Im «grossen Prius» durch Tokio
Von Thomas Geiger, Dieter Liechti. Aktualisiert am 14.08.2010
Zwar gibt es keine n Konzern, der mehr verschiedene Hybridmodelle verkauft als Toyota.
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Doch weil den Japanern bislang knapp 2,5 Millionen Teilzeitstromer noch zu wenig sind, bauen sie ihre Modellpalette munter aus. Während in Europa als kleiner Bruder des Prius bald der Auris an den Start geht, verkaufen sie in Japan seit Ende 2009 eine gestreckte und zugleich konventioneller gezeichnete Ausgabe des Saubermanns: den Sai. Stärker, länger und geräumiger, aber dafür auch rund ein Drittel teurer als der Prius, fährt er seit Dezember durch die japanischen Metropolen.
«Technisch basiert der Sai auf dem Lexus HS 250h, den wir seit einem Jahr in Japan und den USA verkaufen», erläutert Hybrid-Entwickler Ryuzu Oshita die Familienverhältnisse und erklärt damit auch den spürbaren Kraftzuwachs: Der Elektromotor hat nun 143 statt 81 PS, und wo der Benziner im neuen Prius mit 1,8 Liter Hubraum auf 99 PS kommt, punktet der Sai mit 2,4 Litern und 150 PS. Schlagen beide Herzen im gleichen Takt, gehen im Sai so 190 statt 136 PS zu Werke.
«Maus» statt Touchscreen
Während der kleine Lexus den Stromer im Smoking gibt und sich in schmuckem
Lack und edlem Leder präsentiert, kommt der 4,70 Meter lange Sai viel nüchterner daher. Zwar mangelt es nicht an Komfort und Ausstattung, und vor allem auf der Rückbank hat man spürbar mehr Platz als im Prius. Doch die Materialauswahl wirkt vor allem im Vergleich zum Lexus eher lieblos, und zudem sucht man vergebens nach Ablagen und stösst sich buchstäblich an der gewaltigen Mittelkonsole, die weit in den Raum hinein reicht. Allerdings trägt sie die extrem praktische Steuerung für den Bordcomputer, die eine Computermaus imitiert und den im Auto eher lästigen Touchscreen überflüssig macht.
Auch wenn die stufenlose Automatik wie in den meisten Autos eher nervt, geht der Sai trotz allem sportlicher zur Sache als der Prius: Die ersten Meter fährt er dabei wie von Geisterhand. Denn los geht es immer elektrisch. Erst bei einem kräftigen Tritt aufs Gaspedal oder bei leeren Akkus schaltet sich der Verbrenner zu. Dann schafft der Sai den Spurt auf Tempo 100 in 8,8 Sekunden und nimmt seinem kleinen Bruder immerhin fast zwei Sekunden ab.
Grösser, schneller, durstiger
Wie beim Prius gibt es drei Fahrprogramme für einen besonders niedrigen Verbrauch, einen rein elektrischen Stadtbetrieb und einen Powermodus für mehr Fahrspass. Dabei wird natürlich auch der Sai bei 180 Sachen elektronisch abgeregelt. Das mag zwar auf deutschen Autobahnen stören, doch weil in Japan ohnehin nirgends mehr als Tempo 100 erlaubt ist, ist das dort kein Hindernis.
Grösser, schwerer und schneller – logisch, dass der Sai auch durstiger ist als der Prius. Wo dieser im japanischen Normzyklus mit einem Liter Sprit fast 31 Kilometer weit kommt, reicht es dem Stufenheck nur für 23 Kilometer. Aber gemessen an konventionellen Modellen ist auch das ein guter Wert. Wie sparsam der Sai ist, kann der Fahrer übrigens im neu programmierten Ökomodus des Bordcomputers ablesen: Je zurückhaltender man fährt, desto mehr Punkte gibt es, die man über eine Online-Verbindung gleich als Geldspende an eine Unesco-Stiftung übertragen kann.
Zwar ist der Sai das erwachsenere Auto, das zudem mehr Spass am Fahren bietet. Doch an den Erfolg des Prius kommt die neue Limousine nicht annähernd heran, bestätigt Oshita: «Während wir vom Prius 10 000 Autos pro Monat geplant hatten und jetzt schon verdoppeln mussten, liegt die Produktionskapazität für den Sai bei 3000 Fahrzeugen pro Monat.»
Keine Angst vor der Konkurrenz
Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass der Wagen vorerst nur in Japan verkauft wird. «Das ist schade», so Toyota-Schweiz-Chef Philipp Rhomberg. «Das Auto würde
gut in unser Programm passen, denn die Nachfrage nach unseren Voll-Hybridfahrzeugen ist gross.» Doch statt nach oben, wird das Hybrid-Portfolio in der Schweiz derzeit nach unten erweitert. «Mit dem Auris Hybrid bietet Toyota seit ein paar Wochen auch ein Modell in der Kompaktklasse an», so Rhomberg. «Und die Resonanz übertrifft unsere Erwartungen.»
Für Rhomberg ein weiterer Beweis dafür, dass sich Toyota (noch) nicht vor der Konkurrenz fürchten muss, die nun auch die Hybridtechnik entdeckt hat. «Wir freuen uns, dass auch andere Hersteller auf unsere innovative und zukunftsweisende
Technologie setzen. Es ist ein Beweis dafür, dass Toyota mit dem Prius I vor 13 Jahren den richtigen Weg beschritten hat.»
Die Japaner sind aber einen Schritt weiter: 2012 kommt der Prius Plug-in-
Hybrid. Er nutzt alle Vorteile des Voll-Hybriden, lässt sich an der Steckdose aufladen und schafft 20 Kilometer rein elektrisch.
Hybrid-Charts von Toyota
Seit Toyota im Jahr 1997 mit dem Prius I das erste Voll-Hybridfahrzeug auf den Markt gebracht hat, stiegen die Verkäufe jährlich an. Mitte Jahr übertrafen die Japaner mit ihren Hybridautos die 2,5-Millionen-Grenze. Und das sind die fünf Bestseller (Juni 2010):
1. Prius: 1 880 328 (seit 1997)
2. Camry HV: 192 491 (seit 2006)
3. Lexus RX 400h/450h: 181 049 (seit 2005)
4. Highlander: 115 121 (seit 2005)
5. Estima: 76 034 (seit 2001) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.08.2010, 19:29 Uhr
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