Auto

Visionen zwischen Witz und Wirklichkeit

Von Thomas Geiger. Aktualisiert am 24.10.2009

Weil die Ausländer der diesjährigen Tokyo Motor Show fernbleiben, wird Asiens wichtigste Autoshow des Jahres zur B-Messe. Immerhin: Ein paar verrückte Studien retten das alte Bild der Tokyo Motor Show.

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Heimspiel: Die Tokyo Motor Show 2009 wird ohne Europäer und Amerikaner zur B-Messe. Trotzdem gabs für den Toyota FT-86 (die neue Celica?) einen grossen Auftritt. Fotos: Keystone

   

Ein Auto wie ein Segelflieger ohne Flügel, Kleinwagen wie aus dem Spielwarenladen, elektrische Einräder für den Büroflur oder Stadtflitzer, die wie Fische im Schwarm durch den Verkehr schwimmen – bei der Motor Show in Tokio malen die japanischen Autohersteller die Welt von morgen in schillernden Farben. Denn es sind vor allem die vielen Visionen zwischen Witz und Wirklichkeit, die in den Makuhari-Hallen den Ton angeben. Doch von der Zuversicht und Farbenfreude der letzten Jahre ist beim bislang wichtigsten Branchengipfel in Asien nicht mehr viel geblieben: Gebeutelt von einem Einbruch des Marktes, der sich erst in den vergangenen drei Monaten wieder ein wenig erholt hat, und erschüttert von der Absage nahezu aller ausländischen Hersteller wird die einst so stolze Messe zu einer regionalen Leistungsschau.

Spielweisen statt Europäer

Zwar haben die Organisatoren viel Fantasie bewiesen und die leeren Hallen nach den Stornos von Mercedes, VW, BMW oder General Motors mit Spielwiesen für Modellautos, riesigen Plakatwänden von Kindermalwettbewerben und einem halben Dutzend Sonderschauen zu füllen versucht. Und auch die Motorräder waren noch nie so prominent platziert wie in diesem Jahr. Doch weil selbst die japanischen Hersteller auf Sparflamme kochen und zu ihrem kinderleichten Heimspiel allenfalls die zweite Garde aufs leere Feld geschickt haben, wird der Gang durch die fast schon einsamen Hallen zum Trauermarsch in Tokio – nur die Musik spielt laut und schrill wie eh und je.

Aber auch wenn es nicht mehr ganz so viele Studien sind wie in den letzten Jahren, als es selbst kleinere Marken wie Daihatsu oder Suzuki nicht unter dem halben Dutzend gemacht haben, bietet der Weg durch die Hallen so manch skurrile Überraschung: Denn Fahrzeuge wie den Nissan Land Glider, der wie ein Segelflieger auf Höhe null durch die Schluchten der Gross- stadt gleiten will, ein motorisiertes Einrad für den Büroflur oder eine Mischung aus TV-Lounge und Panzerschrank wie den Daihatsu Deca Deca oder den elektrischen Stadtflitzer Toyota FT-EVII würde man sonst wohl auf keiner Messe sehen. Und auch die Entwürfe der Ingenieurbüros und freien Designstudios wie der rollende Glaszylinder CTA sind schräger als auf jeder anderen Messe.

Steht die neue Celica bei Toyota?

Allerdings haben nicht alle Showcars die Bodenhaftung verloren: Der elektrische Geländewagen PX-MiEV von Mitsubishi könnte tatsächlich einmal Fahrzeuge wie den Pajero oder den Outlander beerben und der Toyota FT-86 mit einem 2-Liter-Boxer-Motor der neuen Tochter Subaru tritt wohl in spätestens zwei Jahren die Nachfolge der fast schon vergessenen Celica an. Ebenfalls eine Prise Wirklichkeit steckt in Visionen wie dem Subaru Hybrid Tourer oder dem Mazda Kiyora – denn zumindest deren Abtriebstechnik hat grosses Potenzial.

Während es für den Teilzeitstromer bei Subaru allerdings nur eine unverbindliche Absichtserklärung gibt, stehen die neuen Sky-Motoren von Mazda bereits in den Startlöchern: Ab 2011 versprechen die Japaner für den Benziner und den Diesel damit eine Verbrauchsreduzierung um bis zu 20 Prozent.

Zwischen den Studien geht das knappe Dutzend Neuheiten mit Serienbezug fast unter. Dabei haben die Japaner auch hier einiges zu bieten – vor allem natürlich mit alternativen Antrieben. Denn wie schon die IAA wirkt die Motorshow in Tokio buchstäblich elektrisiert vom Stromer, der lautlos und sauber durch die Stadt zischt. Was in Frankfurt allerdings noch Visionen waren, ist in Tokio bereits Wirklichkeit: Den elektrisch angetriebenen Mitsubishi i-MiEV kann man hier schon kaufen, und von dem auf der Messe erstmals gezeigten Batterie-Kompaktwagen Leaf (Fahrbericht auf der Seite links) will Nissan bereits im nächsten Jahr 50?000 bis 60?000 Exemplare bauen.

Sportlicher Honda-Hybrid CR-Z

Auch der Hybridantrieb feiert in Tokio fröhliche Urständ. Einen Markt, auf dem die Teilzeitstromer zum Jahresende wohl einen Anteil von rund 10 Prozent hat, muss man schliesslich bei Laune halten. Toyota, mit dem Prius immerhin auf Platz fünf der Zulassungsstatistik, schickt deshalb auf derselben Basis den Sai ins Rennen. Er nutzt den gleichen Hybridantrieb, bekommt aber einen grösseren Kofferraum und geht damit auf den ersten Blick beinahe als konventionelles und attraktives Stufenheckmodell durch. Auf ganz anderen Wegen sucht Honda die Annäherung an den allgemeinen Geschmack und stellt dem Insight deshalb bald den sportlichen CR-Z zur Seite. Offiziell ist das erste Hybrid-Coupé der Japaner zwar bis zur Premiere in Detroit noch immer eine Studie. «Doch bis zur Markteinführung ändern wir allenfalls noch Spiegel und Felgen», versprechen die Japaner auf der Messe.

Optimistischer Carlos Ghosn

Zwar redet auch in Tokio alle Welt vom Elektro- oder zumindest vom Hybridantrieb. Doch so ganz ohne konventionelle Neuheiten geht es dann doch nicht. So appelliert bei Lexus der 560 PS starke Supersportwagen LF-A an die sportlichen Instinkte der Messegäste, die selbst bei den sonst so freizügigen Hostessen diesmal so wenig wie nie geboten bekommen. Der rund 4,50 Meter lange Kizashi weckt bei Suzuki-Kunden die Lust auf den Aufstieg in die Mittelklasse und könnte schon innert ein, zwei Jahren auch das europäische Programm nach oben abrunden. Und aus dem nagelneuen Nissan-Luxus-liner Fuga wird im Lauf des nächsten Jahres mit anderem Logo das europäische Infiniti-Flaggschiff M 37.

Natürlich könnte die Stimmung auf der Messe besser sein. Doch nach mehr als einem Jahr Talfahrt geht es mit dem japanischen Markt so langsam wieder bergauf. «Die Binnenkonjunktur beginnt sich zu erholen», bestätigte Carlos Ghosn. Wenn jetzt auch noch der Export anspringe, könne man bald wieder zufrieden sein, erklärte der Renault-Nissan-Chef den Optimismus, den er und seine Kollegen so demonstrativ zur Schau stellen.

Caterham, Lotus und Alpina

Sonderlich weit um sich gegriffen hat diese Einstellung allerdings nicht, denn die Ausländer sind der Messe allesamt ferngeblieben. Einzig Caterham, Lotus und aus Deutschland der BMW-Veredler Alpina machen den Messegästen deutlich, dass auch jenseits von Japan noch Autos gebaut werden. «Das sind wir unseren Kunden einfach schuldig. Die wären enttäuscht, wenn sie uns hier nicht sehen würden», sagt Alpina-Verkaufsleiter Günther Schuster, der treu und einsam die deutsche Fahne hochhält, während VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg wie Inkognito über die Messe huscht und neugierig die Arbeit der Konkurrenz beobachtet.

Die Präsenz von Alpina in Tokio hat einen guten Grund: «Wir sind seit 30 Jahren auf dem Markt und haben kürzlich unser 3000. Auto verkauft», sagt Schuster zufrieden. Das ist den Bayern sogar eine kleine Weltpremiere wert: Nach dem kurzen B7 von der IAA zeigen sie deshalb in Tokio erstmals auch die Langversion ihres veredelten 7ers und geben den Japanern damit wenigstens indirekt die Chance, einen Blick auf das neue BMW-Flaggschiff zu werfen, wenn BMW, Mercedes & Co. sich den Messeauftritt schon buchstäblich gespart haben.

Schmerzliche Abstinenz

In der Statistik spielen die deutschen Hersteller zwar bei einem Importanteil von 5 Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Doch für ihre rund 600 Händler ist die Abstinenz ohne Zweifel schmerzlich. Denn in Stadtteilen wie dem Nobelviertel Roppongi oder auf der Einkaufsmeile Ginza sieht man mehr deutsche Luxusliner als japanische Kei-Cars. Und bis Autos wie die neue E-Klasse, der BMW 7er oder der Porsche Panamera in Tokio zum ersten Mal auf der Messe stehen, gehören sie für die Kunden längst zum alten Eisen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.10.2009, 10:14 Uhr

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