Der Porsche mit der reinen Weste
Von Dieter Liechti. Aktualisiert am 03.03.2010
Mehr als 100 Welt- und Europapremieren
drehen sich vom 4. bis 14. März auf den Bühnen des 80. Internationalen Auto-Salons in Genf. Wie immer in den vergangenen Jahren wurden die Neuheiten – mehr oder weniger freiwillig – lange bevor der erste Besucher am Donnerstag den Salon betritt, veröffentlicht.
So auch bei Porsche. Doch der Sportwagenhersteller sorgt nun für die Sensation des diesjährigen Salons. Dass Porsche so langsam vom Saulus zum Paulus mutiert, das konnte man schon am neuen Cayenne mit Hybrid-Antrieb erkennen. Und dass diese Technik auch für die Rundstrecke taugt, wollen die Schwaben mit GT3 R Hybrid und seinem Schwungradspeicher beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring beweisen. Doch jetzt rücken sie als möglichen Vorboten eines neuen Supersportwagens die Studie 918 Spyder ins Rampenlicht: Schneller und sportlicher als der Carrara GT und sauberer als jeder Kleinwagen soll der offene Zweisitzer lustvoll und lautstark beweisen, dass Sportwagen eine saubere Sache sein können. Schliesslich ist der 918 Spyder mit einem CO2 von 70 Gramm pro Kilometer sauberer als ein VW Polo Blue-Motion.
In 3,2 Sekunden auf Tempo 100
Dafür sorgt zuallererst der vielleicht leistungsstärkste Plug-in-Hybrid aller Zeiten. Denn zum 3,4 Liter grossen und mindestens 500 PS starken V8 aus dem Le-Mans-Rennwagen RS Spyder, der direkt hinter den Sitzen montiert ist, gibt es vorn und hinten noch Elektromotoren mit zusammen weiteren 218 PS. So kommt der Tiefflieger auf über 700 PS.
Das Zusammenspiel von Gegenwart und Zukunft regelt der Fahrer mit einem Schalter am Lenkrad, der vier Positionen hat: Im E-Drive-Modus fährt der Sportler bis zu 25 Kilometer nur mit dem Strom aus der Lithium-Ionen-Batterie. Die ist hinter dem Fahrer montiert und kann beim Bremsen oder beim Parken an der Steckdose geladen werden. Im Hybrid-Modus kombiniert er beide Antriebsarten für einen minimalen Verbrauch, im Sport-Hybrid-Modus werden Leistungsfähigkeit und Spurtvermögen optimiert, und im Modus Race-Hybrid geht es allein um die schnellsten Rundenzeiten. Und die können sich sehen lassen. Der 918 erreicht in 3,2 Sekunden Tempo 100 und schafft 325 km/h Spitze.
Technik und Design des sauberen Spitzensportlers machen Lust auf eine Serienfertigung, die bei Porsche keiner bestätigt, aber auch niemand ausschliesst. «Wir haben zum Ende des Carrera GT immer gesagt, dass wir uns nicht dauerhaft aus diesem Segment verabschieden», beteuert der Porsche-Sprecher Eckhard Eybl. «Nur muss ein möglicher Nachfolger in die Zeit und zur Marke passen.» Zwei Ansprüche, denen der 918 Spyder eigentlich genügen sollte.
Nicht ganz so spektakulär ist die Neuheit, die Lamborghini in Genf präsentiert: Weil es bis zum neuen Murciélago noch gut zwei Jahre dauert, haben die Italiener den Gallardo einer strengen Diät unterzogen. Als Superleggera ist der Lamborghini nun 70 Kilogramm leichter. Und weil der V10 statt 560 jetzt 570 PS leistet, verbessern sich die Fahrleistungen (0 bis Tempo 100 in 3,4 Sekunden) und sinkt der Verbrauch auf 13,5 Liter.
Ein Audi für die Metropolen
Deutlich tiefer sind die Verbrauchswerte, die Audi mit seinen beiden Studien – Audi A1 e-tron und der A8 Hybrid – in Genf anpeilt. Konzipiert ist der A1 als sogenanntes «Mega City Vehicle», das in Metropolen wie Rio, New York oder Tokio ganz ohne lokalen Schadstoffausstoss fährt. Dafür sorgt ein E-Motor, der von einem Lithium-Ionen-Akku gespeist wird. Der liefert genügend Strom für 50 Kilometer Stadtverkehr. Weil der Motor bis zu 240 Nm bereitstellt, schafft er den Sprint auf Tempo 100 in 10,2 Sekunden.
Ist der Akku leer, müsste der e-tron eigentlich drei Stunden an die Steckdose. Weil das nicht alltagstauglich ist, hat Audi dem A1 einen Range Extender eingebaut. Während etwa Opel dabei auf einen konventionellen Vierzylinder setzt, haben die Bayern im historischen Fundus ihrer Gründungsmarke NSU den Wankelmotor ausgegraben. Er ist nicht nur kleiner und leichter als ein normaler Hubkolben-Motor, sondern läuft zudem sehr viel ruhiger, argumentieren die Ingenieure.
Der produziert aus den zwölf Litern Benzinreserve genügend Strom für weitere 200 Kilometer. Unter dem Strich berechnet Audi nach den aktuell diskutierten Formeln für Range-Extender-Fahrzeuge damit einen Verbrauch von 1,9 Litern und einen CO2 unter 45 g/km.
Seat-Stromer mit Audi-Technik
Ganz so sparsam ist die zweite Neuheit von Audi nicht. Doch auch der A8 Hybrid geht mit einem Normverbrauch von nur 6,2 Litern und einem CO2 von 144 Gramm als Saubermann durch. Möglich wird das durch die in dieser Liga bescheidene Kombination eines 2-Liter-TFSI mit einem Stromer. Zusammen schaffen sie 245 PS und 480 Nm. Während die S-Klasse von Mercedes und der 7er von BMW nur elektrisch unterstützt werden, fährt der A8 Hybrid kleine Teilstrecken auch allein mit der Kraft des E-Motors.
Auf einen E-Motor setzt man auch bei der spanischen VW-Tochter Seat. Die Studie IBE zeigt zudem, wie ein neuer kleiner Seat aussehen könnte. 25 Zentimeter kürzer als der Ibiza überzeugt der Spanier mit seinem schnörkellosen und sportlichen Auftritt. Angetrieben wird der 3,87 Meter kurze Stadtflitzer von derselben Technik wie der A1 e-tron von Audi.
Neben diesen Visionen wirkt die wichtigste Neuheit von Ford fast schon bescheiden: Zwei Monate nach der Premiere des Focus in Detroit zeigen die Kölner in Genf die Kombi-Version. Allerdings besitzt Ford gegenüber Audi, Porsche und Seat einen gewichtigen Vorteil: Das Auto kommt Anfang 2011 definitiv auf den Markt. Bei Audi spricht man zwar nur von Studien, doch zumindest die Hybridtechnik des A8 soll im Q5 noch 2010 in Serie gehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.03.2010, 11:38 Uhr
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