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Goldrausch im Morgenland

Trotz Finanzkrise: An der Motorshow in Dubai haben normale Autos keine Chance. Denn die Scheichs wollen auch in Krisenzeiten eines – auffallen um jeden Preis.

1/6 Goldiger Auftritt: Für die Scheichs hat Mercedes den neuen SLS AMG in glänzendem Goldton lackiert.
Bild: Mercedes-Benz

   

Los Angeles, Moskau oder Monaco können PS-Fans glatt vergessen: Nirgends werden mehr Luxusschlitten und Supersportler verkauft als in den Arabischen Emiraten. Zwar erschüttert derzeit ein Schulden- und Immobilien-Beben den Glitzerstaat am Persischen Golf. Doch während sich die Kräne in der Skyline von Dubai ein bisschen langsamer drehen und die ersten Arbeitssoldaten das Land verlassen, geben die Reichen weiter Vollgas: Vor den Hotels und auf den Prachtstrassen sieht man noch immer mehr Rolls-Royce als VW und mehr Ferrari als Fiat. Und die Händler der Nobelmarken verdienen nicht schlecht. Der meistverkaufte Mercedes in den Emiraten zum Beispiel ist der G 55 AMG, bei BMW sind es 7er und X6, und so viele Audi R8 oder Bentley Continental wie in Dubai wird man selbst in Zürich und Genf nie zu Gesicht bekommen.

Gold liegt im Trend

Nirgendwo wird dieser automobile Goldrausch besser sichtbar als auf der Motorshow in Dubai – und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Denn mit Blick auf den sehr eigenwilligen Geschmack der Scheichs hat zum Beispiel Mercedes den SLS AMG für seine arabische Premiere in einem feinen Goldton lackiert. Während die Deutschen dafür eine konventionelle Farbe angerührt haben, werden die Autos ein paar Stände weiter tatsächlich vergoldet. Mit Pinsel und Pinzette applizieren dort drei fingerfertige Damen Blattgold auf einen Lexus RX: Zwar brauchen sie für das ganze Auto nicht mehr als 200 Gramm, weil das Gold nur noch einen Zehntausendstelmillimeter dick ist. Doch weil sie damit eine Woche beschäftigt sind, stehen trotzdem 60?000 Franken auf der Rechnung.

Während die Scheichs traditionell gekleidet, aber mit Aktenkoffer und Mobiltelefon durch die Hallen schlendern, kaufen sie Autos wie andere Leute Spielwaren. Den goldenen SLS zum Beispiel hätte AMG-Chef Volker Mornhinweg schon am ersten Tag ein paar Mal vom Stand fahren können, und auch Brabus-Chef Bodo Buschmann muss Ersatzfahrzeuge organisieren: «Viele Kunden wollen nicht bis zum Ende der Messe warten und nehmen ihre neuen Autos gleich mit», bestätigt Pressesprecher Sven Gramm. Selbst der GLK V12, der mit seinem 750 PS starken Zwölfzylinder und einer Höchstgeschwindigkeit von 322 km/h als derzeit schnellster Geländewagen der Welt gilt, war schon vor der Enthüllung versprochen. 750?000 Franken sind da kein Hindernis.

Das weiss keiner besser als Badawi Kodeissy, der mit seiner Firma Prestige Cars die zehn vielleicht schrägsten Tuner aus Europa in den Emiraten vertritt. Auf seinem Stand schillert ein Cayenne mit Glitzerlack in allen Farben des Regenbogens, der Rolls-Royce Phantom wird in Gold und Burgunder zur Probe für den guten Geschmack, der Bugatti Veyron wird zum schwarzen Carbon-Ritter, der Porsche Panamera zum Flügelmonster, und sein X6 ist so giftig grün, dass man ihn nur mit Sonnenbrille anschauen kann.

Schillernd, schrill und exklusiv

Rund 100 Autos dieser Güte verkauft Kodeissy pro Jahr und kassiert dafür jeweils umgerechnet bis 2,5 Millionen Franken. Zwar kann und will er die gedämpfte Stimmung am Golf nicht totschweigen. Doch seine Geschäfte laufen gut wie eh und je, beteuert Kodeissy. «Selbst wer in letzter Zeit Geld verloren hat, ist noch immer reich genug für neue Spielsachen», sagt der Händler und ist sicher, dass sein Stand am Ende der Messe leer sein wird. «Das war in den letzten Jahren immer so und wird auch diesmal so kommen.» Zwar sind diese PS-Preziosen schillernd, schrill und exklusiv, doch steckt darunter immer ein Fahrzeug aus der Grossserie – selbst wenn man es nicht mehr auf Anhieb erkennen kann. Weil das vielen Scheichs zu gewöhnlich ist, stehen auf der Messe auch viele Kleinstserien- modelle und Einzelstücke, deren Preise dann ebenfalls gerne auch in siebenstellige Bereiche steigen. So wirbt Jason Castriota für den von Bertone gebauten Mantide. Die knapp 700 PS starke Flunder basiert auf der Corvette, ist komplett in Karbon gekleidet und soll bei einem Preis von rund 1,5 Millionen US-Dollar genau fünfmal gebaut werden. Kaum mehr Autos bauen will der Brite Arash Farboud, der ebenfalls eine Karbon-Flunder mit an den Golf gebracht hat. Den AF-10 mit rund 600 PS für knapp 600?000 Dollar. Der aus Dänemark eingeflogene Zenvo ST-1 ist da deutlich sportlicher: Der weisse Tiefflieger mit seinem 1104 PS starken V8-Motor ist serienreif und soll im neuen Jahr tatsächlich gebaut werden. «Wir planen etwa 15 Fahrzeuge, deren Preise bei zirka 1,3 Millionen Franken beginnen», bekräftigt ein Firmensprecher. Zum eigenwilligsten Exoten reicht es dem Zenvo allerdings nicht. Diese zweifelhafte Ehre gebührt dem Keppler Motion, der dem Wort Hybridantrieb eine ganz neue Bedeutung gibt. Denn während hinten ein auf knapp 600 PS aufgebohrter V6-Motor schiebt, kommt an der Vorderachse ein E-Motor mit weiteren 250 PS zum Einsatz. Zusammen katapultieren sie den serienreifen Supersportler in 2,5 Sekunden auf Tempo 100 und noch spielend weiter bis knapp unter die 300er-Marke.

Auffallen – um jeden Preis

Obwohl in Dubai kaum jemand an die Zeit nach dem Ende des Öls denkt, schleichen die Scheichs auch schon um die ersten Öko-Autos. Für den Chevrolet Volt hat sich bei der Premiere am Golf zwar keiner so recht interessiert, doch die Teilzeitstromer von Mercedes S-Klasse und BMW 7er waren ständig von den Arabern umstellt. Und der X6 Active-Hybrid hat noch am ersten Messetag den Besitzer gewechselt. Allerdings ging es dem Kunden wohl weniger um die ökologische Überzeugung. Schliesslich kostet eine Tankfüllung am Golf gerade einmal 20 Euro. Und auch das elektrische Fahren wird ihm egal gewesen sein, vermutet das Standpersonal. Vielmehr hatte sein Kauf nur einen einzigen Grund: Er wollte auffallen und in den Emiraten der Erste sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.12.2009, 14:15 Uhr

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