«Jeder sucht seinen Platz in der Zukunft»

Die Fiat-Marken werden in der Schweiz neu von Maria Grazia Davino geführt. In Genf spricht sie über ihre Nähe zum Handel und ihre Beobachtungen am Auto-Salon.

Die gebürtige Italienerin Maria Grazia Davino ist die neue Chefin von Fiat Chrysler Automobiles Switzerland. «Es kommt auf die Persönlichkeit an.» Foto: Pirmin Rösli

Die gebürtige Italienerin Maria Grazia Davino ist die neue Chefin von Fiat Chrysler Automobiles Switzerland. «Es kommt auf die Persönlichkeit an.» Foto: Pirmin Rösli

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Maria Grazia Davino, Sie sind der einzige weibliche Managing Director in der Schweizer Autobranche. Werden Sie viel darauf angesprochen?
Nein. Es spielt auch keine Rolle. Die Art und Weise, wie jemand ein Unternehmen führt hat weniger mit dem Geschlecht als mit der Persönlichkeit zu tun. Damit, ob man ruhig bleiben und auf eine gute Taktik setzen kann. Es gibt auch bei Männern unterschiedliche Ansätze.

Wie lautet Ihr Ansatz?
Für mich ist Achtsamkeit wichtig. Das hat nicht nur mit Vorsicht zu tun. Es geht darum, aufmerksam zu bleiben. Und von nichts kommt nichts. Leistung bedingt Arbeit. Manchmal geht es auch ohne, aber das nenne ich Glück. Ausserdem bin ich nah am Handel. Viele gehen den Marketingweg, aber meiner Meinung nach führt der direkteste Weg zum Kunden über den Handel. Nur wenn die Beziehung zum Händler stimmt, kann der Hersteller Erfolg haben.

Sehen Sie darin Handlungsbedarf?
Ich werde sicher einige Dinge ändern. Aber nicht weil mein Vorgänger Fehler gemacht hätte, sondern weil ich eine andere Person mit einer anderen Herangehensweise bin.

Das heisst, Sie sind zufrieden mit den 9025 Einheiten, die die Marke Fiat 2015 in der Schweiz abgesetzt hat?
Wer im Verkauf ist, ist nie zufrieden. Als ich für den österreichischen Markt zuständig war, war ich mit den Ergebnissen auch nie zufrieden Aber ich war zufrieden mit der Arbeit und der Leistung des Teams. Das möchte ich in der Schweiz genauso erreichen.

Unterscheidet sich der Schweizer Markt stark vom österreichischen?
Beide Länder haben viele Berge und sprechen dieselbe Sprache. Trotzdem sind sie total anders. Ich lerne die Schweiz, ihre Kantonspolitik, ihre Kultur gerade erst kennen. Bis vor drei Wochen wusste ich noch nicht einmal, dass ich hierherziehen würde – solche Entscheide können bei Fiat Chrysler sehr schnell fallen. Aber ich werde mich jetzt darauf konzentrieren, die Eigenheiten der Schweiz kennen zu lernen, um sie so zu bearbeiten, wie es sich gehört. Dabei hilft es mir hoffentlich, dass ich Deutsch, Italienisch und Französisch spreche.

Wie erleben Sie den Auto-Salon – als Gastgeberin statt als Besucherin?
Wenn man als Besucher da ist, macht man seine Runde, schaut sich die Autos an, trifft Leute und geht wieder, arrivederci. Die Rolle der Gastgeberin ist ungewohnt. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich von einem Meeting zum anderen rennen kann. Ich bin ein Mensch, der arbeiten muss. Von daher bin ich froh, dass ich ab morgen wieder eine volle Agenda habe.

Konnten Sie trotzdem mal einen Rundgang machen, um zu sehen, was die Konkurrenz zeigt und wie die allgemeine Stimmung ist?
Doch, natürlich. Jeder sucht seinen Platz in der Zukunft – das ist es, was ich auf diesem Salon beobachte. Und jeder macht es ein bisschen anders. Die VWGruppe beispielsweise setzt stark auf ihre Konzernstrategie. Die Marken signalisieren: Gemeinsam sind wir stark. Bei Fiat Chrysler konzentrieren wir uns eher auf die Eigenschaften der einzelnen Marken. Ich denke, damit sind wir gut aufgestellt für die Zukunft.

Was heisst das konkret?
Bei Alfa Romeo haben wir grosse Investitionen in der Produktentwicklung getätigt. Wir wissen auch, dass dieser Brand häufig kritisiert wurde, aber er hat nun mal etwas Besonderes, das niemals sterben wird. Auf dieses gewisse Etwas setzen wir bei der Giulietta und der Giulia – ein Auto, das ich mir übrigens auch mit meinem eigenen Geld kaufen würde. Bei Fiat haben wir einerseits die emotionale Modellfamilie um den neuen Fiat Spider und andererseits die funktionale Modellfamilie um den Tipo erweitert. Smarte Autos mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis sind für die Marke sehr wichtig, und die Reaktionen auf den Tipo sind durchwegs sehr positiv. Mit dem Abarth 124 Spider haben wir ein aufregendes Nischenprodukt. Und bei Jeep können wir unser 75-jähriges Erbe aufzeigen.

Auf dem Jeep-Stand stehen in Genf aber nur Sondermodelle, keine echten Neuheiten.
Das ist auch so ein Thema in unserer Branche. Immer werden Neuheiten erwartet. Wenn man ein Produkt hat, das funktioniert und mit dem die Kunden, Händler und der Hersteller zufrieden sind, ist der Neuheitswert nicht wichtig. Das sieht man auch beim Fiat 500. Ikonen werden nie alt. Die Autos der Konkurrenz können kurzfristig Erfolg haben, wenn sie neu sind und weil der Preis stimmt, aber Ikonen halten sich stets auf demselben Niveau. Es ist wie bei Kleidern. Das kleine Schwarze kommt nie aus der Mode. Wenn die Qualität stimmt, kann man es für immer behalten.

Gibt es dennoch etwas, worauf Sie bei der Konkurrenz neidisch sind? Etwas, das Sie gerne auf einem Ihrer Stände sehen würden?
Neidisch nicht, jeder macht seinen Job auf seine Art. Aber wenn es etwas gibt, das ich bei uns gerne sehen würde, dann wäre das ein Kombi von Alfa Romeo. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.03.2016, 17:43 Uhr)

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