Rekonstruktion: Acht Minuten Terror

Noch ist nicht alles bekannt, was beim Anschlag an der London Bridge passiert ist. Aber der Tathergang wird immer klarer. Eine Rekonstruktion.

Polizisten und Notfallretter inspizieren am Sonntagmorgen nach dem Anschlag den Tatort auf der London Bridge.

Polizisten und Notfallretter inspizieren am Sonntagmorgen nach dem Anschlag den Tatort auf der London Bridge. Bild: Daniel Leal-Olivas/AFP

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Es dauert nur acht Minuten. Acht Minuten, nachdem die ersten Notrufe beim Notdienst und der Londoner Polizei eingegangen sind, ist der jüngste Terrorangriff in Europa wieder vorbei. Aber diese acht Minuten reichen aus, um mindestens sieben Menschen zu töten und 48 zum Teil schwer zu verletzen. Mitten im Zentrum der britischen Hauptstadt, die voll ist mit «unschuldigen Londonern und Besuchern unserer Stadt, die ihren Samstagabend genossen». Das wird der Bürgermeister Sadiq Khan später sagen.

Um 22.08 Uhr rast ein weisser Miet-Van der Firma Hertz über die London Bridge im Zentrum der Stadt. Dann biegt er nach links auf den Fussweg und fährt dort «in Schlangenlinien», wie eine Augenzeugin berichtet. Dabei trifft er fünf oder sechs Menschen. Weitere Zeugen berichten, dass in dem Fahrzeug drei Männer sitzen. Der Van fährt weiter, als die Fussgänger vor ihm auf die Fahrbahn ausweichen, biegt er erneut auf sie zu, dann noch weiter nach rechts über die Fahrspurbegrenzung.

Der restliche Verkehr kommt sofort zum Stehen. Polizisten halten Autofahrer vor der London Bridge an. «Sie haben uns gesagt, dass wir aussteigen und so weit weg rennen sollten wie möglich», sagt eine Augenzeugin der New York Times. Auch in den Bars des Ausgehviertels um Borough Market herum sind sofort Polizisten zur Stelle, die Gäste auffordern, sich auf den Boden zu legen und sich unter Tischen zu verstecken.

Jetzt, am Sonntagmorgen, steht der weisse Van hinter der London Bridge im Zentrum der Stadt. Er steht vor dem Pub «The Barrowboy and Banker». Aber dort war dieser Angriff noch nicht vorüber.

Die drei Männer seien aus dem Van gesprungen, berichten Zeugen. Hätten auf Verletzte eingeschlagen und sie getreten. Mindestens einer habe ein grosses Messer dabei gehabt. Sie rennen in die Stoney Street unter dem Gleisdreieck von Borough Market. Dort sollen sie mit dem Messer auf mehrere Menschen eingestochen haben. Zeugen berichten, sie hätten gehört, wie die Männer «Dies ist für Allah» gerufen haben.

Panik bricht aus. Menschen rennen aus Bars und Restaurants, um die Ausgehgegend um Borough Market zu verlassen. Andere werden in Bars hineingerufen, damit sie sich verstecken können. Das Novotel London Tower Bridge Hotel auf der anderen Seite der Themse wird evakuiert. Gäste laufen auf die Strasse, manche in Nachthemden. Die ersten Krankenwagen treffen um 22:14 Uhr an der London Bridge ein.

Um 22:16 Uhr erschiessen Polizisten die drei Täter - doch der Einsatz geht weiter

Vor dem Wheatsheaf Pub an der Stoney Street stellen bewaffnete Polizisten schliesslich die drei Angreifer. Sie haben Dosen um den Bauch geschnallt und tragen Westen - offenbar um auch noch die Furcht vor einem Selbstmordanschlag zu wecken. Die «Sprengstoffwesten», gibt die Polizei später an, seien aber nur Atrappen gewesen. Die Polizei erschiesst die drei Männer. Es ist 22:16 Uhr. Acht Minuten sind seit Beginn der Attacke vergangen.

Die Polizei ist schnell sicher, dass die drei Täter tot sind. Doch aus Sorge, es könne woanders in der Stadt weitere Angriffe geben, geht der Einsatz weiter. Auf der Themse sind Polizeiboote unterwegs, Hubschrauber fliegen über der Innenstadt. Polizisten evakuieren die Bars und Restaurants in der Gegend, bringen Menschen zu Sammelpunkten in mehreren Hotels. Auch Anwohner in Borough Market werden evakuiert. Viele verbringen die Nacht in Hotellobbys.

Noch um 23.46 Uhr sendet die Polizei Anweisungen über Social-Media-Kanäle, wie Betroffene sich zu verhalten hätten: «Run, Hide, Tell» - in Sicherheit bringen, Handys stumm schalten, dann die Polizei rufen. Es gibt eine Messerstecherei am Bahnhof Vauxhall im Südwesten von London, aber um 0.51 Uhr gibt die Polizei bekannt, dass sie nicht in Verbindung mit dem Terrorangriff steht.

Um 1.23 Uhr führt die Polizei vier kontrollierte Sprengungen in der Gegend um die London Bridge aus, warum, ist noch nicht bekannt. Um vier Uhr morgens findet die erste Pressekonferenz zu dem Angriff statt. Der stellvertretende Polizeichef Mike Rowley spricht von sechs Todesopfern, drei erschossenen Tätern und 20 Verletzten. Die Zahl wird um 6.10 Uhr vom Londoner Notdienst auf 48 erhöht. Um 9.30 Uhr gibt Cressida Dick, die Londoner Polizeichefin bekannt, dass es ein siebtes Todesopfer des Angriffs gibt. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 04.06.2017, 11:52 Uhr

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