenehmem darfst du nicht um den Brei ­herumreden. Es geht darum, Verantwortung zu ­übernehmen.

Heute gilt die Sanierung des Konzerns als grösster Erfolg Ihrer Amtszeit. Und das ­Ausgleichen des Budgets. Ist das der Job von Anarchisten?
Wie gesagt, es ging uns darum, Verantwortung zu übernehmen. Und ernsthaft zu arbeiten. Wenn die bürgerlichen Politiker das nicht mehr tun, ist ­seriöse Arbeit das Subversivste, was man tun kann.

Sie sagten einmal: Es gibt Tausende von Songs über Liebe und über Freiheit, aber keinen einzigen über Verantwortung. Wie würde der aussehen?
Der Refrain könnte lauten: Let’s get responsible. Oder so. Aber man müsste sicher auch über die Schwierigkeiten von Verantwortung singen. Denn viele wollen diese nicht zusätzlich auf sich nehmen. Sie denken, sie haben eh schon zu viel und sind vom Alltag überfordert.

Sie sind durch alle Schulen gefallen, Sie galten als zurückgeblieben und konnten erst mit 16 die Monate fehlerfrei aufsagen. Wie haben Sie Verantwortung gelernt?
Lernen kann mans nicht, man muss es einfach tun. Ich wurde sehr jung zum ersten Mal Vater. Da macht man einfach. Ich denke, Verantwortung ist eng gekoppelt mit der Reflexion über das eigene Handeln. Da ist es nicht wichtig, was richtig und was falsch ist. Ich hatte mit 19 Jahren einen epileptischen Anfall und lag im Koma. Als ich aufwachte, war das wie ein Neustart meines Lebens. Ich wollte kein Loser mehr sein. Ich wollte leben, ich wollte Spass haben. Das klingt nach Mystik, ich weiss. Aber ich entschied mich. Ich traf eine Wahl. Darum gehts, glaub ich.

«Am Anfang dachte ich noch: Politiker sind alle ­korrupt und dumm. Dem ist aber nicht so.»

Und wie verantwortlich sind professionelle Politiker?
Am Anfang dachte ich noch: Politiker sind alle ­korrupt und dumm. Dem ist aber nicht so. Es sind oft sehr intelligente, analytische Menschen, die wirklich sehr stark im logischen Denken sind. Und es gibt in diesem Milieu viele Leute, die einfach ­dafür geboren sind. Wenn es ein Quartettspiel mit Merkel, Obama und Co. geben würde, würden sie damit schon als Kinder spielen.

Und warum hatten diese Politiker in Reykjavik so versagt?
Wir in der Besten Partei hatten einen grossen Vorteil. Bei umstrittenen Sachen – den Stadtwerken, der Steuererhöhung, dem Zusammenlegen von Schulen – kamen viele Leute und sagten, dass wir bei diesen Entscheidungen nicht wiedergewählt werden würden. Und wir sagten: Wiederwahl? ­Welche Wiederwahl? Wir wollten gar nicht Politiker sein, die Politiker aber schon. Der Wunsch, gewählt zu werden, macht sie erpressbar.

Sie hatten noch einen Vorteil. Auch bei knapper Kasse sorgten Sie für eine Verbesserung der Stimmung bei den Bürgern. Sie hatten Humor.
Von mir als Bürgermeister gabs natürlich für die Presse dankbare Bilder: in Frauenkleidern, in ­einem pinken Kostüm, als «Star Wars»-Figur Obi-Wan Kenobi. Spass zu haben, ist in diesem Amt sehr wichtig, überlebenswichtig.

Gingen Dinge auch schief?
Ich kann nicht sagen, dass etwas wirklich komplett schiefging. Ich merkte bald: Ich kann das. Alle können das. Politik ist für jedermann. Es ist ja nicht so, dass man ein Flugzeug fliegen und zuerst die ganze Technik kennen muss. Ein Politiker sollte einfach verantwortungsbewusst sein, regelmässig im Büro erscheinen und einfach seinen fucking Job machen.

Aber brauchen Politiker nicht auch einen langen Atem? Es gibt Tausende Sitzungen.
Es gab tatsächlich viele langweilige Sitzungen. Manchmal wusste ich nicht einmal, um was es ­genau ging. Wenn ich deswegen schlechte Laune bekam und jammerte, sagte ich mir, wie dankbar ich sein müsse, Bürgermeister zu sein und die Chance zu haben, Wichtiges zu tun. Man muss ­demütig bleiben. Und meine Parteikollegen hielten mich bei Laune. Wir erfanden ein System, um uns gegenseitig zu inspirieren, und schickten uns bei langweiligen Debatten freche SMS. Ein bisschen wie früher in der Schule.

Wie haben Ihre Parteikollegen das Amt überstanden?
Wichtig war, dass wir uns immer wieder gegenseitig sagten: Wir sind keine Politiker. Wir sind Leute, die einfach mal ein bisschen im Rathaus sitzen und Politik machen. Wir wollten Aliens bleiben. Denn unser Verständnis von Macht ist: Wir gehen mit dem Flow, aber wir sind nicht der Flow.

«Es ist doch lustig, wenn die Leute irgendwann nicht mehr wissen, was Erfindung und was Realität ist.»

Eine scheussliche Sache am Job als Politiker ist, dass einen jeder ansprechen kann.
In der Tat. Im Supermarkt kamen Leute zu mir und wollten wissen, warum zum Teufel es in ihrer Strasse nur drei Strassenlaternen gab. Oder warum der Abfallcontainer vor ihrem Haus seit Montag nicht geräumt wurde. Der Nachteil an der Demokratie ist, dass auch Idioten mitreden können. Und ich meine damit nicht einfache Leute, die vielleicht nicht so eine gute Bildung haben. Idioten sind für mich Menschen, die einfach immer nur nehmen und das nicht einmal merken.

Nach vier Jahren stellten Sie sich nicht mehr zur Wiederwahl. Obwohl alle Umfragen einen Sieg versprachen.
Ich wollte eine Legende schaffen. Wären wir wieder angetreten, hätten wir nur die Wiederholung geboten. Der Zweck war nicht, Politiker zu werden. Sondern zu zeigen: Jeder kann Politiker sein.

Trotzdem wollten die Isländer, jedenfalls laut Umfragen, Sie zum Staatspräsidenten wählen. Eine Versuchung?
Ich muss zugeben: Es war eine Versuchung. Ich hatte schon eine Idee für die Kampagne. Ich war kürzlich in Texas. Darum hätte ich Plakate gedruckt, mit mir auf einem Pferd mit Wikingerhelm. Der Slogan: «Der verlorene Sohn kehrt als Retter nach Island zurück!» Und ich hätte einen Hollywoodregisseur einen Werbefilm drehen lassen, auf Breitleinwand. Ort der Pressekonferenz: die Southfork-Ranch. Dort, wo «Dallas» gedreht wurde. Aber es sollte nicht sein. Es wäre einfach zu viel ­Arbeit gewesen. Aber fürs Ego war es schon gut.

Sie sind jetzt ein Ex-Bürgermeister. Was machen Sie heute?
Derzeit arbeite ich an einer Serie fürs isländische Fernsehen. Ich spiele da den Bürgermeister von Reykjavik. Er ist ein Mann vom Land, ein korrupter Alkoholiker, ein Typ, der sich eigentlich nur für ­Autos interessiert. Oder eigentlich nur für ein ­einziges Auto: den Toyota Land Cruiser. Und das gibt natürlich Ärger.

Das heisst, Sie ruinieren gerade Ihren hart erarbeiteten, guten Ruf?
Ob ich damit mein Image als Ex-Bürgermeister schädige? O ja! Aber schlimm ist das nicht. Im ­Gegenteil: Es ist doch lustig, wenn die Leute irgendwann nicht mehr wissen, was Erfindung und was Realität ist.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.11.2015, 23:43 Uhr)

Jón Gnarr

Ehemaliger Bürgermeister von Reykjavik

Der Stand-up-Comedian (48) mit anarchistischer Gesinnung zog 2010 mit seiner Besten Partei ins Stadthaus der isländischen Hauptstadt ein. Über seine Zeit als Bürgermeister hat Gnarr ein Buch geschrieben: «Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!» (Tropen-Verlag).

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