«Wir sind uns und unseren Toten treu geblieben»

Die Zeichnerin Coco hat die Anschläge auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion überlebt, weil sie den Terroristen die Tür öffnete. Ein Jahr danach spricht sie über das Trauma.

«Der Jahrestag könnte der Moment sein, wo man sich entscheidet, wieder ganz zu leben», sagt Coco. Foto: Mathieu Golinvaux

«Der Jahrestag könnte der Moment sein, wo man sich entscheidet, wieder ganz zu leben», sagt Coco. Foto: Mathieu Golinvaux

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Dürfen wir Sie nach fast einem Jahr fragen, wie es Ihnen geht?
Besser. Es ist Zeit vergangen. Das klingt lächerlich, ist aber wichtig, wenn man etwas so Schreckliches erlebt hat. Es geht mir auch besser, weil wir von vielen Seiten unterstützt werden und sich eine ganze Mannschaft von Psychologen um uns kümmert. Und besser gehts auch, weil ich arbeite.

Konnten Sie gleich wieder zeichnen?
Es war mir ein richtiges Bedürfnis. Zeichnen lenkt ab, verjagt die Bilder, die einen verfolgen. Wissen Sie, für mich war es immer ein grosser Traum, für «Charlie Hebdo» zu arbeiten. Als ich 2007 dort anfing, war ich schüchtern, total beeindruckt und hatte noch nie eine einzige Karikatur für die Presse gemacht. Das mag jetzt verrückt klingen, aber «Charlie Hebdo» war eine Art Erleuchtung für mich.

Sie haben viel von Ihren Kollegen gelernt?
Es war ein sagenhaftes Privileg für mich, mit Cabu, Charb, Luz, mit all den Grossen zu arbeiten. Sie haben mir alles beigebracht. Ich hatte das Gefühl, nach allem, was passiert ist, auch für sie weitermachen zu müssen. Sie hätten auch weitergemacht, da bin ich mir sicher.

«Charlie Hebdo» musste überleben?
Selbstverständlich. Das war die einzig mögliche Antwort. Die Zeitung hätte auf keinen Fall wegen dieser Vollidioten sterben dürfen. Wir sind verletzt und dezimiert worden, aber wir sind noch da.

 Wir wissen, dass «Charlie» jetzt weltweit gelesen wird. Also achten wir darauf, dass die Botschaft unserer Zeichnungen klar und eindeutig ist.

Hat sich der Humor verändert seither, lachen Sie noch genauso wie früher?
Wir lachen immer noch über alles, denn das ist unser Job. Wir wühlen uns durch die Zeitungen, wir kommen auf Ideen, wir lachen. Aber wir wollen auch Fragen aufwerfen und unseren Standpunkt deutlich machen. Hinter jeder Zeichnung steht schliesslich ein engagierter Mensch. Bei «Charlie» kommt die sagenhafte Freiheit dazu, politisch wie zeichnerisch. Das Klima ist jetzt sehr angespannt, aber das darf uns nicht davon abhalten, über alles zu lachen. Selbst über den Tod.

Hat die freie Meinungsäusserung gelitten?
Bei uns gibt es keine Selbstzensur, wirklich nicht. Anders ist nur eines: Wir sind nicht mehr das kleine Käseblatt, das in der Ecke vor sich hin arbeitet und nicht mal 30'000 Abonnenten hat. Wir wissen, dass «Charlie» jetzt weltweit gelesen wird. Also achten wir darauf, dass die Botschaft unserer Zeichnungen klar und eindeutig ist. Wir können uns nicht das geringste Missverständnis leisten. Wir versuchen natürlich, die Finesse, die Ironie, die Satire beizubehalten, hüten uns aber vor doppeldeutigen Botschaften. Aber ich bedauere es, dass ein so tragisches Ereignis nötig war, um den Leuten klarzumachen, wie wichtig und sogar notwendig «Charlie» für unsere Demokratie und die Freiheit der Meinungsäusserung ist.

Der belgische Karikaturist Philippe Geluck behauptet, dass man nicht mehr wie vorher zeichnen könne. Darauf haben Sie seine berühmte Katze «ohne Eier» gezeichnet. Wo sind die Grenzen dessen, was man darf und nicht darf?
Wenn es Grenzen gibt, dann nur eine einzige: das Gesetz. Geluck kann denken, was er will mit seiner dämlichen Katze, die im Übrigen extrem hässlich ist! Wenn ein Karikaturist beginnt, sich selbst zu zensieren und sich Grenzen setzt, weil ein Mensch am anderen Ende der Welt ihn missverstehen könnte, dann sollte er am besten aufhören. Ich sage weiterhin, was ich auf dem Herzen habe. Ich versuche nur, dabei so genau und präzise wie möglich zu sein.

Wenn ein Karikaturist beginnt, sich selbst zu zensieren, weil ein Mensch am anderen Ende der Welt ihn missverstehen könnte, dann sollte er am besten aufhören.

Sie sagen, die Arbeit habe für Sie etwas Therapeutisches. Aber jetzt konfrontiert Sie die Tagesaktualität mit demselben Trauma. Wie halten Sie das aus?
Ich weiss nicht, ob Zeichnen wirklich etwas Therapeutisches hat. Für mich ist die Therapie etwas sehr Persönliches. Und ich vermische Privates nicht mit Arbeit. Wenn ich in der Tagesaktualität nach Ideen suche, dann lasse ich meine tiefsten und intimsten Gefühle aussen vor. Es ist nicht therapeutisch, aber es kann etwas von einer Katharsis haben, wie es Luz in seinem letzten Bildband formuliert. Es kann die Seele läutern.

Nach dem 13. November haben Sie die Titelseite von «Charlie Hebdo» gezeichnet. Sie zeigt einen Typen, aus dessen Schusswunden Champagner quillt. Unterzeile: «Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner!» Wie konnten Sie so tadellos funktionieren?
Diese Nacht hat uns natürlich zurückgeworfen. Wir waren entsetzt, aber weil die Zeitung schon stand, mussten wir schnell reagieren und umbauen. Ich habe mir einen Tag zum Nachdenken Zeit genommen und am Samstagabend mit dem Zeichnen angefangen. Das ging komischerweise ziemlich leicht. Als würde ich mit diesen Menschen etwas teilen, als würde ich sie verstehen. Also habe ich diesen jungen Kerl gezeichnet, einen Pariser, der gerne feiert. Jeder von uns könnte das sein. Diese Titelseite handelt vom Tod, aber sie versucht ihn auf freudvolle Weise festzuhalten. Vor allem geht es um Widerstand gegen den Terrorismus, der darin besteht, weiterzufeiern, weiter Konzerte zu besuchen, zu zeichnen, Musik zu machen, einfach zu leben, Mensch zu sein. Und dann steht da auch: «Wir scheissen auf sie.» Das ist wichtig. Denn trotz des Terrors, den man uns aufzwingt, können wir als Bürger nur das tun: weiterleben wie zuvor, möglichst ohne Angst.

Der Widerstand gegen den Terrorismus besteht darin, weiterzufeiern, weiter Konzerte zu besuchen, zu zeichnen, Musik zu machen, zu leben, Mensch zu sein.

Ärgert Sie der Erfolg von Marine Le Pen, die aus diesen Ängsten Kredit schöpft?
Es ist unverantwortlich, mit den Ängsten der Menschen auf diese Weise zu spielen. Marine Le Pen nutzt die Attentate für sich und verwandelt die Laizität in Islamophobie.

Haben Sie das Gefühl, schlecht von den Medien behandelt zu werden?
Die Schamlosigkeit der Medien hat mich sehr verletzt und entsetzt. Ich persönlich wurde nach dem Attentat mit extrem unpassenden Fragen konfrontiert: «Wie fühlt es sich an, am Leben zu sein?», «Wem oder was verdanken Sie es?», «Fühlen Sie sich schuldig?», «Wie leben Sie mit dieser Last?» Solche Fragen wurden mir ins Gesicht geknallt, manchmal ohne ein «Guten Tag». Deswegen muss ich diese Frage ganz klar mit Ja beantworten: Wir sind miserabel behandelt worden.

Einige haben «Charlie Hebdo» verlassen, Luz, Patrick Pelloux. Ist «Charlie» ein sinkendes Schiff?
Nein. Jeder reagiert, wie er will, wie er kann. Luz hat 23 Jahre lang Zeitungskarikaturen gemacht, er war ein Kind Cabus und unzertrennlich mit Charb. Ihn hat das alles besonders hart getroffen. Aber Luz ist extrem kreativ, jemand, der auf den unterschiedlichsten Saiten spielt. Er wird nicht aufhören zu zeichnen, weil das Zeichnen ihm das Leben gerettet hat. Das Zeichnen hat uns, glaube ich, alle gerettet.

Manche sagen, dass Blasphemie ein Grundrecht sei. Wie sehen Sie das?
Ich selbst würde nicht einfach so aus purem Spass Gotteslästerung betreiben. «Charlie Hebdo» ist ein politisches Magazin. Uns Zeichner geht es wirklich um die Tagespolitik. Den Propheten einfach so zu zeichnen, ohne Anlass, nur um zu provozieren, das ist nicht «Charlie».

Sie sagen, die beste Form des Widerstands sei, sich zu amüsieren, Feste zu feiern. Aber das dürfte in Ihrem Fall nicht so leicht sein mit zwei Personenschützern ständig an der Seite. Geht da nicht die Spontaneität verloren?
Das stimmt. Das fehlt mir am meisten. Aber so ist es nun mal. Man kann sich tausendmal sagen, dass man keine Angst hat. Das stimmt nicht. Ich springe auf, wenn ich ein Geräusch höre, das Knattern eines Motorrades, die Explosion eines Böllers. Das Trauma ist noch nicht vollständig verarbeitet, noch nicht unter Kontrolle. Aber deshalb habe ich nicht das Gefühl, gefangen zu sein, mich hinter Mauern verstecken zu müssen. Ich bin frei geblieben.

Wie fühlt es sich für Sie an, dass der erste Jahrestag des Attentats vom 7. Januar näherrückt?
Die Gedenkveranstaltungen werden eine harte Probe werden. Andererseits ist es auch eine Gelegenheit, ein neues Kapitel aufzuschlagen – wobei das eigentlich nicht möglich ist, alles hinter sich zu lassen. Aber es könnte der Moment sein, wo man sich entscheidet, wieder ganz zu leben. In jedem Fall will ich an diesem Tag mit den anderen der Redaktion zusammen sein. Nach dem Attentat sind wir sehr eng zusammengerückt. Wir haben uns ständig angefasst, wollten uns fühlen. Das wird am 7. Januar auch so sein. Das Attentat hat uns alle verändert: Der Cartoonist Riss, der manchmal etwas mürrisch war, ist jetzt viel offener. Wir sind uns viel näher als vorher.

Auf der einen Seite waren die Leute, die wollten, dass die Zeitung in eine neue Richtung geht. Auf der anderen waren Kollegen wie ich, die fanden, es müsse bleiben wie vorher.

Was Sie sagen, stimmt so gar nicht mit dem Bild überein, das in der Öffentlichkeit ankommt. Von aussen hatte man das Gefühl, «Charlie» sei ein Scherbenhaufen, ein Haifischbecken, in dem sich alle gegenseitig zerfleischen. Hat das viele Geld alles zerstört?
Ein halbes Jahr lang war es wirklich sehr schwierig. Da gab es immer wieder Meinungsverschiedenheiten. Auf der einen Seite waren die Leute, die wollten, dass die Zeitung in eine neue Richtung geht. Auf der anderen waren Kollegen wie ich, die fanden, es müsse bleiben wie vorher. In meinen Augen ist «Charlie Hebdo» immer klug und mit Umsicht geführt worden. Die Medien haben masslos übertrieben. Auch da war wieder wahnsinnig viel Voyeurismus und Schamlosigkeit im Spiel. Aber ist das wirklich so wichtig? Ist «Charlie» nicht ein Unternehmen wie jedes andere? Wenn der Tod, der Schock, wenn Trauer, Traurigkeit und Wut regieren, würde dann nicht jede Zeitung, die Ihre inbegriffen, dieselben Spannungen und Schwierigkeiten durchlaufen?

Nach den Attentaten im Januar waren viele, aber längst nicht alle solidarisch mit den Opfern. Diesmal ist es anders. Was würden Sie denen sagen, die im Januar sagten: Ich bin nicht Charlie?
Ich war damals entsetzt über diejenigen, die die Opfer zu Tätern machten. Emmanuel Todd hat sich an seinem unsäglichen soziologischen Mist aufgegeilt. Kann man die Demonstrationen vom 11. Januar nicht einfach als ein schönes Zeichen des Mitgefühls, als ein Zeichen der Unterstützung für Journalisten, Karikaturisten, Polizisten und Juden lesen, die auf tragische Weise immer die Zielscheibe dieser fanatischen Monster sind? Den Leuten, die im Januar gesagt haben «‹Charlie› hat es doch selbst darauf angelegt», ist jetzt klar geworden, was sie für einen grossen Unsinn geredet haben. Dieses Mal wurde nicht die freie Meinungsäusserung, sondern die Freiheit an sich angegriffen. Das hat zu einem ganz anderen Erkenntnisprozess geführt.

Das Jahresalbum von «Charlie», das jetzt rauskommt, ist ein ganz besonderes. Cabu und Charb sind zum letzten Mal vertreten ...
Ja, das macht es zu einem besonderen Buch. Bei manchen Zeichnungen habe ich dabei zugesehen, wie sie entstanden sind. Sie berühren mich besonders. In Charbs Zeichnungen steckt seine ganze Intelligenz. Auch die Zeichnungen von Tignous sind grossartig, er hatte einen fliessenden Strich. Wolinskis nackte Ärsche werden mir schrecklich fehlen. Und Honorés Zeichnung mit al-Baghdadi hat einfach die Anmut der Poesie. Die Karikatur, die am 7. Januar 2014 erschienen ist, zeigt den Terroristen bei seiner Neujahrsansprache, wie er seinen Anhängern «vor allem Gesundheit!» wünscht ...

Haben Sie manchmal Angst gehabt, dass Sie es nicht schaffen, dass «Charlie» nicht überlebt?
Angesichts der unsäglich schwierigen Umstände ist es eigentlich unglaublich, dass es uns gelungen ist, jede Woche mit einer Zeitung herauszukommen und am Ende ein Jahresalbum zu veröffentlichen. Wir sind uns und unseren Toten treu geblieben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2016, 00:02 Uhr

«Charlie Hebdo»

Eine traurige Zäsur

Das Treffen mit Coco findet in einem Büro im Süden von Paris statt. Die Zeichnerin, mit bürgerlichem Namen Corinne Rey, kommt in Begleitung von zwei Personenschützern. Schmal und zerbrechlich wirkt die 33-Jährige. Als sie die Ärmel ihres schwarzen Pullovers hochzieht, sieht man auf dem linken Unterarm ihre frischen Tätowierungen. Eine Katze und ein Hund. Es sind Maurice und Patapon, zwei Figuren von Charb, dem erschossenen Herausgeber von «Charlie Hebdo». Auch der Panda des Cartoonisten Tignous ist zu erkennen – und ein Papierflieger.

Am 7. Januar jährt sich der Jahrestag des Attentats auf «Charlie Hebdo» zum ersten Mal. Das Blutbad in der Redaktion des Satiremagazins markiert eine traurige Zäsur: Es war eine Attacke gegen die Meinungsfreiheit. In unzähligen Sondersendungen, Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen und mit diversen Neuerscheinungen wird man in Frankreich dieses Datums gedenken. Für Coco sind es extrem schmerzliche Erinnerungen. Sie war an diesem 7. Januar gegen 11.30 Uhr gerade auf dem Weg, ihre kleine Tochter aus der Krippe abzuholen, als die Brüder Kouachi sie abpassten und zwangen, den Code der gepanzerten Tür einzugeben.

Sie drangen in die Redaktion ein und töteten an diesem Tag zwölf Menschen: neun Mitglieder der Redaktion, den Personenschützer von Charb, eine Reinigungskraft im Hausflur und einen Polizisten auf der Strasse. (mei)

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