Auto

Der smarte Kleine bringt Inder aus dem Häuschen

Von Oliver Meiler, Gurgaon. Aktualisiert am 16.04.2009

Der indische Grosskonzern Tata setzt alle Hoffnung in den Nano, das billigste Auto der Welt. Wer ihn kaufen will, braucht Geduld. Die ersten Besitzer werden ausgelost.

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Noch rollt der Nano nicht auf indischen Strassen: Das Bild gaukelt als Spiegelung vor, was sein sollte, aber nicht ist.
Bild: Keystone

   

Da steht er nun, schmächtig und viel gelobt, in einem Showroom in Gurgaon bei Delhi: der Nano, der Kleine von Tata Motors. Ein Auto wie eine Offenbarung. Der Verkäufer empfängt mit dem gebotenen Überschwang: «Darf ich vorstellen, das Weltwunderauto!» Es drängen sich auch an diesem Tag, der vierte seit der Weltpremiere, viele Neugierige am Eingang. So lange hatten sie auf diesen Moment warten müssen. Livrierte Bedienstete tragen Mineralwasser auf für die Kundschaft. Auf einem Plakat steht: «Now we can». Den Werbefachleuten von Tata schien die Anlehnung an Barack Obamas Wahlkampf-slogan wohl gerade historisch genug.

Der Nano, nur 3 Meter lang, ein einziger Scheibenwischer, vier Plätze, 33 PS, das billigste Auto aller Zeiten, soll Indien revolutionieren. Er ist der Volkswagen der Inder, der «People’s car», der Motor der Träume von Millionen Familien, die heute noch Motorrad fahren, zuweilen zu viert auf einem Sattel - bei jedem Wetter. Die Wirtschaftszeitung «The Economic Times» schrieb dieser Tage auf der ersten Seite: «Eine Nation kann ihre Euphorie kaum bändigen.»

Das Buchungsformula für 7 Franken

Mit 100'000 Rupien (rund 2300 Franken) ist der Nano so billig wie ein Mountainbike. Aber mit Dach und vier schmalen Türen - für jedes Wetter. Hier im Showroom in Gurgaon, einem modernen Vorort der indischen Hauptstadt, steht das «Topmodell», der Nano LX. Es hat Klimaanlage, Zentralverriegelung, eine bessere Federung als die Grundausführung, das Chassis glänzt golden. Doch auch das Topmodell fühlt sich zerbrechlich an, das Lenkrad ist klein, der Kofferraum fasst höchstens Handgepäck. Alles ist sehr «basic».

Mehr lässt sich nicht sagen, Testfahrten sind nicht möglich. Nirgends in Indien. Und trotzdem haben in den ersten vier Tagen im ganzen Land mehr als 50'000 Kunden für 300 Rupien, rund 7 Franken, ein Buchungsformular für den Nano gekauft. Am Ende der Lancierungsphase, gegen Ende April, sollen es dann eine Million sein. Der Verkäufer in Gurgaon glaubt gar, dass «fünfzig Lakh», also 5 Millionen, solcher Buchungsformulare verkauft würden. Ein «wahrer Rush» sei im Gang, sagt er.

Als gebucht gilt der Wagen aber erst, wenn 80 Prozent des Preises bezahlt sind. Und selbst dann ist sich der Käufer seines Wagens noch nicht sicher. Es gibt ihn nämlich noch nicht wirklich, den Nano. Noch ist er nur ein Ausstellungsmodell. Unter all jenen, die ihn nun buchen, werden im Juni 30'000 ausgelost, die den Wagen dann im Sommer erhalten werden. Nicht unbedingt in der gewünschten Farbe und mit den gewünschten Optionen. Aber einen Nano. Alle anderen müssen sich einige Monate mehr gedulden, die meisten bis nächstes Jahr. Tata Motors hat nämlich, bei aller Euphorie, grosse Probleme. Der Nano ist spät dran, viel zu spät. 2003 geplant und 2008 von Konzernchef Ratan Tata erstmals präsentiert, hätte der Wagen bereits im vergangenen Herbst auf den Markt kommen sollen.

Bis dahin, so dachte man, würde das Werk in Westbengalen auf Hochtouren Nano produzieren und die Lust der wachsenden indischen Mittelschicht befriedigen. Doch dann brachte ein Protest der Bauern, die sich gegen die Landenteignung zur Wehr setzten, den Bau der Fabrik in Singur bei Kalkutta zum Stillstand - kurz vor dessen Vollendung. Tata brach das Projekt, das Tausende Arbeitsplätze geschaffen hätte, entnervt ab und zog nach Gujarat, einem Bundesstaat ganz im Westen des Landes, kaufte dort ein neues Stück Land für ein neues Werk. Dieses neue Werk wird aber frühestens Ende 2010 in Betrieb genommen werden.

Der Nano als Hoffnungsschimmer

In der Zwischenzeit stellt Ratan Tata sein «Wunderauto» in viel geringerer Kadenz als geplant auf leeren Linien alter Fabriken her, die sonst andere Gefährte für den Konzern produzieren: Busse, Lastwagen, grössere Personenwagen - Tata Motors ist die Nummer 2 unter Indiens Autobauern und beschäftigt 35'000 Angestellte. Sie bangen nun um ihren Job.

Zu Beginn dieses Jahres schrieb Tata in einem Brief an die Belegschaft des grossen Mischkonzerns - insgesamt 350'000 Mitarbeitende - man müsse sich auf «harte Entscheide» gefasst machen. Tata beschäftigt Leute im Telekomsektor, in der Softwareindustrie, in Minen, Banken, Getreidefeldern, Hotels, Teeplantagen und eben in Autofabriken.

Der Nano gilt da als Hoffnungsschimmer. In Indien fragt man sich nur, ob der kleine Wunderwagen den Konzern wohl tatsächlich aus seinen grossen Problemen führen könne. Trotz der Lieferprobleme, trotz der Verspätung, trotz der Wirtschaftskrise. Und ob der Nano dereinst auch in Europa, wo er in einigen Jahren mit Airbag und Schnickschnack auf den Markt kommen soll, eine Chance hat. Plötzlich scheint nichts mehr garantiert zu sein. Nur der Verkäufer in Gurgaon lässt sich dadurch nicht beirren: «Schauen Sie nur», sagt er, «diese Beinfreiheit im Fond. Und wenden lässt er sich auch ohne Servolenkung wunderbar. Ist er nicht grossartig, der Nano?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2009, 11:10 Uhr

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