Warm-up in Schwarz
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Jürgen Weissinger hats gut. Während die Mercedes-Kundschaft den Start der neuen Open-Air-Saison und mit ihr die nächste Auflage des legendären SL herbeisehnt, hat der Frühling für ihn schon im Herbst begonnen. Denn Weissinger verantwortet die Entwicklung des Roadsters und dreht auf der Schwäbischen Alb gerade die letzten Abstimmungsrunden. Drei Monate bevor der Sportwagen auf der Motorshow in Detroit seine Weltpremiere feiert und ein halbes Jahr vor der Markteinführung will er überprüfen, ob alle elektronischen Regelsysteme richtig programmiert und alle Fahrwerksteile ordentlich justiert sind.
«Spagat weiter gespreizt»
Dabei geht es ihm vor allem um die Balance zwischen Rennen und Reisen. Denn ganz in der Tradition des 300 SL, mit dem die Geschichte vor 60 Jahren einmal begonnen hat, soll der Mercedes-Zweisitzer mehr denn je wieder ein Sportwagen sein. Aber gleichzeitig muss ein SL auch das gemütliche Schaulaufen beherrschen. Weil die Käufer nicht nur mehr Geld besitzen, sondern in der Regel auch etwas reifer sind als normale Sportwagenfahrer, darf der Komfort nicht auf der Strecke bleiben. «Diesen Spagat haben wir weiter gespreizt», sagt Weissinger, lobt das elektronisch gesteuerte Fahrwerk mit Active Body Control und demonstriert das bei einer exklusiven Taxifahrt.
Wenn er den stark getarnten Dienstwagen rund um die Schwäbische Alb treibt, wird sein Lachen mit jeder Kurve breiter: Der SL folgt willig der Spur, lässt sich dabei mit dem kleinen Finger an der Ideallinie führen und wirkt schon vom Beifahrersitz um Jahre jünger als früher. Wie ein Rennfahrer auf Carvingski schneidet er durch die Kurven und wirkt fast ein wenig übermütig, wenn er mal das Heck schwänzeln lässt, bevor die Elektronik dem Zauber wieder ein Ende bereitet.
Fahrwerk bügelt alles aus
Aber der SL kann auch anders. Wechselt Weissinger in den Komfortmodus, wird der «Fighter» zum Gleiter. Wie auf Wolken schwebt der Wagen dann durch die Kurven, und in den bequemen Sitzen verliert man das Gefühl für Zeit und Raum. Ob der SL jetzt 50 oder 120 fährt, lässt sich da kaum feststellen. Viel zu gründlich bügelt das ABC-Fahrwerk alle Karosseriebewegungen aus, und viel zu gut ist der V8Motor isoliert.
Während Weissinger betont gelassen eine Hand aufs Knie legt und ins Plaudern kommt, reicht die Zeit für ein paar verstohlene Blicke hinter die Camouflage, die auch im Innenraum üppig drapiert ist. Was man dort sieht, ist allerdings keine grosse Überraschung: Die Lüfterdüsen kennt man schon von SLS und SLK, die metallischen Schalter und das sportliche Lenkrad bekommt man nun sogar in der B-Klasse, und die vielen blanken Alukonsolen passen einfach in die Zeit.
Auch bei der Ausstattung hat der SL offenbar keine grossen Überraschungen zu bieten: Aus den angenehmen neuen Sitzen bläst wie beim Vorgänger der Nackenföhn, über den Köpfen gibts im Klappdach ein grosses Glaselement, das man auf Knopfdruck verdunkeln kann, und im Kombiinstrument sieht man die Kontrollleuchten für die Assistenzsysteme: «Fast alles, was es in der E- oder S-Klasse gibt, bekommt man jetzt auch für den SL.»
Was man dagegen nicht sieht, ist die völlig neue Karosserie des Roadsters. Genau wie beim Original vor 60 Jahren ist sie diesmal komplett aus Alu gefertigt. «So sparen wir über 100 Kilogramm ein», so Weissinger. Das hilft nicht nur bei der sportlichen Auslegung des SL. «Das macht den Wagen auch sparsamer», sagt der Ingenieur. Die immer etwa 20 Prozent Effizienzsteigerung, die Mercedes zuletzt bei jedem Generationswechsel erreicht hat, will Weissinger beim SL sogar toppen.
Mehr PS, weniger Durst
Möglich macht das neben dem Leichtbau und der optimierten Aerodynamik auch der neue Antrieb. Denn statt des altbekannten 5,5-Liter-V8-Benziners mit 387 PS steckt unter der Haube jetzt der neue 8-Zylinder aus E- und S-Klasse. Der hat zwar nur 4,7 Liter Hubraum, arbeitet aber mit Direkteinspritzung und Doppelturbo und bringt so 435 PS an den Start. So sollte der SL den Spurt auf Tempo 100 in etwa fünf Sekunden schaffen, die Spitze von 250 km/h als Formsache abhaken und trotzdem – zumindest rein theoretisch – mit weniger als zehn Litern zufrieden sein. Neben dem neuen V8 gibt es den bekannten V12 für den SL 600, AMG arbeitet schon an den Powervarianten SL 63 und SL 65, und auch der 6-Zylinder ist gesetzt. Selbst einen Diesel will Weissinger nicht vollends ausschliessen – schliesslich macht der Selbstzünder im SLK eine ausgesprochen gute Figur.
Eigentlich hat der Ingenieur nun schon viel zu viel gesagt. Deshalb gibt er jetzt lieber wieder ein wenig Gas: Im Auspuff öffnen sich die Schallklappen, die Musik des Motors macht jedes Gespräch zunichte, und der Baureihenchef konzentriert sich auf die Strasse. Doch so richtig geniessen kann der Entwickler den Frühstart in den Frühling an diesem Herbsttag auf der Schwäbischen Alb allerdings nicht. Denn erstens ist das Wetter lange nicht so verführerisch wie das Auto, zweitens müsste er zum Öffnen des Verdecks auch bei der neuen SL-Generation immer noch Anhalten, und drittens ist die Tarnung so fragil, dass das Dach zumindest bei diesem Dienstwagen erst einmal drauf bleibt.
(Tages-Anzeiger)Erstellt: 15.10.2011, 08:29 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




