Zwölf Leben, zwölf Schicksale

Beim Anschlag in Berlin starben zwölf Menschen. Was sind ihre Geschichten? Eine Spurensuche.

Tage nach dem Attentat: Meschen gedenken am Berliner Breitscheidplatz der Opfer. Bild: Keystone

Tage nach dem Attentat: Meschen gedenken am Berliner Breitscheidplatz der Opfer. Bild: Keystone

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Die Jagd nach Anis Amri ist vorbei, der Terrorist hat die Schlagzeilen bestimmt in den Tagen nach seinem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Weniger war zu lesen über die Menschen, die Anis Amri mutmasslich ermordet hat. Zwölf Tote hat es gegeben, aber in dem Chaos, den offenen Fragen, der Angst nach so einem Anschlag bleibt von den Opfern oft nur eine Zahl, sie bemisst dann die Grössenordnung der Tragik, eine numerische Anekdote, nur etwas Statistik, mehr nicht. Die Zahl Zwölf aber wird bleiben von diesem 19. Dezember, denn hinter ihr verbergen sich zwölf Schicksale.

Ein Sohn verliert seine Mutter

Das Bundeskriminalamt, das im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft ermittelt, hat mittlerweile alle Todesopfer identifiziert. Sieben der zwölf Toten sind Deutsche. Da wäre die Geschichte dieses Mannes aus Neuss in Nordrhein-Westfalen. Er war mit seiner Mutter für einen Kurztrip nach Berlin gekommen, die beiden standen in der Glühweinbude, in die Amri den Lastwagen lenkte. Der 40-Jährige überlebte, kam mit mehreren Beckenbrüchen in ein Berliner Krankenhaus. Der Rheinischen Post sagte er, er habe noch Kontakt zu seiner Mutter gehabt, kurz bevor er das Bewusstsein verlor. «Ich wurde aus der Glühweinbude herausgeschleudert, habe mich nach ihr umgedreht und gerufen: Wo bist du?» «Hier», habe seine Mutter geantwortet. Er hatte Hoffnung, als er im Krankenhaus erwachte, aber sie schwand, als er seine Mutter nicht ausfindig machen konnte. Die Berliner Polizei hat die Frau mittlerweile als eines der zwölf Todesopfer vom Breitscheidplatz bestätigt.

«Wo bist du?» Hier», habe seine Mutter geantwortet. 

Der amerikanische Sender KGBT-TV wiederum berichtete über einen 62-jährigen US-Amerikaner, der bei dem Anschlag schwer verletzt wurde. Richard R. aus San Benito im Bundesstaat Texas sei vor zehn Jahren nach Berlin gezogen, um hier mit seinem deutschen Partner zu leben. Wie der Bruder des Verletzten erzählt, ist Richards Lebenspartner unter den Todesopfern. Richard R. dagegen befinde sich auf der Intensivstation einer Klinik. «Sie mussten ihn operieren, Teile seines Darms entfernen», sagt der Bruder.

Daliya E. liebte das Reisen

Dann ist da die Geschichte von Daliya E. Über sie ist bekannt, dass sie das Reisen liebte. Berlin wurde ihr letztes Ziel. Die Frau aus Israel war mit ihrem Mann Rami auf dem Weihnachtsmarkt, wo Amris Lastwagen das Paar erfasste. Nur Rami überlebte, er musste an der Hüfte operiert werden, befindet sich mittlerweile aber nicht mehr in Lebensgefahr. Das israelische Aussenministerium hat den Tod von Daliya E. bestätigt, Präsident Reuven Rivlin sprach der Familie sein Beileid aus.

Auch die Regierung in Rom trauerte öffentlich um eine Staatsbürgerin. Italien gedenke «einer von den Terroristen getöteten Musterbürgerin», schrieb Ministerpräsident Paolo Gentiloni auf Twitter. Fabrizia D. ist nur 31 Jahre alt geworden, sie wurde am Montag in Sulmona beigesetzt, einer Kleinstadt in den Abruzzen. «Wie ein Engel mit offenen Flügeln» sei sie gewesen, sagte der Bischof bei der Beerdigung. Die Italienerin hatte in Berlin für ein Logistikunternehmen gearbeitet, wie die Bild berichtet, seit 2013 lebte sie in der deutschen Hauptstadt, wo sie zuvor auch schon studiert hatte. Das tschechische Aussenministerium hat zudem den Tod einer Staatsbürgerin verkündet, die Frau lebte und arbeitete in Berlin. Über die weiteren Todesopfer ist nicht viel bekannt.

«Wie ein Engel mit offenen Flügeln» sei sie gewesen, sagte der Bischof bei der Beerdigung.

Zwei Deutsche, so heisst es, stammen aus Brandenburg. Nach Angaben von Innenminister Karl-Heinz Schröter handelt es sich um einen 32-jährigen Mann aus Brandenburg an der Havel und eine 53-jährige Frau aus dem Landkreis Dahme-Spreewald. Ein anderes Opfer besitzt die ukrainische Staatsbürgerschaft. Mehr als 50 Menschen wurden zudem verletzt, 14 von ihnen lebensgefährlich. Einer der Verletzten ist Iñaki E., ein Erasmus-Student aus Bilbao. Mit zwei Freundinnen war der Spanier auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs, als plötzlich der LKW auf ihn zufuhr. Der 21-Jährige konnte nicht mehr ausweichen, ihn streifte ein Rad des tonnenschweren Gefährts. E. erlitt einen dreifachen Beinbruch.

Er sass nicht freiwillig in der Fahrerkabine

Noch immer versuchen die Ermittler zu klären, wann genau Lukasz U. ums Leben kam. Der polnische Lastwagenfahrer sass mit dem Terroristen in der Fahrerkabine, als der den entführten Truck einer polnischen Speditionsfirma in eine Mordwaffe verwandelte. Kampfspuren belegen, dass Lukasz U. nicht aus freiem Willen im Truck sass. Rettungskräfte bargen den 37-Jährigen unmittelbar nach dem Anschlag, er lag mit Stichverletzungen und einer Einschusswunde in der Stirn leblos in der Fahrerkabine.

Kampfspuren belegen, dass der polnische Lkw-Fahrer nicht aus freiem Willen im Truck sass. 

Ungeklärt bleibt die Frage, was im Wagen geschah, als Amri den Anschlag beging. Lebte Lukasz U. noch? Griff er Amri gar ins Lenkrad, um Menschenleben zu retten? Diese Theorie hielt sich nach dem Anschlag lange hartnäckig, sie schien ja auch zu erklären, warum der Sattelschlepper nach 60 Metern mitten auf dem Weihnachtsmarkt plötzlich links ausscherte und durch die Buden pflügte, bis er kurz danach ausserhalb des Marktes auf der Strasse zum Stehen kam. Per Onlinepetition forderten Unterstützer schon das Bundesverdienstkreuz für Lukasz U. Mit seinem «heldenhaften Handeln hat er vermutlich viele Menschenleben gerettet» heisst es in der Begründung, 40 000 Menschen unterschrieben. Inzwischen sind die Ermittler jedoch zu der Erkenntnis gelangt, dass der polnische Fahrer kurz vor der Tat durch einen Kopfschuss tödlich verwundet worden ist. Er war demnach nicht mehr in der Lage, in das Geschehen einzugreifen.

Von allen Opfern hat die Familie von Lukasz U. die grösste Anteilnahme erfahren, viele Hilfsangebote erreichten sie, der Berliner Senat erwägt angeblich sogar, eine Strasse nach ihm zu benennen. Lukasz U. hinterlässt eine Frau und einen 17- Jahre alten Sohn. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 29.12.2016, 11:07 Uhr

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