Der Pfundskerl, der Mitt Romney im Regen stehen lässt

Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, weibelt als Krisenmanager durch seinen heimgesuchten Staat. Dabei schneidet der Republikaner den Kandidaten Mitt Romney – und preist Präsident Barack Obama.

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Die braven Moderatoren von Fox News hatten ihre einfühlsamen Katastrophen-Mienen aufgesetzt. Aber nach pflichtschuldigen Fragen über zerstörte Städte und verstörte Menschen kamen sie zum Punkt: «Gouverneur», begann der Fox-Mann, «Mitt Romney führt vielleicht heute einige Unwetter-bezogene Anlässe durch. Ist es möglich, dass Sie mit ihm eine Tour machen zu einigen verwüsteten Plätzen in New Jersey?»

Es war nicht wirklich eine Frage, sondern ein Vorschlag. Fox News ist Amerikas konservativer Propaganda-Sender. Eine De-Facto-Aussenstation von Romneys Präsidentschaftskampagne. Romneys TV-Terminkalender. Eine Tour mit Gouverneur Chris Christie, einem der beliebtesten Politiker bei der republikanischen Basis, wäre für den Kandidaten im Endspurt eine attraktive Angelegenheit.

«Dann kennen Sie mich nicht»

Gouverneur Christies legendäre Leibesfülle wirkte seltsam gequetscht auf dem abgeschnittenen Fox-Bild. Er blickte finster in die Kamera und blaffte: «Keine Ahnung. Und es interessiert mich auch nicht im Geringsten.» Eine Sekunde lang hing diese Absage in der Luft. «Aha», stammelte der Moderator. Seine Kollegen starrten Christie wie versteinert an. «Ich habe hier einen Job zu tun», fuhr Christie genervt fort, «2,4 Millionen Leute sind bei uns ohne Strom, zerstörte Küsten, Überflutungen im Norden. Wenn Sie glauben, dass ich mich da auch nur einen Scheiss um die Präsidentschaftswahl kümmere, kennen Sie mich nicht.»

Man muss sich das vor Augen halten: Chris Christie war noch vor kurzem der Wunsch-Präsidentschaftskandidat der treusten Parteianhänger. Vor einem Jahr liessen er und sein Team gezielt streuen, dass er eine Kandidatur in Betracht ziehe. Sofort schoss er an die Spitze der Umfragen. Einige Tage liess er die Republikaner zappeln, dann sagte er dennoch ab. Mit fast denselben Worten wie gestern auf Fox News: «Ich habe einen Job, den ich liebe, im Staat, in dem ich gross geworden bin.»

Dabei hatte Christie in den damaligen Umfragen Chancen gegen Amtsinhaber Barack Obama. Mitt Romney hätte den Mitkandidaten aus New Jersey nicht so leicht niedermachen können wie das restliche Langweiler- und Chaoten-Panoptikum, das damals für die Republikaner antrat. «Wir brauchen Sie», wurde Christie bei Reden regelmässig angefleht. Und er war immerhin so ehrlich zuzugeben, «dass man den Leuten nicht gern sagt: Hört endlich auf, mich zu bitten, Führer der freien Welt zu werden».

Wie direkt aus den «Sopranos»

Christie verhehlte seine Ambitionen nie. Diese Direktheit, diese Offenheit war auch immer sein Trumpf. Der Mann wirkt wie ein Charakter aus der legendären Mafia-TV-Serie «Die Sopranos». Weil er so echt ist, sagen seine Fans. Weil er so skrupellos ist, sagen seine Gegner. Ihm ist beides recht. Der Anwalt und Ex-Staatsanwalt gibt viel auf sein Image als zupackender harter Kerl. Und was bei den Wählern als Volkstümlichkeit ankommt, ist bei den Journalisten gefürchtet: Christie putzte schon manchen Vertreter der vierten Macht vor laufender Kamera herunter – und kam dabei nicht einmal schlecht rüber.

Doch das Team von Fox News rechnete eigentlich mit Teamgeist. Schliesslich war Christie vor seiner Gouverneurszeit Lobbyist für Präsident George W. Bush. Und Ende Sommer dieses Jahres, am republikanischen Parteikonvent in Florida, hatte er die Nominationsrede gehalten. «Amerika braucht Mitt Romney», rief er damals in die Runde. Und dieser Christie sagt jetzt zu einem Romney-Besuch «nicht interessiert»? Es wurde noch schlimmer.

«Ähm, der Präsident erklärte New York und New Jersey zu Katastrophengebieten. Hilft Ihnen das?», fragte der Fox-Sprecher. Christie zögerte keine Sekunde: «Das hilft uns enorm. Ich sprach gestern dreimal mit dem Präsidenten. Er rief mich noch um Mitternacht zurück, um zu fragen, was er für uns tun könne. Ich bat ihn, so schnell wie möglich Ressourcen des Katastrophenministeriums Fema zu schicken. Um 2 Uhr rief mich Fema an. Am Morgen unterschrieb der Präsident die Erklärung. Er hat auf alle unsere Bitten prompt reagiert. Ich möchte ihm öffentlich danken. Er hat Grosses geleistet für New Jersey.»

Der verdatterte Fernsehsprecher schnitt Christie schnell das Wort ab, bevor dieser Obama noch mehr loben konnte: «Wenn so viele Leute leiden, hätten wir nichts anderes erwartet. Danke, Gouverneur Christie.» Die linientreuen Moderatoren hätten wohl am liebsten weiterdiskutiert: Was ist bloss los mit dem einstigen Liebling der Partei? Weiss er nicht, dass in sechs Tagen Wahlen sind? Im Hauptquartier von Romney dürften einige unzitierbare Kommentare gefallen sein. Umso mehr, als Christie sein Obama-Lob auf zahlreichen Fernsehstationen wiederholte.

Christie im Faserpelz stiehlt Romney die Schau

So ist er eben. Und es ist Romneys Pech, dass ausgerechnet New Jersey so vom Supersturm Sandy heimgesucht wurde. Christie, das wurde wieder einmal klar, regiert einen Bundesstaat, der grundsätzlich demokratisch tickt. Nur die Abneigung gegen hohe Steuern ermöglicht es immer wieder einmal einem Republikaner, hier zum Gouverneur gewählt zu werden. Zusammen mit einem Charisma, wie es dem runden Chris zu eigen ist.

Natürlich weiss Christie, dass er Romney Schwierigkeiten macht. Die sich im Übrigen noch verstärken werden, wenn heute, wie angekündigt, der Präsident einfliegt. Denn mit ihm hat der Gouverneur sehr wohl eine Tour durch die zerstörten Gebiete geplant. Die Medien werden das genüsslich ausschlachten: Ein Top-Republikaner und der Demokrat retten die Nordwestküste, während der republikanische Kandidat im Hinterland auf Wahlkampf Hände schüttelt.

Christie schüttelt keine Hände. Er streift in seiner Faserpelzjacke durch die Trümmer, umarmt die Menschen, tröstet Jerseyaner, denen es das Haus weggefegt hat. Die Tropfen im Gesicht könnten Regen sein oder Tränen. Heuchlerisch sieht es jedenfalls nicht aus. Oder ist doch alles nur Show?

Erfolg in den Talkshows, Stress zu Hause

Immerhin, Christie konnte etwas Unterstützung an seiner Heimfront gebrauchen. Gewählt wurde er erst 2009, kurz nach Obamas Amtsübernahme. Seine Wahl war eines der ersten Anzeichen für die Enttäuschung über den einst so vielversprechenden Präsidenten. Auch seine eigenen Umfragewerte rutschten in New Jersey bald wieder in den Keller. Dafür war er beliebt bei Talkshow-Gastgebern. Der Sprücheklopfer aus dem Osten. Der einzige Toppolitiker, der sich Übergewicht leistet. Eine Art fleischgewordener Late-Night-Witz.

Doch seit Sandy lacht niemand mehr über Christie. Die Frage, ob jemand politisch vom Unwetter profitieren dürfte, Romney oder Obama, wird heute klar beantwortet: Es ist Christie. Der Politklatsch-Blog des Magazins «Esquire» drückt es so aus: «Egal, wer nächsten Dienstag gewinnt, Chris Christie hat sich seine eigene Amtseinsetzung am 20. Januar 2017 praktisch schon gesichert.»

Das aber hiesse vor allem eins: Dass der Pfundskerl mit seinen Faserpelz-Auftritten Romney den Sieg 2012 vor der Nase weggeschnappt hat. Diese Nase dürfte verschnupft sein. Nicht wegen des Sturms. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.10.2012, 17:53 Uhr)

Obama in New Jersey eingetroffen

US-Präsident Barack Obama ist in den vom Wirbelsturm «Sandy» verwüsteten Gebieten im Bundesstaat New Jersey eingetroffen. Obama landete in der Küstenstadt Atlantic City, begleitet wurde er vom Chef der Katastrophenschutzbehörde Fema, Craig Fugate. Gemeinsam mit dem republikanischen Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, wollte sich der Präsident vor Ort ein Bild machen und mit Betroffenen des schweren Unwetters sprechen. (AFP)

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