Wo gehts zum Gipfel?

Alfa Romeos erster SUV Stelvio überzeugt optisch und bei der Fahrdynamik. Aber ansonsten bleibt Luft nach oben.

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Alfa Romeo hat alles, was ein erfolgreicher Automobilhersteller haben sollte: einen grossen Namen, eine lange Tradition, ein Gespür für schöne Formen und den ewigen Charme der Italianità. Was Alfa Romeo nicht hat, ist Geld. Das ­benötigt der Mutterkonzern Fiat ­Chrysler Automotive für seine Volumenmodelle, für Jeep und für Konnektivität, für Elektromobilität und autonomes Fahren. Um die so lange auf Sparflamme befeuerte Marke wieder in Schwung zu bringen, muss deshalb zunächst eine technische Plattform genügen. Sie trägt den Decknamen Giorgio. Giorgio ist ein Modulsystem für Heck- und Allrad-­antrieb, das schon die Mittelklasselimousine Giulia (2016) antreibt. Und jetzt eben auch den Stelvio, benannt nach dem italienischen Pass.

Stelvio: Da weiss man, dass man es mit einem SUV zu tun hat. Dieser hier ist kein «Okay, machen wir auch einen»-­Crossover, sondern ein echter Alfa mit allen typischen Attributen: Design mit Pfiff, Innenraum mit Flair, Motoren mit Musik, Fahrspass mit Emotion.

Ein gehaltenes Versprechen

Die kräftigste Version ist ein Zweiliter-Turbo­benziner mit 280 PS. Preislich kann er sich mit der Konkurrenz ­messen: Der 35 PS schwächere BMW X3 kostet rund 5000 Franken mehr. Der Top-Benziner erinnert an ­legendäre Alfa-Aggregate: rauchig bis röhrend, aufmerksam bis giftig, gelassen bis drehzahlhungrig. Den Rhythmus gibt der Schalter der sogenannten DNA-Fahrprogramme vor: D steht für «dynamic», N für «neutral» und A für «all-weather». Leider kann man die verschiedenen Kennungen nicht nach Wunsch miteinander kombinieren. In Eco wird ­beispielsweise früh hochgeschaltet und nach Herzenslust gesegelt – also der ­Motor ausgekuppelt, sodass die kinetische Energie des 1660 Kilogramm schweren Stelvio genutzt wird und das Auto frei rollt. Aber die Lenkung ­reagiert mit leichtem Verzug, und das Fahrwerk ist ziemlich weich abgestimmt.

Auf der Teststrecke in ­Balocco ­(Italien) zeigt der D-Modus seine ­Qualitäten. Es braucht schon eine solide Abstimmung zwischen Feder und ­Dämpfer, um über die Kuppen und durch die Senken nicht von der Ideal­linie abzuweichen – und eine standfeste Bremse, um sich ohne Kollateral-­schäden von Tempo 230 im dritten Gang in den Linksbogen einzufädeln. Flinkes Lenken ist vonnöten, um die schnellen Richtungswechsel und Einlenkmanöver mit der nötigen Präzision ­anzugehen. All das schafft der Stelvio mit Bravour und ohne Zugeständnisse an die Richtungsstabilität, ohne Härte beim Einfedern, Schaukeln der ­Karosserie oder zu frühes Untersteuern. Ein Sonderlob verdienen die neuen ­Pilot-Latitude-Reifen von Michelin, die mit viel Grip und kleinen Schräglaufwinkeln für exakte Radführung sorgen. Selbst am Limit heizen sie sich erfreulich ­langsam auf – Versprechen gehalten.

Das kann man vom stärksten Diesel mit 210 PS nicht sagen. Geräuschkulisse und Laufruhe wirken allzu rustikal, und die Harmonie zwischen Motor und ­Getriebe hängt von der Gangart ab: ­Andante ist okay, furioso eher nicht. Der Benzinverbrauch wird mit 4,8 Litern auf 100 km angegeben. Allradantrieb, ein Stopp-Start-System und die Achtgang-Automatik sind in beiden Versionen serien­mässig eingebaut.

Die Preise beginnen bei 54'150 Franken für die Ausstattungslinie Super mit dem Turbodiesel und reichen hinauf bis zum Benziner der 64'900 Franken ­teuren sogenannten First Edition, die sowohl optisch als auch bei der Ausstattung ein ­bisschen besonders ausgerüstet wird. Die Optionenliste fällt ­relativ über-­schaubar aus; die umklappbare Rücksitzlehne – bei der Giulia noch Extra, ist serienmässig an Bord.

Aussen schön, innen trist

Obwohl Alfa Romeo eigentlich über das technische ­Rüstzeug verfügen würde, schwebt aus finanziellen Gründen ein ­Damoklesschwert über ­projektierten ­Nischenmodellen wie dem ­fertigen ­Giulia Sportwagon, einer ­Kombiversion, und der nächsten ­Giulietta. Stattdessen wollen die ­Konzernverantwortlichen nach dem Stelvio mit zwei weiteren SUV-Modellen auf Basis des ­Giorgio Kasse machen. Die grössere Variante wird 2018 präsentiert werden und den BMW X5 im Visier ­haben, die kleinere ein Jahr ­später den BMW X1. Eine oberklassig ­positionierte Stufenhecklimousine ­beschliesst schliesslich 2020 den ersten Teil der Produkt-Of­fensive.

Von aussen gibt sich der Stelvio als Beau auf grossen 21-Zoll-Rädern. Innen dagegen ­dominiert eine dunkle Tristesse mit einfachen Materialien, durch­schnitt­lichem Raumangebot, mässiger Sicht nach hinten und einem wenig ­intuitiven Bedienkonzept ohne Head-up-Display oder herausragende Assistenzsysteme. Alfa-Romeo-Entwicklungschef Roberto ­Fedeli zuckt mit den ­Schultern und bedauert: «Wir müssen das Geld für ­kommende Innovationen eben erst noch verdienen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 18:22 Uhr

Alfa Romeo Stelvio

Auf hundert in sechs Sekunden

Modell: Mittelklasse-SUV mit 5 Türen.

Masse: Länge 4687 mm, Breite 1903 mm, Höhe 1648 mm, Radstand 2818 mm.

Kofferraum: 525 bis 1600 Liter.

Motoren: Turbodiesel mit 210 PS (154 kW), Turbobenziner mit 280 PS (206 kW).

Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h 5,7 bis 6,6 Sekunden.

Höchstgeschwindigkeit: 215 bis 230 km/h.

Verbrauch: 4,8 bis 7,0 Liter auf 100 Kilometer.

CO2-Ausstoss: 127 bis 161 Gramm pro Kilometer.

Markteinführung: sofort.

Preis: ab 54'150 Franken.

Infos: www.alfaromeo.ch

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