In der Finsternis

Dieser Terroranschlag ist von besonderer Boshaftigkeit. Wer eine Bombe bei einem Konzert von Ariana Grande zündet, der hat es gezielt auf Kinder und Jugendliche abgesehen.

Die Verunsicherung in Manchester hält an: Gestern liessen die Behörden zwischenzeitlich auch ein Einkaufszentrum evakuieren. Foto: Darren Staples (Reuters)

Die Verunsicherung in Manchester hält an: Gestern liessen die Behörden zwischenzeitlich auch ein Einkaufszentrum evakuieren. Foto: Darren Staples (Reuters)

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Für einen kurzen Moment, eine ­Sekunde, vielleicht zwei Sekunden, herrschte Verwirrung in der Manchester Arena. Am Ende des Konzerts der Popsängerin Ariana Grande waren am Montagabend rosafarbene Ballons vom Hallendach ins Auditorium geschwebt. Konnte dieser laute Knall bedeuten, dass einige von ihnen geplatzt waren? Oder war vielleicht eine der Boxen auf der Bühne durchgebrannt? Eine Sekunde, zwei Sekunden. Dann kapierten die Menschen in der Halle, dass gerade eine Bombe explodiert war, und es setzte Panik ein. Tausende Kinder, ­Jugendliche und Erwachsene rannten schreiend umher, sie hatten Angst, sie rannten um ihr Leben.

Die Bombe wurde um 22.33 Uhr von einem Selbstmordattentäter an einem der Ausgänge der Arena gezündet. Ein Vater, der seine Tochter abholen wollte und gerade an der Halle ankam, erzählte, dass er von der Wucht der Explosion zehn Meter weit durch die Luft geschleudert wurde. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, sah er überall Menschen am Boden liegen, viele davon reglos. Er sah Blut. Und er hatte nur diesen einen Gedanken: seine Tochter zu finden. Also lief er nicht, wie alle anderen, weg von der Halle, sondern hinein. Er fand seine Tochter später unverletzt.

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22 Menschen hat der Attentäter getötet, 59 sind verletzt, manche kämpfen noch immer um ihr Leben. Sie werden in acht Krankenhäusern in Manchester behandelt. Offenbar handelte es sich um eine Splitterbombe. Viele Verletzungen wurden durch umherfliegende Metallteile verursacht. Die Polizei teilte mit, sie glaube zu wissen, wer der Attentäter war, machte aber keine weiteren Angaben zu seiner Identität. Ob er die Tat allein geplant habe, sei unklar. Im Verlauf des Dienstags wurde ein 23 Jahre alter Mann im Zusammenhang mit dem ­Anschlag festgenommen.

Jeder Terroranschlag ist niederträchtig, doch dieser ist von besonderer Boshaftigkeit. Wer eine Bombe bei einem Konzert von Ariana Grande zündet, der hat es gezielt auf Kinder und Jugendliche abgesehen. Eine der Toten ist ein acht Jahre altes Mädchen namens Saffie Rose Roussos. Mindestens zwölf Kinder, die jünger als 16 sind, liegen in den Krankenhäusern.

«Ich bin sprachlos»

Die 23 Jahre alte Grande ist als Kinderstar in einem Broadway-Musical aufgetreten. Später spielte sie in einer amerikanischen Teenager-Serie mit, schliesslich begann sie zu singen. Sie singt harmlose Popsongs, die bei Jugendlichen sehr gut ankommen. Ihre Fangemeinde ist gewaltig. Auf Twitter folgen ihr mehr als 45 Millionen Menschen. In der Manchester Arena hatten sich 20 000 Fans versammelt, um ihr zuzuhören. Es sollte ein heiterer Abend werden, ein Fest. Es wurde ein Albtraum. Viele der Kinder verliessen die Halle sichtlich geschockt. Was sie gesehen haben, werden sie ­vermutlich ihr Leben lang nicht mehr vergessen. Grande war zum Zeitpunkt der Explosion nicht mehr in der Halle. Als sie mitbekam, was passiert war, schrieb sie auf Twitter: «Gebrochen. Vom Grunde meines Herzens tut es mir so leid. Ich bin sprachlos.»

Unter den Besuchern war auch Cristina Guardiola, die Frau des ehemaligen Bayern-Trainers Pep Guardiola, der mittlerweile bei Manchester City arbeitet und in der Nähe der Arena wohnt. Er war zu Hause geblieben, während seine Frau mit den Töchtern María und Valentina zum Konzert ging. Die drei waren bereits auf dem Heimweg, als sie die ­Explosion hörten und plötzlich alle zu rennen begannen. Offenbar waren die Frauen mehrerer Spieler aus Guardiolas Mannschaft ebenfalls mit ihren Kindern beim Konzert.

Über dem Amtssitz von Premierministerin Theresa May in der Londoner Downing Street wehten die Flaggen am Dienstag auf Halbmast. Am Vormittag hielt May eine kurze Ansprache, in der sie die Tat aufs Schärfste verurteilte. Sie sprach von einer «gefühllosen Attacke», die heraussteche, weil sie besonders jungen Menschen galt. Sie sagte: «Wir wollen uns an die erinnern, die gestorben sind – und diejenigen feiern, die geholfen haben.» Damit nahm sie Bezug auf die enorme Hilfsbereitschaft, die Manchester nach der Tat gezeigt hatte. Dutzende Menschen leisteten Erste Hilfe, in sozialen Netzwerken wurden Schlafplätze angeboten, Taxifahrer brachten die Menschen unentgeltlich weg von der Arena. In besonders furchtbaren Momenten wie diesem kommt nicht selten das Beste in den Menschen zum Vorschein.

Renaissance der Innenstadt

Es war nicht der erste Terroranschlag in Manchester. Im Dezember 1992 explodierten in der City Sprengsätze der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), dabei wurden 65 Menschen verletzt. 1996 zündete die IRA eine 1500-Kilogramm-Bombe in der Innenstadt. Die Terroristen hatten 90 Minuten vor dem Anschlag eine telefonische Warnung ausgesprochen. Die Polizei evakuierte die betroffene Gegend, 70 000 Menschen verliessen das Areal. Der Versuch, die Bombe mittels eines Roboters zu entschärfen, schlug fehl. Die Zerstörung war gewaltig, 200 Menschen wurden verletzt. Immerhin kam, wie bei dem Anschlag von 1992, niemand ums Leben. Da die Explosion während der Fussball-Europameisterschaft stattfand, wurde ihr grosse internationale Aufmerksamkeit zuteil.

Für die Stadt hat der Anschlag insoweit grosse Bedeutung, als er eine ­Renaissance der Innenstadt einleitete. Viele Gebäude waren so schwer beschädigt, dass sie abgerissen werden mussten. Das war der Beginn einer Neugestaltung, deren Folgen bis heute zu sehen sind. Manchester hat sich von einer ziemlich hässlichen Metropole zu einer ansehnlichen Stadt entwickelt. Die Terroristen haben also kurzzeitig Schrecken verbreitet, aber paradoxerweise langfristig das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen wollten. Die ­Beharrlichkeit der Gemeinschaft hat sich als stärker erwiesen.

Das hat in Manchester niemand vergessen, weshalb am Dienstag viele Lokalpolitiker sagten, auch diesmal werde die Stadt gestärkt aus der Katastrophe hervorgehen. Bürgermeister Andy Burnham, der gerade erst ins Amt gewählt worden ist, sagte: «Wir werden zusammenstehen. Die Terroristen werden nicht gewinnen.» Am Nachmittag empfing er Premierministerin Theresa May. Burnham gehört der Labour-Partei an, May den Konservativen, doch Parteizugehörigkeit spielt in solchen Momenten keine Rolle. Am 8. Juni wird in Grossbritannien gewählt, und bis zum Montagabend hatten die Parteien sich die üblichen Scharmützel geliefert. Nun ist der Wahlkampf bis auf weiteres ausgesetzt worden.

Brite libyscher Herkunft

Natürlich wird er schon bald wieder losgehen, und natürlich wird er nach einem verhaltenen Beginn schon bald wieder genauso bissig geführt werden wie zuvor. Ein Lokalpolitiker aus Manchester sagte, das sei auch gut so, denn es zeige, dass man zur Normalität zurückkehre und der Terror die Gesellschaft nicht aus der Bahn werfe.

Die britische Polizei identifizierte den mutmasslichen Täter am Dienstagabend. S. A. sei 22 Jahre alt gewesen. Geprüft werde, ob er allein gehandelt habe oder zu einem Netzwerk gehörte. Die Website Politico Europe schrieb unter Berufung auf europäische Sicherheitskreise, der Attentäter sei ein Brite libyscher Herkunft. Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat sich die Terrormiliz Islamischer Staat zu dem Attentat ­bekannt, ob sie aber wirklich dahintersteckt oder ob sie lediglich die Publicity sucht, war zunächst offen.

Manchester könnte für die dumpfe Ideologie der Terroristen ein Ziel sein, weil es eine der tolerantesten Grossstädte Grossbritanniens ist. Rund um die Canal Street gibt es zahlreiche Schwulenbars, in denen das ganze Jahr gefeiert wird. Im Vergleich muss man sich das Londoner Nachtleben als fad vorstellen. Die Integrationsinitiativen der Stadt gelten als vorbildlich. Gerade gewann das interkonfessionelle «Faith Network 4 Manchester» den britischen Community Cohesion Award. Ziel der Gruppe ist die Zusammenführung verschiedener Religionsgruppen in Manchester. Das «Muslim-Jewish Forum of Greater Manchester» lud 2016 zu einem gemeinsamen Essen ein, mit dem das Ende des Ramadan-Fastens gefeiert wurde. Manchester ist ein leuchtendes Beispiel des Miteinanders. Die einzigen Gruppen, die wirklich nicht zusammenarbeiten, sind die Fans der beiden grossen Fussballclubs, City und United.

Allerdings gibt es im Grossraum Manchester, wie in vielen englischen Grossstädten, durchaus die Sorge, dass Jugendliche und junge Erwachsene radikalisiert werden könnten. Im Jahr 2015 wurde der Student Wahed Ahmed aus Rochdale festgenommen, als er versuchte, über die Türkei nach Syrien einzureisen. Der Thinktank Quilliam, der sich vor allem mit den Gefahren des ­Islamismus beschäftigt, warnte daraufhin, dass die Gegend um Rochdale von einer islamistischen Organisation unterwandert werde.

Keine höhere Warnstufe

Bereits seit einigen Jahren gilt in Grossbritannien die Terrorwarnstufe «ernst», was bedeutet, dass ein Anschlag als hochwahrscheinlich gilt. Zur sichtbaren Folge hat das eine erhöhte Polizeipräsenz. Zudem sind mehr bewaffnete Polizisten im Einsatz. Noch immer ist das Gros der britischen Polizei unbewaffnet. Der Inlandgeheimdienst MI 5 hat nach eigenen Angaben seit 2005 mehrere Dutzend geplante Anschläge unterbinden können. Theresa May sagte am Dienstag, zunächst werde keine höhere Warnstufe herausgegeben. «Ernst» ist bereits die zweithöchste Stufe. Sie werde sich jedoch darüber mit den Sicherheitsdiensten und der Polizei beraten. Sowohl am Morgen als auch am Abend leitete sie Sitzungen des Notfallkomitees «Cobra», in dem hochrangige Politiker sowie Vertreter der Polizei und der Geheimdienste zusammenkommen. Seinen etwas martialischen Namen trägt das Komitee übrigens, weil es im «Cabinet Office Briefing Room A» tagt – die Anfangsbuch­staben ergeben das Wort Cobra.

Der Anschlag von Manchester fand genau vier Jahre nach dem tödlichen Überfall auf den Soldaten Lee Rigby statt. Dieser wurde am 22. Mai 2013 im Londoner Stadtteil Woolwich von zwei Männern zunächst mit dem Auto angefahren und dann mit Messern ermordet. Die Attentäter verliessen den Tatort nicht, sondern liessen sich von Passanten filmen, während sie islamistische Parolen skandierten. «Wir werden nie aufhören, euch zu bekämpfen», sagte einer der Männer ins Handy einer Passantin, «ihr werdet nie sicher sein.» Beide wurden festgenommen und später zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Täter sind britische Staatsbürger nigerianischer Abstammung, die zum Islam konvertiert waren. Derzeit ist offen, ab die Tat von Manchester bewusst am Jahrestag des Mordes an Lee Rigby verübt wurde.

Erst vor zwei Monaten hatte Grossbritannien zuletzt einen islamistischen Anschlag erlebt. Am 22. März hatte ein Mann mit einem Auto auf dem Trottoir der Westminster Bridge in London wahllos Passanten überfahren. Anschliessend erstach er einen unbewaffneten Polizisten, der den Eingang zum Parlament bewachte. Der Attentäter wurde erschossen. Er hat vier Menschen getötet und mehr als 50 zum Teil schwer verletzt.

Das Gelände um die Manchester Arena war am Dienstag weiträumig abgeriegelt, der nahe Bahnhof Victoria ist gesperrt. Einstweilen ist an Normalität nicht zu denken. Rund um die Arena ­liegen Blumen, es leuchten Kerzen. Was am früheren Montagabend noch der Ort eines ausgelassenen Popkonzerts war, hat sich in einen Ort des Gedenkens verwandelt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 23:06 Uhr

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