Der fatale Fehler auf dem Gotthard

Von Rainer Klose. Aktualisiert am 20.10.2009 13 Kommentare

Sind Elektromobile bloss teure Techno-Spielzeuge für den Stadtverkehr? Eine Probefahrt zeigt: Der Gotthard ist machbar. Aber eilig darf mans nicht haben.

Das einzige mietbare E-Mobil: Twike.

Walter Pfäffli

Das Netz

In der Schweiz existiert heute ein Netz von 637 öffentlichen Stromtankstellen. Teilweise sind sie offen zugänglich, teilweise sind sie an das «Park & Charge»-System angeschlossen. Der Schlüssel für alle Park&Charge-Boxen kostet 70 Franken Jahresgebühr. Der Strom ist gratis. Eine Liste aller E-Tankstellen findet sich aim Internet unter www.lemnet.org.

Auch auf Autobahnraststätten wächst die Zahl der E-Zapfstellen rasch. Die Firma Texxenergy (www.texxenergy.ch) kümmert sich um den Ausbau. Angeboten werden neben 230-V-Zapfstellen auch 400-V-Schnellladestationen. Über die Telefon-Hotline 076 368 2525 erfährt man im Notfall, wo die nächste Zapfstelle ist.

Das Jahr 2009 wird als Elektro-Hype-Jahr in die Geschichte des Automobils eingehen. Der Genfer Salon und die IAA in Frankfurt quollen über vor angekündigten Elektroautos. Doch angesichts von 100 km Reichweite kommen viele potenzielle Kunden ins Grübeln: Taugt das Elektromobil nur als teurer Zweitwagen für Vermögende? Ist es bloss ein Techno-Spielzeug für den Stadtverkehr? Oder kann es mehr als man vermutet?

Die Versuchsanordnung ist schnell gefunden: Wir wählen ein Twike mit Li-Ionen-Akku. Zwar gäbe es derzeit auch einen elektrischen Fiat 500 und den kleinen einsitzigen City-EL, doch die kann man nicht mieten. Der City-EL ist mit 53 km/h Spitze ausserdem nicht autobahntauglich, seine Reichweite von 50 bis 90 km scheint uns für den Versuch zu gering. Denn wir wollen testen, wie man mit 100 km Reichweite und etlichen Lade-Stopps ins Tessin kommt. Genau so, wie man es mit künftigen Elektroautos machen müsste.

Das Twike

Der Zürcher Twike-Händler Thomas Bechtiger (www.bemoto.ch) bietet ein rotes Occasions-Twike zur Miete an. Für Fr. 140.– pro Tag kann also jeder Leser diese Reise nachspielen. Das Miet-Twike mit 4 Lithium-Mangan-Zellen mit einer Gesamtkapazität von 5,5 kWh (mittleres Akkupack) schafft etwa 100km Reichweite und notfalls 85 km/h Spitze (Neupreis Fr. 44'040.-).

Die Fahrt

Von Zürich-Schwamendingen soll es nach Bellinzona gehen und zurück.

11.00 Uhr: Wir haben eine Proberunde gedreht und uns mit der Joystick-Steuerung vertraut gemacht. Auf dem Joystick sind zwei Knöpfe angebracht. Mit dem oberen gibt man Gas, mit dem unteren rekuperiert man, das heisst, man bremst mit dem Elektromotor und speist Strom in die Batterie. «Die Pedale im Twike vergessen Sie lieber gleich», sagt Bechtiger. «Man braucht sie als Rücktritt nur für allfällige Notbremsungen.»

11.15 Uhr: Die Spannungsanzeige der Batterie zeigt 400 V – also randvoll. Bei spätestens 330 V sollen wir nachladen. Wer die Batterie unter die 300-Volt-Grenze entlädt, schädigt sie. Wir schwimmen problemlos durch den Zürcher Stadtverkehr und von dort aus das Sihltal hoch. Mühelos erreicht das Twike 70km/h.

13.30 Uhr: In Ibach SZ stoppt der Besuch des russischen Präsidenten unsere Fahrt. Polizei hat die Strasse abgesperrt. Wir fahren an die Migrol-Tankstelle am Mythen-Center zum Strom zapfen. Bechtiger hat uns geraten, jede Gelegenheit zu nutzen. Unser Twike wird aus der schummrigen Abstellkammer heraus versorgt. Dafür ists gratis. (Eine volle Batterieladung würde etwa einen Franken kosten).

14.30 Uhr: Wir rollen nach Altdorf hinein; die Batterieladung steht bei 360V. An der Hauptstrasse beim Energieversorgers EWA gibt es eine Elektroauto-Zapfstation. Auch gratis. Wir stecken das Twike für 15 Minuten an; jetzt zeigt der Spannungsanzeiger wieder 390 V.

15.45 Uhr: Tapfer hat das Twike die 1000 Höhenmeter bis Andermatt überwunden. Die Spannung in der Li-Ionen-Batterie ist auf 335 V abgefallen. Der Gotthard ist damit nicht zu schaffen. Wir finden eine Steckdose in der Gästegarage des Hotels Bonetti.

16.20 Uhr: Der Bordcomputer zeigt 366 V zeigt. Das sollte reichen. Locker schafft das Twike 45 km/h bergauf.

18.10 Uhr: Wir sind auf dem Gotthard! 338V. Fatalerweise «tanken» wir nicht auf. Wir glauben, die Bergabfahrt würde die Batterien wieder laden. Falsch.

19.30 Uhr: Biasca. Die Spannung ist auf bedrohliche 316 V gefallen. Zum Glück ist Damiano Riverso, Geschäftsführer der Renault-Garage Al Ponte, noch am Arbeiten. Er überlässt uns 15 Minuten die Steckdose. 350 V. Mit maximal 50 km/h geht’s weiter.

21.20 Uhr: Bellinzona, Ortseingang. Wir müssen jetzt noch durch die Stadt und 500 Meter Autobahn fahren bis zum Hotel. Mit nur noch 330 V auf der Uhr trauen wir uns das aber nicht. An der Shell-Tankstelle Molinazzo gibt es zum Glück wieder eine freie Steckdose.

22.05 Uhr: Ankunft am Hotel Möwenpick an der Raststätte Bellinzona Sud. Wir finden die Ladestation gegenüber dem Hotel. Die Zapfanlage hat Geschäftsführer Walter Caranzano installieren lassen. Er möchte sich als Relais-Station für künftige E-Touristen anbieten. Schon jetzt offeriert er Gratis-Strom, frisch gepressten Orangensaft für E-Fahrer und einen Taxi zum Festpreis von Fr. 6.– in die Stadt (www.hotel-benjaminn.com).

Tag zwei

09.10 Uhr: Die Twike-Batterie ist randvoll: 397 V. Wir wagen uns auf die Autobahn. 52 km weit geht es bergauf bis zur Raststätte Gotthard Süd. Das Twike schafft locker 70 km/h.

10.10 Uhr: Gotthard Süd. Wir ändern die Strategie: Jetzt füllen wir. Wir wollen den Gotthard mit vollen Batterien angreifen.

12.00 Uhr: 399 V. In den letzten anderthalb Stunden sind Busladungen von Touristen am Twike vorbeigepilgert. Es gibt viele Fragen. Zum Beispiel: «Ist das ein Prototyp?» «Nein, den kann man seit 10 Jahren kaufen.» Wir fahren weiter. Verlassen die Autobahn und nehmen die Landstrasse über den Pass.

12.40 Uhr: Die Passhöhe ist erreicht. 381 V sind übrig. Wir rollen ohne Pause weiter.

13.45 Uhr:Altdorf. Der Bordcomputer zeigt 379 V, wir zapfen an der Werkszentrale der EWA noch einmal Gratis-Strom.

14.30 Uhr:399 V. Das reicht für eine sorgenfreie Fahrt nach Schwammendingen. Das Twike schwimmt auf dieser Route prächtig mit.

16.35 Uhr:Wir geben unser Twike wieder bei Thomas Bechtiger ab. Wieder mit Benzin fahren, kommt einem fast als Verschwendung vor! (Automobil Revue)

Erstellt: 20.10.2009, 16:23 Uhr

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13 Kommentare

Thomas Golser

20.10.2009, 20:42 Uhr
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Schön das sich ein "Verbrenner-Fahrer" das getraut hat - vorurteilsfrei eine längere Fahrt mit dem Twike zu machen. Scheint ihm auch gefallen zu haben. Mit der obigen Testkonfiguration mit 4 Zellen wurden auch schon 200km am Stück gefahren - allerdings muss man wissen wie :-) ...und ja, Twike-Fahren ist ein aktives Lebensgefühl für eine freundlichere Umwelt. Let's twike! Antworten


Tom Zuppiger

21.10.2009, 12:17 Uhr
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Besonderen Spass werden die Fahrer dahinter verspüren, wenn sie Kilometer um Kilometer hinter einer solchen Elektrokrücke herschleichen "dürfen". Getreu dem Motto "Freude am Fahren". Solche Gefährte haben allenfalls in der Innenstadt etwas verloren, wenn überhaupt! Antworten



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