Das Navigationsgerät des Todes
Von Peter Wälty. Aktualisiert am 23.11.2009 9 Kommentare
Neu mit Halterung: Tomtom-App auf dem iPhone.
Kennen Sie die Autobahn zwischen Genua und Ventimiglia? Genau. Die mit der phantastischen Meersicht, den vielen Kurven und den teils hundert Meter hohen Brücken. «Schatz, schau mal, das Meer!» «Bist Du wahnsinnig? Muss steuern!» Und was würden Sie von einem Navigationsgerät halten, dass den Fahrer auf dieser Strecke, die allerhöchste Konzentration abverlangt, ständig dazu auffordert, jetzt links abzubiegen? Sie würden denken, das Navigationsgerät wünsche Ihnen den Tod. Und bald würden Sie – wie ich – dem Navigationsgerät den Tod wünschen – eine Art Exekution müsste es sein. Dumm nur, dass das Navi in Form einer iApp im iPhone drinsteckt. Die physische Vernichtung der Ersteren hätte die Zerstörung des Letzteren zur Bedingung. Die Navigationssoftware, die durch diesen glücklichen Umstand ihrem verdienten Los entronnen ist, heisst Tomtom.
Die Sprecherin von Tomtom erklärt: Jedes Navi brauche einen direkten Kontakt zum Satelliten. Ohne die Halterung, die schon bald auf dem Markt sein werde, könne es schon mal zu Fehlern kommen. Stimmt. Völlig logisch. Wie naiv anzunehmen, dass eine iApp, die man für 150 Franken herunterlädt, auch ohne das nicht erhältliche Zubehör klaglos ihren Dienst verrichtet.
Wenn die Karte spinnt
Nun, jetzt, etwa drei Monate nach der Lancierung der App ist die Halterung endlich da. Und weil ich mich entschlossen habe, einen Teil des Wohnzimmers mit Spannteppich (ja richtig, Spannteppich, das Revival steht bevor, die Menschen haben genug von Parkett) zu beziehen, mache ich einen Ausflug ins Carpetland nach Spreitenbach und lasse mich dabei von Tomtom leiten – diesmal, dank Halterung, mit Direktkontakt zum Weltraum.
Es geht los. Erstes Ziel ist die Autobahnauffahrt A 1 in Zürich-Altstetten. An der Ecke Röntgenstrasse/Langstrasse schickt mich das Gerät in die Zollstrasse, genau in die entgegengesetzte Richtung. Ach ja, was noch erwähnt werden sollte: der Test ist natürlich fies, denn ich bin ortskundig. Aber Tomtom ist es auch, schliesslich wird es dafür bezahlt. Zurück: Seltsam, denke ich, aber mache, was mir von der Stimme Lisa befohlen wird. Vorne beim Hauptbahnhof soll ich dann links ins Sihlquai abbiegen. Geht nicht. Links abbiegen verboten, nur geradeaus ist möglich. Wäre ich nicht ortskundig, würde ich jetzt schnurstracks in den samstagnachmittäglichen Verkehrshorror geleitet. Da ich aber ortskundig bin, habe ich den Fehler längst erkannt und biege schon eine Strasse früher links ab und lande in der Konradstrasse. In jener Strasse, wo kauzige Menschen einem ins Auto glotzen und hektisch mit den Fingern vor dem Mund wedeln, weil sie glauben, man sei gekommen um Haschisch zu kaufen. Falsch. Ich bin wegen Tomtom hier.
Bis zum Sihlquai geht alles fehlerfrei. Die Probleme beginnen am Escher-Wyss-Platz. An der Ampel sieht auch Tomtom rot, er scheint die Orientierung völlig verloren zu haben. Er dreht regelrecht durch, die Strassenkarte vollführt erst eine Art Veitstanz, dann plötzlich zeigt sie Dutzende von Zapfsäulen an! Kann man mit Software eigentlich ein iPhone auch zur Explosion bringen? Tomtom kommt erst ein paar hundert Meter weiter vorne auf der Hardturmstrasse zur Ruhe. Als ob ich ein Amphibienfahrzeug hätte, positioniert er mich mitten in das blaue Band, das die Limmat sein soll.
Je chaotischer, desto sicherer
Na ja, Gott sei Dank weiss ich es besser. Irgendwann hat Tomtom dann die Fassung wieder gefunden und zeigt brav die richtige Position und Richtung an. Aber Obacht! Jetzt kommt doch diese Baustellen-Sauerei kurz vor der Auffahrt. Die Streckenführung muss von einem Dr. Mabuse der Verkehrsplanung ersonnen worden sein – einem Genie des Chaos. Bin gespannt, wie Tomtom das meistert. Erstaunlich gut, stelle ich fest. Irgendwie schafft er es, in diesem unendlichen Wirrwarr von provisorischen Fahrverboten, Umleitungen, Schlaglöchern und eilig hingerotzten Asphaltschichten immer die richtige Spur anzuzeigen. Ich vermute, das hat mit einer Seelenverwandtschaft zwischen Tomtom und dem Verkehrs-Mabuse zu tun. Aber zur eigentlichen Hochform läuft Tomtom dann auf der Autobahn auf. Bestimmt und mit unüberhörbarer Autorität diktiert Lisa den Weg: «Fahren Sie geradeaus!»
Die Güterstrasse 10 in Spreitenbach ist nicht so einfach zu finden, aber Tomtom weiss, wo sie ist. Links, rechts, zweite Ausfahrt im Kreisel, alle Achtung! Nur: Tomtom ist unendlich langsam. Bei häufigen Richtungswechseln und einer hohen Strassendichte, hat man grosse Mühe herauszufinden, welche Strasse nun gemeint ist, denn die eigene Position wird oft mit Verzögerung und deshalb ungenau angezeigt. Früher oder später fährt man in die falsche Strasse, was natürlich auch mir passiert. «Sie haben Ihr Ziel erreicht», frohlockt Lisa dann vor dem Spannteppich-Paradies. Ja, schon. Aber nicht wegen, sondern trotz Tomtom.
Das Fazit ist schnell gezogen. Auch mit der Halterung ist Tomtom im Grunde nicht brauchbar. Und der Preis daher eine Frechheit. Man fühlt sich regelrecht über den Tisch gezogen. Die vielen Negativ-Kommentare im iTunes-Store sprechen eine sehr deutliche Sprache. Die Firma, die bis vor Kurzem noch einen ausgezeichneten Ruf genoss, sollte sich schleunigst überlegen, wie sie die vielen empörten Tomtom-App-Käufer zu beschwichtigen gedenkt.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.11.2009, 16:27 Uhr
Kommentar schreiben
9 Kommentare
Na ja, ich kenne viele Bekannte die mit der App SEHR zufrieden sind! Ich persönlich habe das Navigon App auf dem iPhone (ohne Halterung) und bin total begeistert. Sicher hat es auf der Brück auch schon mal den Falschen weg angegeben, es hat mich noch immer zum Ziel gebracht! Antworten
So lange es Leute gibt, die immer das Neueste haben müssen, solange können solche Firmen die Preise ins unermässliche steigern, denn es wird ja trotzdem gekauft, auch wenn es niemals das haltet was es verspricht . Neuerungen sind sicher gut aber man sollte sich gut informieren bevor man ein solches Produkt kauft. Antworten
Auto
- 08:48Ein ganz grosser Wurf
- 23.05.2012In 9 Sekunden zum Frischluft-GTI
- 22.05.2012Mini «Blumenkind» brachte 54 000 Euro ein
- 22.05.2012Der Ur-Mini
- 22.05.2012«Leider geil»?
- 20.05.2012Infiniti FX: Der Bote einer besseren Zeit
Auto
- 08:48Ein ganz grosser Wurf
- 23.05.2012In 9 Sekunden zum Frischluft-GTI
- 22.05.2012Mini «Blumenkind» brachte 54 000 Euro ein
- 22.05.2012Der Ur-Mini
- 22.05.2012«Leider geil»?
- 20.05.2012Infiniti FX: Der Bote einer besseren Zeit















