Wenn es den Manager «aus den Socken haut»

Marken und Motoren mögen das Wichtigste an einer Automesse sein. Aber so richtig lebhaft wird die Geneva International Motorshow, wenn die Chefs ihre Sicht auf die Welt erklären.

Der Volkswagen-Chef Matthias Müller bringt mit Sedric «die Zukunft in die Gegenwart».

Der Volkswagen-Chef Matthias Müller bringt mit Sedric «die Zukunft in die Gegenwart». Bild: Arnd Wiegmann/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An mancher Motorshow musste man schon umsonst auf ihn warten. Nicht so in Genf: Sergio Marchionne, der Macher hinter dem transatlantischen Fiat-Chrysler-Konzern FCA, lieferte an der Geneva International Motorshow die pointierten Sätze. Auch wenn natürlich die neuen Modelle im Vordergrund stehen: An Messen wie hier in Genf gewährt das Führungspersonal gerne einen Einblick in die eigene Weltsicht – und das auf höchst unterschiedliche Weise. Sergio Marchionne beherrscht das Spiel mit den Journalisten wie kaum jemand sonst; reizt, stichelt, scheint jede Frage zu geniessen.

Lauschte man dagegen am Vorabend der Messe Volkswagens CEO Matthias Müller, dann spürte man geradezu dessen Unwohlsein. Die grosse Bühne liegt ihm nicht so recht, auch wenn sie seit dem Abgasskandal am traditionellen VW-Konzernabend deutlich bescheidener aufgebaut wird. Dabei hatte er Wichtiges zu vermelden: dass VW nichts weniger als «die Zukunft in die Gegenwart» bringe. Sein Unternehmen erfindet sich gerade rund um die Elektrifizierung und Digitalisierung des Autos neu. Und den Aufbruch soll Sedric symbolisieren, die Studie eines voll automatisierten Autos ohne Bedienelemente, das per Einknopf-Fernbedienung von seinem Besitzer gerufen werden kann. Als Porsche-Chef schüttelte Müller über solche ­Visionen noch den Kopf, nun muss der im persönlichen Gespräch so offene und ­lockere Chef sie öffentlich vermelden.

Bedrohungen sind «Chancen»

Carlos Ghosn scheint dagegen vor Energie förmlich zu platzen. Seit 17 Jahren führt er in Personalunion die Konzern-Allianz aus Nissan und Renault; seit ­letztem Jahr amtet er auch als Chairman beim ins Straucheln geratenen Autobauer Mitsubishi, der nun neu zur ­Allianz gehört. Er tänzelt zahlen- und detailsicher zwischen den Schauplätzen hin und her: das einstige Boomland ­Brasilien? 40 Prozent Einbruch des ­Gesamtmarktes, aber keine Gefahr für Renault-Nissan. Verkaufsrückgang in Russland? Die Allianz habe 33 Prozent Marktanteil, das Schlimmste sei vorbei. Der Brexit? Abwarten, man wisse ja noch nichts über die genauen Umstände. Bedrohungen? Ghosn nennt sie lieber «Chancen», die man ausnützen müsse. Von vorschnellen Reaktionen halte er nichts.

Marchionne wiederum mag nicht über Donald Trumps Einfluss auf die Autoindustrie diskutieren, erklärt dann aber doch, dass FCA Produktionskapazitäten in den USA aufbauen und im Gegenzug in Mexiko reduzieren werde. Die gegenwärtige Untersuchung der US-Umweltbehörde EPA wegen möglicher Abgasmanipulationen bei FCA-Modellen sehe er pragmatisch: «Wir arbeiten mit den Behörden zusammen. Aber das Wichtigste ist, jetzt die Zulassungen für den aktuellen Modelljahrgang zu erhalten.» Carlos Ghosn will an seiner Strategie zur Reduzierung des CO2-Ausstosses festhalten, ganz gleich, ob künftig die umweltpolitischen Uhren in den USA ­zurückgedreht werden. Trump habe da kaum Einfluss, entscheidend seien die Regularien in den US-Bundesstaaten: «Nehmen Sie Kalifornien – der Staat ist ein Vorreiter beim Umweltschutz. Und wird kaum hinter die geltenden Standards zurückgehen.»

Segen oder Fluch?

An einem Thema kommen sie beide nicht vorbei: der Übernahme von Opel durch den PSA-Konzern (Peugeot Société Anonyme). Beide sehen sie als «Schritt in die richtige Richtung». Für Marchionne ist eine solche Konsolidierung der einzige Weg, um Kosten zu reduzieren und die Überkapazitäten der europäischen Autoindustrie abzubauen, die selbst nach der Finanzkrise nicht angegangen worden seien. Er sieht zudem Raum für weitere Konsolidierungen: Er habe «keine Zweifel, dass zur gegebenen Zeit VW auftauchen könnte, um sich zu unterhalten».

Dass General Motors aber geopolitische Risiken in Europa als Gründe für den Verkauf der Tochter anführe, habe ihn «aus den Socken gehauen». Ghosn weist dagegen darauf hin, dass Digitalisierung, Elektrifizierung und das autonome Fahren hohe Investitionen erfordern, die Unternehmen gemeinsam leichter aufbringen könnten. Synergien könnten dagegen Segen und Fluch sein: «Es ist nicht wichtig, welche zu haben, sondern sie richtig zu nutzen», sagt Ghosn. Wohl auch als Seitenhieb auf Carlos Tavares, den PSA-CEO, der einst als sein Kronprinz bei Renault-Nissan galt und 2013 im Streit ging.

Das «Finanzgenie»

Sergio Marchionne lobt den PSA-Chef, er sei ein «Finanzgenie» und sie beide hätten viel gemeinsam: «Ich kam zu Fiat, er zu PSA, und beides war ein Desaster. Ich schloss Fiat und Chrysler zusammen und er PSA und Opel, und auch das wird ein Desaster.» Welches Tavares aber ­sicher schnell in den Griff bekommen werde. Der Gelobte sagte indes ganz ­bescheiden, er sei gekommen, um Opel zu helfen. Einen europäischen Champion wolle er allerdings schon schaffen; Opel-Modelle und Autos der britischen Schwester Vauxhall dazu künftig auch ausserhalb Europas anbieten.

Matthias Müller mochte sich nicht so recht äussern: «Ich glaube nicht, dass sich da allzu viel verändern wird», sagte er über den neu erwachsenden Kon­kurrenten. Vielleicht ist Volkswagen aber auch derzeit zu stark mit sich selbst beschäftigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 18:08 Uhr

Artikel zum Thema

Für ein paar Pferdestärken mehr

Grössere und leistungsstärkere SUVs dominieren die Automesse Detroit. Ausgerechnet Volkswagen überrascht mit der Rückkehr eines elektrifizierten Klassikers. Mehr...

Offensive gegen Tesla

Die europäische Autoindustrie präsentiert am Pariser Autosalon neue Konzepte für Elektroautos. Die Kaufzahlen dieser Fahrzeuge steigen steil an. Ein Boom wäre jedoch zu früh. Mehr...

VW erhöht die Spannung

Kurz vor dem Autosalon in Paris verraten die Wolfsburger noch nicht viel zu ihrer angekündigten Studie, stellen aber klar: Diesmal meint es VW ernst mit der E-Mobilität. Mehr...

Hohe Bilder

Sergio Marchionne


Fiat-Chrysler

Carlos Tavares


Peugeot, Citroën, DS

Carlos Ghosn


Renault-Nissan

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Beliebtestes Verkehrsmittel: Ein Nordkoreaner schiebt sein Fahrrad über den Kim-ll-Sung-Platz in Pyongyang. (24.Juli 2017)
(Bild: AP Photo/Wong Maye-E) Mehr...