Die missbrauchte Stadt

Passive Bürger haben Dresden an die radikalen Fremdenfeinde von Pegida ausgeliefert. Das Drama einer Stadt, die sich nicht wehrt.

Die Menge ist laut und vulgär, Wut treibt sie an, gegen das System, gegen die fremden Schmarotzer: Montägliche Pegida-Kundgebung auf dem Theaterplatz in Dresden. Foto: Paul Hahn (Laif)

Die Menge ist laut und vulgär, Wut treibt sie an, gegen das System, gegen die fremden Schmarotzer: Montägliche Pegida-Kundgebung auf dem Theaterplatz in Dresden. Foto: Paul Hahn (Laif)

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Dresdens Ruf ist verwüstet. Das Schätzchen an der Elbe, durch die Jahrhunderte von Reichtum und Schönheit verwöhnt, als mitteleuropäisches Florenz bewundert, zerbombt und wieder auferstanden, steckt mit all seinen barocken Türmen und Kuppeln, goldenen Herrschern und Engeln tief im braunen Sumpf der Fremdenfeinde. Die amerikanische und die kanadische Regierung warnen ihre Bürger vor einem Besuch der Stadt, man könne für Sicherheit nicht garantieren. Und selbst viele Dresdner finden, die Stadt sei unerträglich geworden. «Seit einem Jahr ist mir Dresden fremd», sagt die junge Autorin Marlen Hobrack. «Das ist nicht mehr mein Dresden.» Der Satz begegnet einem immer wieder, wenn man sich in der Stadt umhört.

Aber wessen Dresden ist es denn? Das der Fremdenhasser? Das der Verlierer, welche Wende und Globalisierung in diesem ostdeutschen Krähwinkel an der Grenze zu Tschechien und Polen hinterlassen haben? Wahrscheinlich ist so ziemlich das Gegenteil wahr. Dresden boomt, Dresden blüht. Nach der Wende hat sich eine bedeutende Industrie für Mikroelektronik hier angesiedelt, die nicht nur Marktschreier «Silicon Saxony» nennen. Siemens, VW oder Airbus investierten Milliarden in Fabriken und Labors. Die Max-Planck-Gesellschaft eröffnete ein Institut zur Erforschung von molekularer Zellbiologie und Genetik, das selbst die Konkurrenz von Harvard oder Berkeley nicht zu scheuen braucht. Die Technische Universität gilt als eine der besten des Landes. Mit seinen unermesslichen Kunstschätzen aus königlich-sächsischem Erbe, der wiederaufgebauten Frauenkirche und der berühmten Semperoper, 50 Museen und 35 Bühnen ist Dresden eine Kulturmetropole von Weltrang, die bis vor kurzem jedes Jahr von neuem mehr ­Besucher anlockte. Und selbst an Nachwuchs herrscht Überfluss: Während andere Landstriche in Deutschlands Osten sich entvölkern, werden in keiner Stadt der Republik proportional mehr Kinder geboren als in Dresden.

«Es ist ein Schock, wenn der Hass plötzlich am Küchentisch aufbricht.»Marlen Hobrack, Autorin

Die Stadt ist unzweifelhaft eine Erfolgsgeschichte. Ist wenigstens wahr, dass sie fremdelt mit Fremden? Historiker weisen darauf hin, dass Dresden in der Vergangenheit seinen famosen Ruf stets auch Einflüssen aus dem Ausland zu verdanken gehabt habe. «Dresden hat eine Geschichte unausgesetzter Migration», sagt Winfried Müller, der an der Technischen Universität Sächsische Geschichte lehrt, «sie ist der Normalfall.» Der Hof der Kurfürsten, später der Könige, orientierte sich stets an anderen europäischen Höfen und pflegte regen Austausch. Vor allem Einwanderer aus Böhmen und Polen prägten die Stadt über Jahrhunderte. «Die Fremden waren allerdings vor allem Teil der Hofkunst, Erfinder, Wissenschaftler, Künstler. Was gleichzeitig bedeutet, dass sie im Alltag der kleinen Leute wenig präsent waren», sagt Müller. In neuester Zeit hingegen, in der DDR nach dem Krieg, hatte Dresden mit Fremden eher wenig Erfahrung. Noch heute liegt der Ausländeranteil in Sachsen bei lediglich 2, in Dresden bei 5 Prozent.

Immer wieder sind seit der Wende fremdländisch aussehende Menschen in der Stadt von Fremdenhassern und Neonazis angepöbelt und angegriffen worden, dennoch fühlen sich viele Ausländer in Dresden ausgesprochen wohl. Der berühmte britische Zellforscher Anthony Hyman ist seit der Gründung 2001 einer der Direktoren des Dresdner Max-Planck-Instituts. In einem futuristischen Wabenbau unmittelbar neben der Universitätsklinik reiht sich Labor an Labor, rund 500 Forscher aus der ganzen Welt arbeiten hier. «Dresden hat das Zeug, eine absolute Weltklassestadt zu sein», sagt er in seinem Büro, das wie das eines Tüftlers anmutet, «weil sie Schönheit und Geld vereint.» Im Grunde seien die Dresdner ausgesprochen gastfreundlich, «jedenfalls gastfreundlicher als die Menschen in Heidelberg, wo ich zuvor acht Jahre lang lebte». Die Einheimischen schwärmen von ihrer Stadt sowieso in den höchsten Tönen.

Doch jetzt liegt eine dunkle Wolke über der Stadt, die alles infrage stellt, selbst die Liebe ihrer Bewohner und den Fortbestand von Hymans Institut. Die Wolke heisst Pegida.«Egal, wo man ist, Pegida ist immer schon da.» Der vollbärtige junge Politologe Richard Kaniewski, Vorsitzender der Dresdner Sozialdemokraten, rührt in seinem Kaffee. Pegida durchsetze alle Gespräche und Beziehungen. Pegida erschüttere den Stolz der Stadt, spalte die Bürgerschaft und vergifte das Klima. Spaltung und Gift – mit diesen Worten beschreiben fast alle, mit denen man spricht, die schleichende Wirkung der rechtsextremen Bewegung. Selbst der neue Oberbürgermeister der Stadt, der konservative Dirk Hilbert sagt: «Daran sind Freundschaften zerbrochen.» Pegida hat den Ton der weltanschaulichen Auseinandersetzung in der Stadt brutalisiert. Die verbale Verrohung verbreite zunehmend auch reale Angst, sagt Kaniewski. Beleidigungen, Pöbeleien und fremdenfeindliche Gewalt nehmen zu. Am Montag, wenn die Pegida-Leute die Stadt einnehmen, überlegen sich linke Flüchtlingsfreunde zweimal, ob sie ihren «Herz statt Hetze»-Anstecker in der Strassenbahn nicht doch lieber abnehmen. Man meidet gewisse Strassen und Plätze. Tony Hymans junge Zellforscher aus Indien oder Westafrika fahren am Montag immer mit dem Taxi vom Labor nach Hause.

Inoffizielle Gesichtskontrolle

Marlen Hobrack, die junge Dresdner Autorin, spürt die Konfrontation weniger auf der Strasse als auf der persönlichen Ebene. «Es ist ein Schock, wenn der Hass auf einmal am Küchentisch aufbricht.» Sie hat erlebt, wie ältere Menschen, die sie als nett und freundlich kannte, auf einmal in Hasstiraden gegen Flüchtlinge ausbrachen. Andere beschreiben ähnliche Erfahrungen bei Beerdigungen oder Taufen. Manchmal geht der Riss mitten durch die Familie. Vor Flüchtlingsheimen standen sich rassistische Eltern und fremdenfreundliche Kinder schon frontal gegenüber. Hobrack ist erschüttert, weil sie sich Ausmass und Reichweite des Hasses nicht vorstellen konnte. «Pegida ist kein Phänomen von Randständigen», so ihr Schluss, «sondern wird von einem Teil der Mitte der Gesellschaft toleriert, ja geteilt.» Die Lager begegnen sich zunehmend misstrauisch und unversöhnlich. Seit einem Jahr herrscht in Dresden inoffizielle Gesichtskontrolle: Man mustert sich auf der Strasse, im Restaurant, im Büro, um zu wissen, ob er oder sie zum eigenen Lager gehört oder zu dem der anderen.

Immer montags findet die Konfrontation auf der Strasse statt, in aller Öffentlichkeit. Auf dem monumentalen Theaterplatz, königlich eingerahmt von Semperoper, Gemäldegalerie und Hofkirche, versammeln sich ein paar Tausend «patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes». Ein Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen, viele Kreuze, Männer jeden Alters, manche hinken, andere strotzen vor Kraft. Die Menge ist laut und vulgär, Wut treibt sie an, gegen das System, gegen die fremden Schmarotzer. Die Stimmung ist gespenstisch, für Beobachter sowieso. Die Redner auf der Bühne hetzen gegen Ausländer und gegen diejenigen, die sie aufnehmen. Drei Tage nach dem Massaker von Paris – 8000 sind gekommen, nicht mehr und nicht weniger als am vergangenen Montag – verwandeln sie muslimische Flüchtlinge in Terroristen und umgekehrt, und sie erklären jeden zum «Vollidioten», der es nicht auch so sieht. Ansonsten erfüllen sie nationalsozialistisches Vokabular mit neuem Leben, indem sie es frontal gegen ihre politischen Feinde wenden: «Ihr verratet das Volk», rufen sie ihnen zu, «eure Presse lügt, ihr seid die neuen Gauleiter, ihr seid Rassisten gegen alles Deutsche, ihr seid die Nazis, ihr, ihr, ihr!» Die radikale Umdeutung aller Werte hat revolutionären Charakter, gleichzeitig ist der Grössenwahn der ­fanatischen Minderheit mit Händen zu greifen.

Als «komische Vögel» unterschätzt

Zur gleichen Zeit demonstrieren einige Hundert Menschen gegen Pegida, ein paar Tausend sind es an symbolträchtigen Tagen, aber stets weniger als bei den «Patrioten». Die Menge ist mehrheitlich jung und sehr bunt, die Musik rockig, nicht fanfarisch, die Reden pastoral statt giftig. Rita und Mark, die ihre Nachnamen lieber nicht nennen, weil sie sonst wieder bedroht werden, gehören zu den ­Unermüdlichen, die Gegendemonstrationen, Konzerte und Interventionen gegen Pegida organisieren. Sie sehen sich auch als Gegengewalt, die dafür sorgt, dass die rechtsradikalen Aufmärsche in ihrer Stadt nicht als Normalität durchgehen. Von der etablierten Stadtpolitik sind Rita und Mark enttäuscht, vor allem von den in Sachsen traditionell regierenden Christdemokraten, die bis vor kurzem nur verharmlost und laviert hätten. «In Leipzig hat sich der Bürgermeister von Beginn weg an die Spitze der Gegenbewegung gestellt», sagt Mark. «Legida hatte deswegen nie eine Chance, gross zu werden.»

Hat Dresdens Regierung bei Pegida versagt? Die Frage geht an Oberbürgermeister Dirk Hilbert, einen wuchtigen, fröhlichen Stadtoberen, der in einem wuchtigen, unfröhlichen Rathaus residiert. «Die Politik hat nicht genug getan», gibt er unumwunden zu, «sonst hätte diese Bewegung nicht so viel Zulauf erhalten.» Am Anfang hätte man vielleicht noch einen Zugriff auf die Bewegung bekommen, aber man habe die Radikalen zu lange als «komische Vögel» unterschätzt. Und nun, angesichts der Ankunft von Hunderttausenden von Flüchtlingen in Deutschland, bekomme Pegida auch Unterstützung von Leuten, die deren rechtsextreme Überzeugungen nicht teilten, sich aber gegen die Willkommenspolitik der Kanzlerin wehren wollten. Mit Letzteren könne man durchaus noch ins Gespräch kommen, mit Ersteren kaum, weil sie «das System» als Ganzes ablehnten. Hilbert hält wenig von Gegendemos, wünscht sich aber, dass die Bürgerschaft klarer gegen Rassismus Stellung bezieht. Er, dessen Frau aus Korea stammt, tritt selber schnörkellos für ein möglichst weltoffenes und einwanderungsfreundliches Dresden ein. «Ängste vor Fremden kann man nur abbauen, wenn die Menschen Fremde kennen lernen.» Deswegen hat er die Bürger der Stadt jetzt aufgerufen, Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Gleich am ersten Tag gab es 50 Angebote. Auch an freiwilligen Helfern und an Spenden herrscht kein Mangel.

Den Linken in der Stadt genügt das nicht. Sie halten die Reaktion der Regierung für hilf- und ratlos, wissen selber aber auch nicht viel besser weiter. Sie fordern einen Schulterschluss aller demokratischen Parteien gegen die rechtsextremen Feinde der Demokratie. Dagegen aber sperren sich die Konservativen, die wissen, dass mindestens ein Teil ihrer Wählerschaft mit den Radikalen sympathisiert. «Politik und Medien haben es schwer, sich gegen Pegida zu stellen», meint Uwe Vetterick, Chefredaktor der einflussreichen «Sächsischen Zeitung» mit Sitz in Dresden. «Als angebliche Volksverräter und Lügenpresse sind sie ja direkte Adressaten der Proteste.» Politik und Medien dürften sich zwar nicht wegducken, doch um die Konfrontation der Lager aufzubrechen, bräuchte es eine Gegenbewegung aus der Mitte der Stadtgesellschaft, dem Bürgertum. Hans Vorländer, Politologe an der Technischen Universität, pflichtet ihm bei: «Dass die Mitte sich in der Auseinandersetzung mit Pegida bislang kaum gerührt und gezeigt hat, ist das zentrale Problem dieser Stadt.»

Grosser Glaube an die Obrigkeit

Dresden hat ein grosses, eher konservatives, ausgesprochen stolzes Bildungsbürgertum, das aber bei Konflikten stets dazu neigt, sich indigniert in seine behagliche Nische zurückzuziehen, statt auf den Kampfplatz der öffentlichen Meinung zu ziehen. Für Winfried Müller, den Sachsen-Historiker, ist das ein typischer Reflex einer Residenzstadt. Der Dresdner Stadt-Habitus sei geschichtlich gesehen stets «höfisch-repräsentativ» gewesen, nicht «bürgerlich-diskursiv». Während sich in der Handels-, Universitäts- und Messestadt Leipzig schon früh ein selbstbewusstes, aufmüpfiges Bürgertum ausgebildet habe, sei am Sitz der sächsischen Könige das Bürgertum immer von den Herrschern abhängig und entsprechend obrigkeitsgläubig geblieben. Es habe sich zwar vom Pöbel abgegrenzt und im Glanz des Hofes gesonnt, gegen die Verhältnisse aufgelehnt habe es sich aber nie.

Und so ist es noch heute. «Der Dresdner Bildungsbürger, der Kammermusik und Antiquitäten liebt und mit jedem Barockbau in der Stadt vertraut ist, der im Bombenhagel versank, der steigt nicht von seinem Turm am Elbhang herunter, um den Pegida-Leuten Einhalt zu gebieten», sagt Uwe Vetterick, der Chefredaktor. «Der Pegida-Gründer Lutz Bachmann ist dem Bildungsbürger zwar so fremd wie ein afghanischer Flüchtling. Aber er gaukelt sich vor, dass Pegida mit ihm und seiner Stadt nichts zu tun habe.» Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp hat dieses selbstverliebte, selbstbezogene Refugiums-Bürgertum in seinem DDR-Schlüsselroman «Der Turm» literarisch verewigt. Hans Vorländer, der Politologe, der wie die meisten Dresdner Professoren kein Dresdner ist, sondern einer aus dem Westen, zählt viele dieser Bildungsbürger zu seinen Freunden. Aber wenn er sie fragt, ob sie jetzt nicht doch einmal Farbe bekennen und gegen die Fremdenhasser ihr Gesicht zeigen müssten, zucken sie nur mit den Schultern. «Ihr Beitrag im öffentlichen Streithaushalt dieser Stadt fehlt.»

Wer sich die Frage stellt, wie es kommen konnte, dass ein paar Tausend Rechtsextreme eine stolze Stadt von einer halben Million Menschen einfach so übernehmen, zumindest symbolisch, der findet hier die Antwort: weil die bürgerliche Mitte Dresdens sie lässt. «Wehren tun sich eigentlich nur die Zugezogenen – Künstler, Ärzte, Ingenieure, Professoren, die üblichen Verdächtigen», sagt Uwe Vetterick, selbst ein Zugezogener. «Wäre hingegen die Bürgerschaft dieser Stadt zu Zehntausenden auf die Strasse gegangen und hätte klargemacht, dass die Fremdenhasser weder das Volk sind noch die Stadt repräsentieren, dann hätten sie die Radikalen im Nu von der Bühne gefegt.»

«Wo ist die Kampagne mit dem Slogan: ‹Ausländer schaffen Arbeitsplätze!›?»Anthony Hyman, Zellforscher

Überhaupt, die Bühne. Wer von aussen auf die Stadt blickt, wird den Eindruck nicht los, dass Dresden die Schlüssel seiner Stadt einem Haufen von Fanatikern einfach ausgehändigt hat wie einem dahergelaufenen Dieb. Das Bild entsteht, weil Pegida auf den schönsten, symbolträchtigsten Plätzen der Stadt auftritt, mit den berühmtesten Baudenkmälern als Kulisse. Pegidas Mission heisst eigentlich Occupy Dresden, und die Stadt sieht dabei einfach zu. Oberbürgermeister Hilbert kennt den Vorwurf und entgegnet, dass die Stadt versammlungsrechtlich keine Wahl habe. So gut wie alle Gesprächspartner widersprechen: Mit ein bisschen politischem Willen und etwas Cleverness hätte man Pegida das Privileg der besten Bühnen durchaus verweigern und sie in der Stadt an den Rand drängen können, ohne dabei das Grundrecht der Versammlungsfreiheit zu verletzen.

In der Zwischenzeit leidet Dresdens Ansehen in der Welt. Je länger Pegida dauert, desto mehr. Der Bürgermeister fürchtet um ausländische Investitionen und Fachkräfte, welche die Wirtschaft dringend benötigt. Der Touristenverband sorgt sich, dass die Besucher wegbleiben. Im Sommer sagte wegen des schlechten Rufs bereits ein amerikanisches Unternehmen einen grossen Kongress in der Stadt ab, die Hotellerie klagt erstmals seit Jahren über Einbussen. Interessanterweise sind es vor allem deutsche Besucher, die Dresden nun meiden. Es geht aber nicht nur ums Image. Der in Rom exilierte Dresdner Dichter Durs Grünbein schaute sich kürzlich eine Pegida-Demonstration an. Besonders enttäusche ihn, sagte er danach, dass hier gewissermassen die Vergangenheit wieder begonnen habe. «Diese Stadt ist seit 1989 nicht richtig gelüftet worden.» Der Politologe Hans Vorländer sagt das Gleiche andersrum: «Der Aufbruchsgeist, den es hier gab, ist verflogen. Die Leute, die hergezogen sind, etwas aufgebaut und Dresden lieben gelernt haben, sind müde. Und einige gehen wieder weg oder denken wenigstens darüber nach.»

Der Zellforscher Tony Hyman sorgt sich um seinen wissenschaftlichen Nachwuchs. 70 junge Talente benötigt er jedes Jahr, am liebsten die besten der Welt. Aber kann Dresden noch mit Boston oder San Francisco mithalten, wenn die Stadt in der Weltpresse ständig mit Fremdenfeinden assoziiert wird? Hyman macht nicht nur der Dresdner Politik Vorwürfe, sondern der deutschen überhaupt: «Aus lauter Angst, rassistische Gefühle zu wecken, haben die Politiker ihrem Volk zu lange nicht gesagt, dass das Land Einwanderung braucht, um seinen Wohlstand zu erhalten.» Jetzt, in der Krise, sei es zu spät. «Wo ist die Kampagne mit dem Slogan: ‹Ausländer schaffen Arbeitsplätze!›?», fragt er rhetorisch.

Hyman fragt sich auch, wie lange er es noch verantworten kann, mit seinem Institut in Dresden zu bleiben. 2009 wurde die Frau eines ägyptischen Forschers aus seinem Team von einem Fremdenhasser erstochen. Hyman sagt, er habe deswegen heute noch Schuldgefühle. Damals habe er hin und her überlegt, ob er mit dem Institut nicht wegziehen müsste. Er habe sich dann dagegen entschieden, weil die Stadt sonst so viel biete. Heute frage er sich wieder. «Solange die Fremdenfeindlichkeit nicht eskaliert, bleiben wir hier. Tut sie es aber, dann gehen wir.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.11.2015, 17:12 Uhr)

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In Zahlen

8000
So viele Pegida-Anhänger versammeln sich derzeit immer am Montag auf dem zentralen Theaterplatz.

50
Privatwohnungen für Flüchtlinge: Der Aufruf des Oberbürgermeisters fand am ersten Tag grosse Resonanz.

Eine blühende Stadt: Blick auf die Elbe mit Marienbrücke. Foto: Frank Bienewald (LightRocket, Getty Images)

«Ihr seid die Nazis, ihr, ihr, ihr»: Pegida-Anhänger deuten die Werte gerne um.
Foto: Jens Meyer (AP, Keystone)

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