«car2go»: Späte Genugtuung für Nicolas Hayek

Am Freitag startet Daimler ein neues Mobilitätskonzept mit dem Smart: «car2go» soll die richtige Antwort auf das stetig steigende Verkehrsaufkommen in den Ballungsgebieten sein.

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Je höher die Kosten steigen und je länger die Suche nach einem Parkplatz dauert, desto mehr verlieren viele Leute die Lust am eigenen Auto. Zwar will noch immer kaum jemand auf die individuelle Mobilität auf vier Rädern verzichten, doch wird vor allem Städtern der eigene Wagen zur Last. Während die Neuwagenverkäufe nur langsam steigen, meldet die Car-Sharing-Branche hohe Zuwächse. Nur hat die gemeinsame Nutzung eines Autos bis jetzt noch zu viele Nachteile: Denn wer seinen Wagen im Voraus reservieren, an ein paar wenigen Stellen abholen, seine Fahrtzeit genau einhalten und ihn dann auch am vorherigen Platz zurückgeben muss, der spürt noch zu viele Fesseln.

Maximal 49.90 Euro pro Tag

Dass Car-Sharing auch viel praktischer sein kann, will Daimler ab kommendem Freitag beweisen und nimmt dazu einen neuerlichen Anlauf für ein urbanes Mobilitätskonzept mit dem Smart: So, wie es Smart-Erfinder Nicolas Hayek schon vor fast 20 Jahren proklamiert hat, soll der Zweisitzer bald hundertfach zur allgemeinen Nutzung in Metropolen bereitgestellt werden. Das zumindest ist die Idee hinter dem Projekt car2go, das in Ulm zum Probelauf startet.

«Den Namen darf man wörtlich nehmen», sagt Projektleiter Robert Henrich. «In diese Smarts kann jedermann einfach einsteigen und losfahren.» Lange suchen soll man die Autos dabei nicht müssen. «Die Autos werden so verteilt, dass man nach höchstens fünf Minuten Fussweg einen Wagen gefunden hat», verspricht der Projektleiter. Ausserdem kann man den Standort des nächsten freien Autos auch im Internet, über das Handy oder bei einem Callcenter abfragen. Bezahlt wird ein nach Minuten gestaffelter Tarif, der auch Benzin, Pflege und Vollkaskoversicherung einschliesst. «Damit machen wir das Autofahren so einfach wie Mobiltelefonieren», sagt Henrich. In der Pilotphase soll eine Minute 19 Cent kosten, und pro Tag werden maximal 49.90 Euro fällig.

Das Projekt startet nicht in einer grossen Metropole, sondern am Daimler-Forschungsstandort Ulm. Dort stehen den 500 Mitarbeitern und ihren Angehörigen zunächst fünfzig Autos zur Verfügung, die an allen neuralgischen Punkten der Stadt verteilt sind: Vor der Firma, am Bahnhof, in den grossen Parkhäusern, vor beliebten Restaurants oder Einkaufszentren und draussen in den Wohnstrassen – überall soll man künftig die weiss-blauen car2go-Smarts finden.

«Car2go ist eine intelligente und kreative Lösung, einfach, flexibel und preiswert mit umweltverträglichen Fahrzeugen mobil zu sein», freut sich Daimler-Chef Dieter Zetsche über das Projekt.

Einen solchen Smart zu fahren, ist denkbar einfach. «5 Minuten genügen, dann hat man sich ohne Grundgebühr oder Mitgliedschaft registriert und bekommt einen versiegelten Chip auf den Führerausweis», erläutert Henrich das Prinzip. Mit diesem Chip legitimiert sich der Fahrer über ein Kartenlesegerät hinter der Frontscheibe direkt am Auto. «Die Tür geht auf, man nimmt den Zündschlüssel aus dem Handschuhfach, gibt auf dem Touchscreen des Navigationssystems seinen PIN-Code ein, und ab gehts. Jeder fährt, solange, so weit und wohin er will und kann den Smart danach überall im Stadtgebiet wieder abstellen.» Schliesst man das Auto zum Einkaufen oder bei einer Pause mit dem Schlüssel ab, bleibt es blockiert. Deponiert man den Schlüssel im Handschuhfach und verriegelt per Führerschein, schaltet die Zentrale das Auto automatisch frei.

Hayek: «Bravo Zetsche!»

Neu ist die Idee vom urbanen Mobilitätskonzept für den Smart nicht. Im Gegenteil: Aus dieser Vorstellung heraus hat der Schweizer Uhrenpapst Nicolas Hayek einst die Idee des Smart entwickelt. Dass es seit dem Debüt des Winzlings zehn Jahre gedauert hat, bis die Vision real wird, liegt nicht nur an der Technik, sondern vor allem an den Menschen. «Der Abschied vom Statusdenken war eine Zutat im Erfolgsrezept von Swatch, und diese Idee hatten wir damals auch für den Smart», so Hayek. «Leider ein paar Jahre zu früh.»

Wenn das ursprüngliche Mobilitätskonzept mit car2go jetzt im zweiten Anlauf tatsächlich klappen sollte, ist das Smart-Erfinder Hayek nur recht – selbst wenn er in dem Projekt längst keine Aktien mehr hat. Denn den lang ersehnten Erfolg des Autos empfindet er als späte Genugtuung: «Dann ist der Smart endlich dort, wo wir ihn schon von Anfang an gesehen haben – an jeder Strassenecke. Bravo Zetsche!» Nur etwas missfällt dem Schweizer: «Wieso startet man das Projekt nicht gleich mit den Elektro-Smarts?» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.10.2008, 14:56 Uhr)

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