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«Der Mann hatte Nerven wie Drahtseile»

Interview: Anatol Heib. Aktualisiert am 07.09.2010 6 Kommentare

Ein brennendes Auto, Spritztouren in der Werkstatt und die Limousine für den Bundesrat: Franz A. Gürtler erinnert sich an seine Zeit als Lehrling beim Schweizer Sportauto-Hersteller Monteverdi. Die legendäre Automarke lebt in einer UBS-Kampagne wieder auf.

1/14 Der Schweizer Autobauer Peter Monteverdi. Rechts im Bild ein 375er-Modell.

   

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Franz A. Gürtler (58) betreibt die Auto-Boutique in Zug, wo er seltene Modelle verkauft - darunter auch einige Monteverdis. «Monteverdi ist eigentlich ‹schuld› daran, dass ich meinen Lebenstraum, die Auto-Boutique, verwirklicht habe», sagt Gürtler im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Liebe zu den speziellen Occasionen, Raritäten und Oldtimern liess ihn nicht mehr los.

Die Schweizer Monteverdi-Sportwagen leben einer UBS-Werbekampagne wieder auf. Peter Monteverdi baute ab 1967 in Binningen eine Reihe eigener Strassensportwagen, die weltweit für Aufsehen sorgten, darunter der 375L. Mit der Automarke wagte man sogar einen Ausflug in die Formel 1. 1984 endete die Serienfertigung. Das Werk in Binningen wurde in ein Automobilmuseum mit allen Monteverdi-Modellen umgewandelt. Monteverdi starb 1998 in Binningen. Sein Lebensgefährte Paul Berger ist bis heute Inhaber der Monteverdi Automobile AG.

Franz A. Gürtler hat als Lehrling zwei Jahre bei der Monteverdi Automobile gearbeitet. Eine Zeit, die ihn stark geprägt hat.

Wie kamen Sie zum Job bei Monteverdi?
Franz A. Gürtler: Ich machte bereits die Schnupperlehre bei Monteverdi und wollte eigentlich Automechaniker werden. Weil ich aber zu lange zögerte, war die Lehrstelle schon weg. So liess ich mich von 1968 bis 1970 bei Automobile Monteverdi zum Ersatzteil- und Zubehörverkäufer ausbilden.

Was war das damals ein Gefühl für Sie, als 16-Jähriger bei Monteverdi zu arbeiten?
Mein Vater fuhr einen VW Käfer und dagegen waren die Monteverdi-Modelle wie von einem anderen Stern, eben ein Traum, der mir auch schlaflose Nächte bereitete. In der Schule war ich der Held und bloss der «Monteverdi». Sogar der Lehrer war immer sehr interessiert. Sobald ich von einem neuen Modell erzählte, war er ganz Ohr – und schon war die Lektion vorbei.

Wie erlebten Sie im Alltag Peter Monteverdi?
Er trug immer einen Blazer oder einen dunklen Anzug. Morgens war er der erste im Büro, abends der letzte. Er war ein herzensguter, aber auch sehr impulsiver Mensch, der ziemlich stur sein konnte. Er hatte ganz klare Vorstellungen und sagte stets, wie er etwas ausgeführt haben wollte. So zeigte er mir eines morgens, dass man ein Auto mit dem Schwamm von oben nach unten reinigt. «Jungs, bevor ihr loslegt, überlegt zuerst genau, was und wie zu tun ist», sagte er immer. Monteverdi war sehr grosszügig. Bei Sonderschichten, etwa vor dem Genfer Autosalon, bezahlte er denjenigen, die Überstunden leisteten, 50 Prozent mehr Lohn. Am Sonntag lud er uns dann in ein nobles Hotel zum Essen ein, wo wir Lehrlinge bestellen konnten, was wir wollten. Aber wir trauten uns nur, Schnitzel mit Pommes Frites und eine Cola zu bestellen. Eine Lehre bei Monteverdi war auch ein Stück Lebensschule. Seine Gradlinigkeit hat mich geprägt und führte letztlich dazu, dass auch ich meine Auto-Boutique genau im Kopf hatte und so lange suchte, bis ich die geeigneten Räumlichkeiten fand. Das war vor fast sechs Jahren.

An welches Erlebnis in der Lehrzeit erinnern Sie sich besonders?
Monteverdi kam einmal von einer Probefahrt mit einem lichterloh brennenden Auto in die Werkstatt. Mitarbeiter holten sofort den Schaumlöscher, doch der Chef wollte das nicht. Unterdessen flüchteten alle aus dem Raum, weil der Hinterachsbereich brannte - genau darüber befand sich der 70-Liter-Benzintank. Doch Monteverdi stieg seelenruhig aus dem Auto, holte den Wasserschlauch und löschte eigenhändig das Fahrzeug. Der Mann hatte Nerven wie Drahtseile.

Konnten Sie als Lehrling die Autos selber fahren?
Oh ja – und wie! Neben dem Ersatzteillager, wo ich arbeitete, befand sich die Einstellhalle mit dem Waschplatz. Mein Glück war, dass der zuständige Mitarbeiter nicht Auto fahren konnte. So fuhr ich mit 16 Jahren ohne Fahrausweis im Keller die Monteverdis herum und lernte so Autofahren! Ein Blechschaden wäre eine Katastrophe gewesen. Ich kam aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war Briefträger, er hätte die Rechnung nie bezahlen können. Monteverdi wusste lange Zeit nichts von meinen Fahrten, sah mich dann aber eines Tages. Der Werkstattchef bekam einen Rüffel, alle Autoschlüssel wurden fortan im Büro aufbewahrt.

Holten die zahlungskräftigen Kunden die Autos selber ab?
Das war unterschiedlich. Gunter Sachs schickte zum Beispiel seinen Buchhalter vorbei. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie Marc Thomi, Gründer von Thomy Senf, persönlich vorbeikam. Er wollte mit einem Scheck bezahlen, was Monteverdi gar nicht akzeptierte. Sein Motto war «nur Bares ist Wahres». Die 73'000 Franken musste der Industrielle in Begleitung eines Verkäufers dann auf der Bank in bar abheben. Thomi schäumte vor Wut. Bei Monteverdi angekommen, zählte der Chefverkäufer das Geld. Erst danach wurde der Wagen vorgeführt und übergeben.

Was war Monteverdis Antrieb, eigene Sportautos herzustellen?
Nachdem er die Ferrari-Vertretung verloren hatte, wollte er es dem italienischen Sportwagenhersteller zeigen und unbedingt sein Auto bauen. Eine eigene Marke aufzubauen war sein grosser Traum. Mit Getriebe-Automat, Klimaanlage und elektrischen Scheiben überraschte er die Konkurrenz, die dann nachzog. Monteverdi war mit Abstand der einzige ernstzunehmende Schweizer Hersteller. Er bot damals sogar dem Bundesrat an, kostenlos eine Monteverdi-Limousine vom Typ 375/4 für Staatsempfänge zu bauen. Doch dieser lehnte ab. Stattdessen wählte man eine deutsche Marke, was Monteverdi sehr sauer aufstiess.

Worin unterschied sich ein Monteverdi von Ferrari, BWM oder anderen Marken?
Die Autos waren einfach edler und schöner. Monteverdi verstand es, den Modellen einen exkusiven Touch zu verleihen, er hatte Geschmack und ein Gespür für so etwas. Alles wurde zudem in Handarbeit gefertigt. Ein Monteverdi war damals sogar teurer als ein Ferrari.

Wie viele Monteverdi-Autos wurden insgesamt hergestellt?
Peter Monteverdi konnte diesen Fragen nichts Gutes abgewinnen und schwieg einfach, als hätte er nichts gehört. Man sagt, es seien etwa 3500 Stück gebaut worden.

Welches ist Ihr Lieblingsmodell?
Nebst dem Hai ist es der 375 L «Frua» mit seiner speziellen Heckform. Er war mit künstlichem Wildleder ausgestattet, was damals eine absolute Sensation war. Dieses Modell wurde leider nur einmal gebaut und steht heute im Museum. Der Fotograf und Playboy Gunter Sachs hatte den erworben, doch Monteverdi kaufte ihn später wieder zurück.

Fahren Sie selber einen Monteverdi?
Ja, den Geländewagen Safari, sozusagen der Edel-SUV. Mit diesen Modellen handle ich auch. Das Problem dieser Autos war, dass damals ein schlechter Stahl angeboten und verarbeitet wurde. Der Alteisenanteil war viel zu hoch, somit rosteten die Autos feucht fröhlich vor sich hin. Dies erging den Alfa Romeos genauso wie den Lancias und vielen anderen Modellen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2010, 12:08 Uhr

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6 Kommentare

Patrick Bischoff

07.09.2010, 14:31 Uhr
Melden

Gratulation zum tollen Artikel ! Peter Monteverdi hat wunderschöne und sehr edle Fahrzeuge gebaut. Schade, dass die Generation der unter 40 jährigen die Marke Monteverdi praktisch nicht mehr kennt .... Antworten


Ronnie Vögtli

08.09.2010, 16:07 Uhr
Melden

Sehr interessanter Bericht! Das Engagement der UBS freut mich sehr, sowas trägt sicher auch (wie dieser Bericht) zu einem nachhaltigen Bekanntheitsgrad der Marke Monteverdi bei. Antworten



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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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