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Der fatale Fehler auf dem Gotthard

Sind Elektromobile bloss teure Techno-Spielzeuge für den Stadtverkehr? Eine Probefahrt zeigt: Der Gotthard ist machbar. Aber eilig darf mans nicht haben.

Das einzige mietbare E-Mobil: Twike.

Walter Pfäffli

Das Netz

In der Schweiz existiert heute ein Netz von 637 öffentlichen Stromtankstellen. Teilweise sind sie offen zugänglich, teilweise sind sie an das «Park & Charge»-System angeschlossen. Der Schlüssel für alle Park&Charge-Boxen kostet 70 Franken Jahresgebühr. Der Strom ist gratis. Eine Liste aller E-Tankstellen findet sich aim Internet unter www.lemnet.org.

Auch auf Autobahnraststätten wächst die Zahl der E-Zapfstellen rasch. Die Firma Texxenergy (www.texxenergy.ch) kümmert sich um den Ausbau. Angeboten werden neben 230-V-Zapfstellen auch 400-V-Schnellladestationen. Über die Telefon-Hotline 076 368 2525 erfährt man im Notfall, wo die nächste Zapfstelle ist.

Das Jahr 2009 wird als Elektro-Hype-Jahr in die Geschichte des Automobils eingehen. Der Genfer Salon und die IAA in Frankfurt quollen über vor angekündigten Elektroautos. Doch angesichts von 100 km Reichweite kommen viele potenzielle Kunden ins Grübeln: Taugt das Elektromobil nur als teurer Zweitwagen für Vermögende? Ist es bloss ein Techno-Spielzeug für den Stadtverkehr? Oder kann es mehr als man vermutet?

Die Versuchsanordnung ist schnell gefunden: Wir wählen ein Twike mit Li-Ionen-Akku. Zwar gäbe es derzeit auch einen elektrischen Fiat 500 und den kleinen einsitzigen City-EL, doch die kann man nicht mieten. Der City-EL ist mit 53 km/h Spitze ausserdem nicht autobahntauglich, seine Reichweite von 50 bis 90 km scheint uns für den Versuch zu gering. Denn wir wollen testen, wie man mit 100 km Reichweite und etlichen Lade-Stopps ins Tessin kommt. Genau so, wie man es mit künftigen Elektroautos machen müsste.

Das Twike

Der Zürcher Twike-Händler Thomas Bechtiger (www.bemoto.ch) bietet ein rotes Occasions-Twike zur Miete an. Für Fr. 140.– pro Tag kann also jeder Leser diese Reise nachspielen. Das Miet-Twike mit 4 Lithium-Mangan-Zellen mit einer Gesamtkapazität von 5,5 kWh (mittleres Akkupack) schafft etwa 100km Reichweite und notfalls 85 km/h Spitze (Neupreis Fr. 44'040.-).

Die Fahrt

Von Zürich-Schwamendingen soll es nach Bellinzona gehen und zurück.

11.00 Uhr: Wir haben eine Proberunde gedreht und uns mit der Joystick-Steuerung vertraut gemacht. Auf dem Joystick sind zwei Knöpfe angebracht. Mit dem oberen gibt man Gas, mit dem unteren rekuperiert man, das heisst, man bremst mit dem Elektromotor und speist Strom in die Batterie. «Die Pedale im Twike vergessen Sie lieber gleich», sagt Bechtiger. «Man braucht sie als Rücktritt nur für allfällige Notbremsungen.»

11.15 Uhr: Die Spannungsanzeige der Batterie zeigt 400 V – also randvoll. Bei spätestens 330 V sollen wir nachladen. Wer die Batterie unter die 300-Volt-Grenze entlädt, schädigt sie. Wir schwimmen problemlos durch den Zürcher Stadtverkehr und von dort aus das Sihltal hoch. Mühelos erreicht das Twike 70km/h.

13.30 Uhr: In Ibach SZ stoppt der Besuch des russischen Präsidenten unsere Fahrt. Polizei hat die Strasse abgesperrt. Wir fahren an die Migrol-Tankstelle am Mythen-Center zum Strom zapfen. Bechtiger hat uns geraten, jede Gelegenheit zu nutzen. Unser Twike wird aus der schummrigen Abstellkammer heraus versorgt. Dafür ists gratis. (Eine volle Batterieladung würde etwa einen Franken kosten).

14.30 Uhr: Wir rollen nach Altdorf hinein; die Batterieladung steht bei 360V. An der Hauptstrasse beim Energieversorgers EWA gibt es eine Elektroauto-Zapfstation. Auch gratis. Wir stecken das Twike für 15 Minuten an; jetzt zeigt der Spannungsanzeiger wieder 390 V.

15.45 Uhr: Tapfer hat das Twike die 1000 Höhenmeter bis Andermatt überwunden. Die Spannung in der Li-Ionen-Batterie ist auf 335 V abgefallen. Der Gotthard ist damit nicht zu schaffen. Wir finden eine Steckdose in der Gästegarage des Hotels Bonetti.

16.20 Uhr: Der Bordcomputer zeigt 366 V zeigt. Das sollte reichen. Locker schafft das Twike 45 km/h bergauf.

18.10 Uhr: Wir sind auf dem Gotthard! 338V. Fatalerweise «tanken» wir nicht auf. Wir glauben, die Bergabfahrt würde die Batterien wieder laden. Falsch.

19.30 Uhr: Biasca. Die Spannung ist auf bedrohliche 316 V gefallen. Zum Glück ist Damiano Riverso, Geschäftsführer der Renault-Garage Al Ponte, noch am Arbeiten. Er überlässt uns 15 Minuten die Steckdose. 350 V. Mit maximal 50 km/h geht’s weiter.

21.20 Uhr: Bellinzona, Ortseingang. Wir müssen jetzt noch durch die Stadt und 500 Meter Autobahn fahren bis zum Hotel. Mit nur noch 330 V auf der Uhr trauen wir uns das aber nicht. An der Shell-Tankstelle Molinazzo gibt es zum Glück wieder eine freie Steckdose.

22.05 Uhr: Ankunft am Hotel Möwenpick an der Raststätte Bellinzona Sud. Wir finden die Ladestation gegenüber dem Hotel. Die Zapfanlage hat Geschäftsführer Walter Caranzano installieren lassen. Er möchte sich als Relais-Station für künftige E-Touristen anbieten. Schon jetzt offeriert er Gratis-Strom, frisch gepressten Orangensaft für E-Fahrer und einen Taxi zum Festpreis von Fr. 6.– in die Stadt (www.hotel-benjaminn.com).

Tag zwei

09.10 Uhr: Die Twike-Batterie ist randvoll: 397 V. Wir wagen uns auf die Autobahn. 52 km weit geht es bergauf bis zur Raststätte Gotthard Süd. Das Twike schafft locker 70 km/h.

10.10 Uhr: Gotthard Süd. Wir ändern die Strategie: Jetzt füllen wir. Wir wollen den Gotthard mit vollen Batterien angreifen.

12.00 Uhr: 399 V. In den letzten anderthalb Stunden sind Busladungen von Touristen am Twike vorbeigepilgert. Es gibt viele Fragen. Zum Beispiel: «Ist das ein Prototyp?» «Nein, den kann man seit 10 Jahren kaufen.» Wir fahren weiter. Verlassen die Autobahn und nehmen die Landstrasse über den Pass.

12.40 Uhr: Die Passhöhe ist erreicht. 381 V sind übrig. Wir rollen ohne Pause weiter.

13.45 Uhr:Altdorf. Der Bordcomputer zeigt 379 V, wir zapfen an der Werkszentrale der EWA noch einmal Gratis-Strom.

14.30 Uhr:399 V. Das reicht für eine sorgenfreie Fahrt nach Schwammendingen. Das Twike schwimmt auf dieser Route prächtig mit.

16.35 Uhr:Wir geben unser Twike wieder bei Thomas Bechtiger ab. Wieder mit Benzin fahren, kommt einem fast als Verschwendung vor! (Automobil Revue)

Erstellt: 20.10.2009, 16:23 Uhr

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13 Kommentare

Edwin Griesser

06.11.2009, 10:25 Uhr
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@Oliver Mäder: Gemäss BDEW stieg der Ökostrom-Anteil in Deutschland 2008 bereits auf >15%, was die laufende Atomstrom-Reduktion ausgleicht. Nach Abschaltung der AKW werden vermutlich auch die Kohle-KW abgebaut. In der Schweiz ist dagegen noch fast nichts passiert, obwohl man bzgl. Sonneneinstrahlung favorisiert wäre. Den "sorglosen" CH-Leuten fehlt noch immer der Wille zu fortschrittl. Lösungen. Antworten


Oliver Mäder

02.11.2009, 19:07 Uhr
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@ E. Griesser: Sie sind sich schon bewusst, dass die Deutschen in ein paar Jahren ihren Strombedarf nicht mehr decken können? Das selbe blüht der Schweiz, wenn noch mehr Leute auf die "umweltfreundlichen" Windkrafträder setzen, welche höchst ineffizient arbeiten. Es gibt Studien dazu. Aber hauptsache man verdient 8% Rendite p.a. damit. Umweltfreundlich ist nicht gleich umweltfreundlich. Antworten


Edwin Griesser

30.10.2009, 14:34 Uhr
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@Claudia Müller/Oliver Mäder: Würden alle CH-Autos (ca.3,5Mio) durch Twikes ersetzt, würde der Stromverbrauch bei je 10'000km/Jahr nur um 3.3% zunehmen! Mit 6m2 Silizium-Solarzellen auf dem Hausdach fährt man 10'000km emissionslose Twike-km/Jahr. Silizium aus Sand = ungiftig, in Riesenmengen auf der Erde! Leider sind die Schweizer durch die Deutschen längst überholt. AKW dort tatsächl. nein-danke! Antworten


Claudia Müller

26.10.2009, 16:43 Uhr
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Die Öko-Bilanz würde mich wirklich mal interessieren. Und mit einem dampfenden AKW vor der Nase frag ich mich übrigens auch, ob da nicht wieder der Grundgedanke durchschimmert: AKW Nein Danke - bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Antworten


Oliver Mäder

23.10.2009, 00:55 Uhr
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Pro Elektroauto braucht es durchnittlich 5-15kg Silizium. Wie wird der Rohstoff gefördert? Wie transportiert? Wie verarbeitet? Wie wird es entsorgt? Woher kommt der Strom? Alles Fragen, mit denen sich ein "umweltfreundlicher" Elektrofahrer kaum auseinandersetzt... Hauptsache man macht was für die Umwelt, gelle? Immer fleissig Windkrafräder bauen! Antworten


Edwin Griesser

22.10.2009, 11:00 Uhr
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@Tom Zuppiger: Ich fahre schon seit 19 Jahren die durch Sie benannten "Elektrokrücken" - ganz ohne Auspuff. Macht Spass. 1990 wurde man ausgelacht, aber heute sind 6 von 8 bereits vernünftig (siehe Kommentare). Mein 3. Twike hat auch schon 75'000km auf dem Tacho (Vmax 85km/h). Bald kostet der Most für die Dreckschleudern CHF 5. Dann ist die "Freude am Fahren" vielleicht auch bei Ihnen passé! Antworten


Daniel Matter

22.10.2009, 01:25 Uhr
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Hat doch alle Nachteile; ist billig, man wird nicht gehört, hinterlässt keine olfaktorische Spuren, lässt einen nicht der Masse überragend aussehen (und darin verschwinden sie auch Alle wieder), wirkt halt einfach, neben so einem Stadtpanzer mit dem Charme einer Baumaschine aus den 80ern (wie man's kennt aus der Kindheit), wie ein Plastikspielzeug - Aber, ist der Mensch nicht ein Vernuftswesen? Antworten


German Baumhauer

21.10.2009, 23:49 Uhr
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Das TWIKE muss man einfach selbst erleben um die Begeisterung nachvollziehen zu können. Mich hat es überzeugt und vieles positiv verändert. Im letzten halben Jahr habe ich für 15.000 TWIKE-km 750kwh "getankt". Das entspricht etwa 70l Benzin. Den SUV möchte ich mal sehen, der diese Strecke quasi mit "einer" Tankfüllung schafft. Auch das Pedalieren macht mit etwas Übung super Spass und hält fit. Antworten


Kurt Heller

21.10.2009, 15:12 Uhr
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@Jost In der Gesamtökobilanz schneidet jeder SUV besser ab als ein Elektromobil, schon mal darüber nachgedacht? Die Herstellung der Akkus erfolgt vielfach durch Braunkohlekraftwerke etc. Von der Entsorgung wollen wir mal gar nicht erst reden. Dies geht leider bei der ganzen Klimahysterie immer wieder vergessen. Antworten


Stephan STottele

21.10.2009, 14:57 Uhr
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...wenn der "mutige" TWIKE - Tester den Gotthard hinunter rekuperiert hätte; dass heisst, den Tempomat beim bergabfahren setzen und automatisch die Geschwindigkeit regulieren und Strom vollautomatisch generieren, dann hätten es die Guten auf direktem Weg ins Hotel geschafft - der grösste Fehler meines Lebens war, mein TWIKE 608 zu verkaufen - irgendwann kriege ich wieder eins!!! MY BEST CAR EVER!! Antworten


Daniel Jost

21.10.2009, 13:35 Uhr
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@Tom Zuppiger: Die Frage stellt sich, wie wir mit der Energie umgehen. Im Verhältnis kostet es uns zuwenig wenn wir mit 2000kg in der Stadt und auf dem Land beschleunigen und bremsen. Co2, Klima war bis vor kurzem kein Thema. Auch wenn ein langsames Gefährt nerven mögen, sollten die "Verbrenner" darüber nachdenken, wie die Welt morgen aussieht und ob es die stresserei und drängelei wert war. Antworten


Tom Zuppiger

21.10.2009, 12:17 Uhr
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Besonderen Spass werden die Fahrer dahinter verspüren, wenn sie Kilometer um Kilometer hinter einer solchen Elektrokrücke herschleichen "dürfen". Getreu dem Motto "Freude am Fahren". Solche Gefährte haben allenfalls in der Innenstadt etwas verloren, wenn überhaupt! Antworten


Thomas Golser

20.10.2009, 20:42 Uhr
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Schön das sich ein "Verbrenner-Fahrer" das getraut hat - vorurteilsfrei eine längere Fahrt mit dem Twike zu machen. Scheint ihm auch gefallen zu haben. Mit der obigen Testkonfiguration mit 4 Zellen wurden auch schon 200km am Stück gefahren - allerdings muss man wissen wie :-) ...und ja, Twike-Fahren ist ein aktives Lebensgefühl für eine freundlichere Umwelt. Let's twike! Antworten



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