«Genf steht für Innovation – und Demokratie»

Autopapst Ferdinand Dudenhöffer sagt, die Geneva International Motor Show brauche im Gegensatz zu anderen Automessen nicht um ihren Status zu fürchten.

Ferdinand Dudenhöffer ist überzeugt: «Wir werden erleben, dass Spielemessen den Automessen den Rang ablaufen.» Foto: PD

Ferdinand Dudenhöffer ist überzeugt: «Wir werden erleben, dass Spielemessen den Automessen den Rang ablaufen.» Foto: PD

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Am Donnerstag öffnet die Geneva International Motor Show ihre Tore. Wie wichtig ist die Schweizer Messe für die internationale Automobilindustrie?
Genf ist eine der ganz grossen und wichtigen Messen, neben Shanghai, Frankfurt oder Detroit. Nach Genf gehen alle sehr gerne. Denn in Genf startet der Autofrühling in Europa.

Erklären Sie uns, weshalb der Genfer Salon noch immer als einzigartig gilt.
In Genf zeigt man Exklusives, Hochwertiges, Innovatives – Genf steht für Avantgarde und Emotionen. Aber gleichzeitig steht Genf auch für Demokratie: Alle Hersteller in Genf haben ähnliche Standflächen. Es herrscht kein Gigantismus. Die Autos stehen im Mittelpunkt und nicht die riesigen Standbauten.

Also ist die Schweizer Neutralität in diesem Falle ein Vorteil.
Ja, ganz klar! Weder die deutschen, die französischen noch die japanischen Autobauer müssen zeigen, dass sie die nationalen Helden sind, und die anderen durch pure Grösse überbieten.

Trotzdem wurde zumindest der Name «globalisiert». Statt Internationaler Automobil-Salon nennt sich die Messe ja seit ein paar Jahren Geneva International Motor Show (GIMS). War das nötig?
Schauen Sie, für die meisten ist und bleibt es einfach der «Genfer Salon». Das sagt mehr aus als viele Anglizismen, die an jeder Ecke zu finden sind. Und ich frage mich, ob die Abkürzung GIMS notwendig ist. Ohne würde es für mich authentischer klingen.

Die Messen in Detroit, Genf, Frankfurt, Paris und Tokio werden als die «Big Five» bezeichnet. Lange galt: Wer Medienpräsenz erreichen wollte, musste bei ihnen dabei sein. Ist das heute immer noch so?
Einige Automessen wurden ausgetauscht durch Computermessen. Die CES in Las Vegas ist heute deutlich wichtiger als Paris oder Detroit. Porsche hat Detroit ausgelassen, Ford hat in Paris gefehlt, und Nissan wird man vergeblich in Frankfurt suchen. Das Auto ändert sich radikal und da braucht es für die traditionelle Automesse schon neue Wege.

Neben den Big Five haben sich weitere klassische Auto-Shows in New York, Los Angeles, Peking oder Shanghai in den Vordergrund gespielt. Wie würden Sie die einzelnen Messen einordnen und in wenigen Worten charakterisieren?
Nummer 1 ist ganz klar China: Also dieses Jahr Shanghai und 2018 Peking. Frankfurt und Genf kommen sicher nach China, dann Detroit. Bei Paris und Tokio wird es schwächer. New York und Los Angeles muss man nicht unbedingt haben.

Die Big Five müssen sich aber nicht nur gegen neue klassische Konkurrenz behaupten, sondern auch gegen Messen wie die Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas oder den eben zu Ende gegangen Mobile World Congress in Barcelona. Macht es für die Automobilhersteller Sinn, dort präsent zu sein?
Ja, und das war erst der Anfang. Wir werden erleben, dass die CES in Las Vegas, die Berliner Funkausstellung oder Spielemessen wie die Gamescom in Köln den «altehrwürdigen» Automessen den Rang ablaufen. Die Jugend ist mit Gummi und Stahl nicht mehr allzu stark zu beeindrucken – sondern eher mit virtuellen Abenteuern.

Muss Genf um seinen Status als eine der internationalen Top-Messen fürchten?
Nein, Genf bleibt eine Top-Messe! Aber dass in diesem Jahr zum Beispiel Tesla fehlt, ist schon ein Manko. Dennoch muss Genf nicht um seinen Status fürchten – im Gegensatz zu Paris und Tokio.

Und in welche Richtung müsste sich die Geneva International Motor Show entwickeln?
Es fehlen die Apples, Googles und Uber dieser Welt. Auch Genf braucht meiner Ansicht nach mehr virtuelle Abenteuer!

Da die meisten Neuheiten ja schon im Vorfeld der GIMS enthüllt wurden, können Sie sicher bereits zwei Tage vor der Eröffnung ein Fazit ziehen?
Genf bringt ein «Festival der SUV» und spiegelt die Lust der Autokäufer auf Emotionen: Der Velar von Landrover, Alfa mit dem Stelvio, Citroën mit einem DS 7 Crossland. Und dann natürlich die Avantgarde. Nirgends stehen so viele Ferraris, Porsche Sport Turismos, Pagani Roadsters, Lamborghinis, Rolls-Royces, Jaguars, Landrovers, Bentleys, Bugattis und Mercedes-AMG-Sondereditionen so eng zusammen wie in Genf.

Also keine neuen Trends in Sicht?
Es bleibt beim Elektroauto und dem autonomen Fahren.

Trotzdem: Auf welche Neuheit sind Sie ganz besonders gespannt?
Der Porsche Panamera Turismo und der Range Rover Velar könnten spannend sein. Und natürlich ein bisschen Ferrari mit dem 812 Superfast.

Und welches Auto würden Sie direkt aus der Halle fahren?
Das Tesla Model 3, wenn es in Genf stehen würde. Aber da muss man wohl so oder so noch ein bisschen warten. Denn Elon Musk sieht es mit der Zeit nicht ganz so eng.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 17:52 Uhr

Der Autopapst

Der 65-jährige Volkswirtschaftler ist Professor an der Universität Duisburg-Essen in Duisburg und leitet dort das Fachgebiet «Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft». Gleichzeitig ist er Gründer und Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen. Ferdinand Dudenhöffer arbeitete früher auch für die Marken Opel, Porsche, Citroën und Peugeot.

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