Wladimir Putins neue Armee

In Syrien hat die russische Luftwaffe Präsident Assad in eine Position der Stärke gebombt. Der Militäreinsatz verrät viel über den Zustand von Russlands Streitkräften.

Nach Bombenabwürfen russischer Kampfflugzeuge steigt über Aleppo Rauch auf. Foto: Anadolu Agency, Getty Images

Nach Bombenabwürfen russischer Kampfflugzeuge steigt über Aleppo Rauch auf. Foto: Anadolu Agency, Getty Images

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Bashar al-Assad stand letzten Sommer vor dem Aus. Inzwischen hat der syrische Diktator wichtige militärische Erfolge verbucht und kann einer Waffenruhe zustimmen. Zu verdanken hat er das den Bodentruppen des Iran, der libanesischen Schiitenmiliz Hizbollah, vor allem aber dem Kriegseintritt Russlands. Kurz vor dem geplanten Waffenstillstand haben russische Kampfflugzeuge gestern nochmals schwere Angriffe auf Rebellenhochburgen geflogen.

Die Schlagkraft der russischen Angriffe überraschte viele westliche Experten. «Vorher galt als sicher, dass die russische Luftwaffen spätestens nach 20 Tagen einbricht», sagt Gustav Gressel vom Thinktank European Council on Foreign Relations. In Syrien wurden die meisten Bomben von lediglich zwei Dutzend Jets abgeworfen. In Spitzenzeiten flogen sie zwei Einsätze pro Tag. Gemäss Gressel ist dies nur möglich, weil die russische Armee ihre Logistik erheblich verbessert hat. Ersatzteile treffen rechtzeitig ein, die Wartung klappt.

In Syrien werden – wie zuvor bei der Annexion der Krim und im Krieg in der Ostukraine – die Auswirkungen eines Reformprogramms sichtbar, das Ende 2008 gestartet wurde. Der fünftägige Krieg mit Georgien hatte da gerade die grossen Defizite der russischen Armee offengelegt. Dem Gegner zahlenmässig weit überlegen, erreichte Moskau zwar sein Ziel. Aber die Verluste waren hoch, Eigenbeschuss häufig, und die Truppen reagierten viel zu langsam. In der Bevölkerung hatte die Armee schon lange vorher einen katastrophalen Ruf. Misshandlungen, Unfälle und Korruption sorgten für Schlagzeilen. Doch die russische Führung reagierte erst nach Georgien.

Moderne Jets werden geschont

Als Erstes wurden die Strukturen angepasst: kleinere, flexible Einheiten, kürzere Befehlsketten, bessere Ausbildung. Der Personalbestand sank von 1,2 Millionen auf 700?000 Mann. Der Wehrdienst wurde von zwei auf ein Jahr verkürzt, stattdessen wurden mehr besser bezahlte Zeitsoldaten angestellt. Danach wurde in neues Material investiert: Erreichten 2008 nur 10 Prozent der Waffensysteme den Stand der Nato, soll bis 2020 der Anteil moderner Ausrüstung auf 70 Prozent steigen. Offiziell liegt man heute bei 47 Prozent.

Laut Militärexperte Gressel wurde der Ausdruck «modern» inzwischen allerdings stark relativiert. Seien zu Beginn komplett neue System verlangt worden, gehe es nun vor allem um Upgrades. Von den wenigen echten Neuentwicklung existieren meist nur Prototypen, die Serienproduktion läuft im besten Fall gerade an. Dass das ursprüngliche Ziel erreicht wird, glaubt Gressel deshalb nicht. Auch gemäss einem Bericht der EU liegt die Armee deutlich hinter den Vorgaben.

In Syrien setzt Russland vor allem auf zwei Flugzeugtypen, die seit drei oder vier Jahrzehnten im Einsatz sind. Daneben werden vereinzelt moderne Jets getestet. Zu etwa 80 Prozent werden ungelenkte Bomben abgeworfen – was zu deutlich mehr zivilen Opfern führt als bei den Luftschlägen der von den USA geführten Koalition. Syrien lasse jedoch nur wenig Rückschlüsse auf den technischen Stand der russischen Armee zu, sagt Gressel. Das wahre Potenzial würde nur im Ernstfall gezeigt. Das gelte auch für die Nato. In einzelnen Bereichen, etwa bei der Fliegerabwehr und der elektronischen Kriegsführung, vermutet er die Russen auf Augenhöhe. Überlegen sind die Atomstreitkräfte.

Die Soldatenlöhne sinken

Russland hat aber Probleme, das Geld für die Armeereform aufzubringen. Bei deren Start konnte das Land auf mehrere Jahre mit hohem Wirtschaftswachstum zurückblicken. Diese Zeiten sind lange vorbei. Seit die Sanktionen des Westens und der tiefe Ölpreis hinzugekommen sind, schrumpft die Wirtschaft. In Rubel haben sich die Militärausgaben seit 2008 verdreifacht und entsprechen einem Fünftel der Staatsausgaben. Vor dem Zerfall der russischen Währung schätzte das Stockholmer Friedensforschungsinstitut den Wert in Dollar auf rund 80 Milliarden pro Jahr. Das ist mehr als in jedem europäischen Land. Die US-Militärausgaben betragen etwa 600 Milliarden.

Noch verzichtet Russland beim Militäretat auf Sparübungen – anders als bei den anderen Staatsausgaben. Indirekt trifft die Krise die Armee aber auch. Sie kann wegen der Sanktionen nicht mehr auf westliche Technologie zugreifen, und die Löhne der Soldaten wurden gekürzt. Der Einstiegslohn für Zeitsoldaten liegt wieder deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Das Rekrutierungsproblem, das die Armee angesichts kleinerer Geburtenjahrgänge ohnehin schon hat, verschärft sich. Der geplante Anteil von 40 Prozent Zeitsoldaten wird kaum erreicht.

Obwohl Russlands Armee aufgeholt hat, wird sie den Nato-Streitkräften auch in Zukunft quantitativ und qualitativ unterlegen sein. Die Beispiele Krim und Ostukraine zeigen aber, dass auch ohne grosses Budget militärische Erfolge möglich sind. Statt auf Masse setzte Russland dort auf verdeckt kämpfende Eliteeinheiten und Desinformation. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2016, 23:13 Uhr)

Syrien

Bomben bis zuletzt

Stunden bevor eine Waffenruhe in Syrien in Kraft treten sollte, hat es in vielen Landesteilen schwere Gefechte gegeben. Ungeachtet dessen wollte der UNO-Sondergesandte Staffan de Mistura sich zur Zukunft der Friedensgespräche in Genf äussern. Mitarbeiter des Aussen­ministeriums in Moskau sagten, die Verhandlungen sollten am 7. März fortgesetzt werden.

Russische Kampfjets flogen nach Angaben von Bewohnern in der Nacht zum Freitag Angriffe auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Douma östlich von Damaskus. Russland bestritt Vorwürfe, Zivilisten getroffen zu haben. Truppen des Regimes von Bashar al-Assad rückten in der Provinz Latakia und Idlib gegen Rebellen vor, die hier über die türkische Grenze Nachschub erhalten. In den Provinzen Hama und Homs beschossen regierungstreue Einheiten von Aufständischen gehaltene Gegenden mit Artillerie, auch bei Aleppo wurde gekämpft.

Dort eroberten Milizen, die für das Regime kämpfen, drei Dörfer zurück – allerdings von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Sie ist vom Ende der Feindseligkeiten ebenso ausgenommen wie die Nusra-Front, der syrische Ableger von al-Qaida. Die Nusra-Front, die stellenweise mit gemässigten Rebellen zusammenarbeitet, zog sich aus Stützpunkten zurück und räumte Strassensperren, um dem Regime und Russland keinen Vorwand zu bieten, die Gebiete zu attackieren. Der Chef der Nusra-Front, Abu Mohammed al-Jaulani, rief die Syrer zugleich auf, die Waffenruhe abzulehnen. Die Rebellen sollten ihre Angriffe auf das Regime verstärken. Die syrische Armee hatte tags zuvor schon angekündigt, die Waffenruhe gelte nicht für Darayya, einen Vorort von Damaskus, in dem die Nusra-Front nach Ansicht des Regimes präsent ist.

Russland und die USA, die den Plan für die Waffenruhe vereinbart hatten, wollten Gebiete demarkieren, die von der gemässigten Opposition gehalten werden und von Angriffen ausgenommen sein sollen. Bisher hatten die russische Luftwaffe und Regierungstruppen Rebellengebiete unter dem Vorwand ­attackiert, Terroristen zu bekämpfen.

Präsident Barack Obama sagte, die USA würden alles tun, damit die Waffenruhe halte, zeigte sich aber skeptisch. Niemand habe «Illusionen», sagte er. Das Hohe Verhandlungskomitee der Opposition erklärte, es werde die Waffenruhe für zwei Wochen als «Test des guten Willen des Regimes» respektieren. Moskau beschuldigte «einige US-Offi­zielle», die Waffenruhe zu sabotieren. Sie würden sie anders auslegen als von Präsident Wladimir Putin und Obama vereinbart. Die Sprecherin des Ministeriums betonte, Russland werde seine Luftangriffe fortsetzen. (Paul-Anton Krüger, Kairo)

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