Der Autopilot bleibt vorerst aus

Eine neue Marktstudie verrät, wie die Schweizer Autobranche die Zukunft sieht – und gibt damit Einblicke in die Herausforderungen einer sich wandelnden Industrie.

Das Autonome Fahren (Bild Mercedes-Benz S 500) wird kommen, laut Schweizer Experten wohl nicht vor 2027. Foto: Mercedes-Benz

Das Autonome Fahren (Bild Mercedes-Benz S 500) wird kommen, laut Schweizer Experten wohl nicht vor 2027. Foto: Mercedes-Benz

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7.30 Uhr in Zürich. Kaffee und Gipfeli. Wie erwartet trägt das Publikum vornehmlich schwarze Anzüge. Und wo sonst sollte eine Studie zur automobilen Zukunft präsentiert werden als im Tesla- Showroom an der Pelikanstrasse? Das urbane Umfeld, die ausgestellten E-Modelle, ihr iPad-artiges Bedienkonzept, die vieldiskutierte Selbstfahr-Software – alles schreit: Neue Mobilität! Elektrisch! Digital! Autonom! So weit so naheliegend, denn keiner der anwesenden Importeure, Händler, Zulieferer oder Dienstleister würde behaupten, dass dies die Science-Fiction-Vision eines kleinen kalifornischen Herausforderers ist. Der Wandel hält auch bei den klassischen Marken Einzug.

Bloss, dass der Wandel heute ähnlich viele Fragen aufwirft wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Dampf-, Elektround Verbrennungsantriebe nebeneinander bestanden und generell unsicher war, ob sich motorisierte Fahrzeuge durchsetzen. Marketing-Experte Markus Kramer von der Zürcher Agentur Brand Affairs zitiert den Auto-Pionier Henry Ford: «Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.» Wohin die Reise 100 Jahre später geht? Um es vorwegzunehmen: Das weiss niemand so genau. Die vom Beratungsunternehmen Mercuri Urval durchgeführten Experteninterviews lassen allenfalls wissen, wohin 59 Entscheidungsträger aus der Schweizer Autobranche zu gehen glauben.

Daten sind das neue Benzin

Sven Poslusny, Managementberater bei Mercuri Urval präsentiert die Ergebnisse, wonach 45 Prozent der Befragten Connectivity als entscheidenden Trend sehen. Betrifft dies heute den «Car to User»-Austausch via Smartphone-Integration und Onlinezugang, sollen die Autos der Zukunft markenübergreifend untereinander kommunizieren, um sich etwa vor Verkehrshindernissen zu warnen, sowie die Fähigkeit besitzen, der Garage vor einem Servicetermin zu melden, welche Ersatzteile bestellt werden müssen. Daten seien das neue Benzin, so Poslusny, wenngleich ihre Handhabung, die Netzinfrastruktur, Durchsetzung einheitlicher Standards und verkürzte Entwicklungszyklen die Branche herausfordern. Die ultimative Frage lautet, ob es klassische Autohäuser noch brauchen wird, wenn das Geschäft zunehmend online erfolgt.

29 Prozent der Befragten sehen den grössten Umbruch wiederum im Umstieg auf Alternativantriebe. Das Umweltbewusstsein der Konsumenten steigt, die regulatorischen Rahmenbedingungen nehmen zu, und die Hersteller – siehe aktuelle E-Offensive des VW-Konzerns – nutzen den Imagefaktor. Vor dem Hintergrund, dass der E-Anteil weltweit sprunghaft von 400'000 Fahrzeugen im Jahr 2014 auf gut zwei Millionen im Jahr 2020 ansteigen soll, glaubt die Mehrheit eher an Stromer denn wasserstoff- oder erdgasangetriebene Fahrzeuge. Amag-Chef Morten Hannesbo relativiert aber: «Beim Übergang von Verbrennungsmotoren auf Elektroantriebe werden die Plug-in-Hybride eine wesentliche Rolle spielen.» Den reinen E-Autos traut er in Europa nicht vor 2030 einen bedeutenden Marktanteil zu. Was die Garagenbetriebe dann beschäftigen wird: die Servicestunden halbieren sich, während andere Arbeiten für neue Technologien dazukommen.

Connectivity als Voraussetzung

Urbanisierung, Bedeutungsverlust des Autos als Statussymbol, die Tatsache, dass Fahrzeuge 95 bis 98 Prozent ihrer Zeit ein Dasein als «Stehzeug» fristen – 14 Prozent der Befragten priorisieren die Sharing Economy und vermuten, dass integrierte Mobilitätskonzepte Auswirkungen auf den Autoabsatz haben werden. Doch die grösste Überraschung betrifft den kleinsten Teil des Kuchens: Gerade mal 12 Prozent messen dem Autonomen Fahren höchste Wichtigkeit bei. Darüber, dass es den Strassenverkehr sicherer, reibungsloser und effizienter macht, sind sich die Experten einig, und Thomas Pfister, VR-Präsident der Franz AG bringt noch einen weiteren Aspekt ein: «Das vollautonome Fahren könnte in Zukunft insbesondere älteren Personen und Menschen mit einer Behinderung das selbstständige Autofahren ermöglichen. » Über die technische Machbarkeit, das Vertrauen der Konsumenten und die Frage, ob die Technologie für die breite Masse erschwinglich sein wird, gehen die Meinungen aber auseinander. Und ob die Studie tatsächlich nur die Meinung der Experten widerspiegelt oder auch deren Hoffnung? Immerhin verspricht autonomes Fahren weniger Verkehrsunfälle. Und machen die Importeure einen Grossteil des Umsatzes nicht mit dem After-Sales-Geschäft?

Wirklich Bahnbrechendes fördert die Studie somit nicht zutage. Sie erinnert die Branche aber daran, (noch) nicht auf Autopilot zu schalten, um sich im zunehmend komplexeren Tagesgeschäft zurecht zu finden. Jedenfalls nicht, bevor die Fahrzeuge voll vernetzt sind. Connectivity ist denn auch die Voraussetzung: Denn ohne «Car to Car»-Kommunikation und einheitliche Standards lässt sich das autonome Fahren ohnehin nicht umsetzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2016, 22:27 Uhr

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