Bye-bye, wo alles begann

Präsident Barack Obama hält seine Abschiedsrede in Chicago. Seine Heimatstadt erstickt in Gewalt. Kann sein Nachfolger Donald Trump für Ruhe und Ordnung sorgen?

Nach seiner Wahl am 4. November 2008 zum 44. US-Präsidenten sprach Barack Obama im Grant Park in Chicaco zu seinen Anhängern. Foto: Olivier Douliery (Getty Images)

Nach seiner Wahl am 4. November 2008 zum 44. US-Präsidenten sprach Barack Obama im Grant Park in Chicaco zu seinen Anhängern. Foto: Olivier Douliery (Getty Images)

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Wenn der scheidende Präsident Barack Obama heute Dienstagabend seine Abschiedsrede hält, dann kehrt er dahin zurück, wo alles begann: nach Chicago. In seiner adoptierten Heimatstadt wurde aus dem jungen Anwalt erst ein Lokalpolitiker, dann ein US-Senator und Star seiner Partei. Als er 2008 zum ersten afroamerikanischen Präsidenten gewählt wurde, liess sich Obama in Chicago feiern und sprach im Grant Park vor 250'000 Menschen: «All den Zynikern da draussen und Menschen, die uns weismachen wollen, dies oder jenes gehe nicht, antworten wir heute: Doch, es geht!» Yes, we can!

Er wird in seiner heutigen Rede auf seine achtjährige Präsidentschaft zurückblicken, heisst es aus seinem Stab. Er wird über die Gesundheitsreform sprechen, die er einführte und die sein Nachfolger Donald Trump aushebeln will. Er wird die Finanzkrise erwähnen, die er geerbt hat, und darüber sprechen, wie sich die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen in den vergangenen Jahren verbessert hätten. Ob das auch für die Bewohner der South Side zutrifft, einem von Gewalt versehrten Stadtteil Chicagos, ist allerdings fraglich.

Tötungsdelikte in Chicago 2016 sprunghaft angestiegen

«Es gibt neben den innenpolitischen Erfolgen unseres Präsidenten auch Realitäten wie diese: 762 Morde im Jahr. Mehr als zwei pro Tag», schrieb die «Chicago Tribune». Die Zeitung führt eine eigene Kriminalitätsstatistik, die sich düster liest: 3550 Schiessereien im vergangenen Jahr, 4331 Opfer. Vor allem an Sommerwochenenden rast die Statistik hoch, weil sich dann viele Menschen draussen aufhalten: Je besser das Wetter, desto mehr Blut.

«Das Ausmass an Gewalt auf unseren Strassen ist für viele Bewohner zum Hauptproblem geworden», schrieb die «Tribune» in einem grimmigen Leitartikel Ende des Jahres, in der ein schwarzer Sozialarbeiter mit den Worten zitiert wird: «Wir töten unsere eigenen Kinder.» Auch in der Silvesternacht gab es gemäss NBC fünf Tote. Schlagzeilen machte zudem ein brutaler Gewaltakt von vier afroamerikanischen Jugend­lichen, die einen weissen Mitschüler sechs Stunden lang «wegen seiner Hautfarbe quälten und folterten», wie ein Lokalsender berichtet, und die ein Video ihrer Tat auf Facebook stellten.

Doch es ist vor allem Chicagos Mordrate, die landesweit herausragt. In der drittgrössten Stadt Amerikas werden mehr Menschen erschossen als in New York und Los Angeles zusammen. Der Reporter Peter Nickeas, der seit Jahren für die «Tribune» über Kriminalität berichtet, beschreibt in einer Reportage Chicago als eine Stadt, in der mehrheitlich schwarze Jugendgangs ihre Wohnblocks terrorisieren und ein Heer von Reinigungsfahrzeugen jeden Morgen die Blutlachen vom Asphalt schrubbt.

Wenn nicht mal Obama etwas ausrichten kann, wer dann?

Barack Obama allein für die Gewalt in Chicago verantwortlich zu machen, wäre aber unsinnig, zumal die Gewaltstatistiken landesweit sinken. Und doch fragt man sich in der Stadt am Ufer des Lake Michigan: Wenn nicht einmal Obama etwas ausrichten konnte, wer dann? Er war sich als Präsident der Probleme in seiner Heimatstadt durchaus bewusst, hat mehrfach darauf hingewiesen, sich (vergeblich) für strengere Waffengesetze starkgemacht, Armut bekämpft, auf Rassismus innerhalb der Polizei aufmerksam gemacht. Nur genützt hat alles nichts.

Zuletzt haftete dem Präsidenten ein etwas resignativer Ton an. In einer Rede über Waffengewalt vor gut einem Jahr brach Obama in Tränen aus, als er über die Opfer der Schulmassaker sprach, die zur «Routine verkommen». Dann sagte er: «Und übrigens: Es passiert jeden Tag auf den Strassen von Chicago.»

Die Gewalt in Chicago hat das Ehepaar Obama durch ihre Amtszeit begleitet. Im ersten Jahr warf der brutale Mord an Derrion Albert, einem 16-jährigen Schüler, der von anderen Teenagern zu Tode geprügelt wurde, hohe Wellen auf. Obama versprach Gelder, um in Schulen für mehr Sicherheit zu sorgen. Michelle Obama machte 2013 auf den Tod der 15-jährigen Hadiya Pendleton aufmerksam, die in einen Schusswechsel geriet, unweit des Hauses, in dem das junge Ehepaar Obama einst lebte. «Hadiya Pendleton war ich – und ich war wie sie», sagte die First Lady in einer Rede vor Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel.

Die Stadt kam nicht zur Ruhe

Im Februar 2014 lancierten die ­Obamas ein Programm namens «My Brother’s Keeper», um jungen, meist schwarzen Männern in Problemvierteln auf den rechten Weg zu helfen. Doch die Stadt kam nicht zur Ruhe. Im Gegenteil. Nach dem Tod des schwarzen Teenagers Laquan McDonald durch die Kugeln eines Polizisten kam es zu Ausschreitungen, denn die Chicagoer Polizei (CPD) hatte erst erklärt, es habe sich um Notwehr gehandelt. Dann aber stellte sich heraus, dass Polizisten ihre Berichte fälschten, Videos verschwanden.

Bürgermeister Emanuel, der um seine Wiederwahl bangte, schlug der Familie des Toten fünf Millionen Dollar Abfindung vor, um sie zum Schweigen zu bringen. In Wahrheit wurden auf Laquan McDonald sechzehn Schüsse abgefeuert.

Eine interne Untersuchung wies der CPD «systematischen Rassismus» nach. Seit Jahren würden schwarze Anwohner von Polizisten schikaniert, die ihre Macht missbrauchten. 74 Prozent der 404 Menschen, die von der CPD zwischen 2008 und 2015 erschossen wurden, waren Afroamerikaner. Die Ernennung eines neuen Polizeipräsidenten, ein Mann namens Eddie Johnson, der aus dem schwarzen Stadtteil Chicagos stammt, kommentierte die «Tribune» mit dem Satz: «Alles nur Kosmetik.»

Robert Sampson, ein Harvard-Soziologe, der die Verhältnisse in Chicago über Jahre untersuchte, kam zum Befund: Die Arbeitslosigkeit und Armut in den meist schwarzen Familien ohne Väter, gepaart mit Waffen und Drogen, führe zu einem «toxischen Mix». Es brauche billige Wohnungen, die eine höhere Durchmischung fördern, Arbeitsplätze, bessere Schulen, «um den Armuts- und Gewaltzyklus zu durchbrechen», erklärte Sampson. «So etwas dauert Jahre.»

Trump verspricht die Lösung

Donald Trump aber ist da anderer Meinung. «Gebt mir eine Woche, um die Sache zu lösen», sagte er im Wahlkampf, wenn er von der Gewalt in Chicago sprach. Trump ist zugutezuhalten, dass er auf das Problem überhaupt aufmerksam machte, auch wenn seine Lösungsvorschläge vage blieben. Man müsse nur «tougher» sein und «härter vorgehen», so Trump, ein Anhänger der umstrittenen Polizeimethode des «stop-and-frisk», bei der Polizisten allein auf Verdacht hin einen Bürger anhalten und durchsuchen dürfen. Erst neulich rief Trump wieder zum Handeln auf. «Die Mordrate ist auf Rekordniveau!», twitterte er: «Wenn es der Bürgermeister nicht schafft, muss er den Bund zur Hilfe rufen.» Wird der «Law and Order»-Präsident Trump schaffen, was Obama nicht gelang?

Wenn Präsident Obama heute in Chicago seine Abschiedsrede hält, dann trifft er auf eine Stadt, die schon vor seiner Amtszeit unter hoher Gewalt litt – und die jetzt, acht Jahre später, daran zu ersticken droht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2017, 20:25 Uhr

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