Meditation auf zwei Rädern

Reichweite? Bis zu 180 Kilometer oder mehr. Topspeed? Mehr als 140 km/h. Ladezeit? Eine Nacht. Fazit: E-Motorräder werden salonfähig.

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Ich fahre Motorrad und höre die Vögel den Frühling einzwitschern. Und zwar laut und deutlich. Nur das Abrollgeräusch der Reifen, das Surren des schmalen Zahnriemenantriebs zum Hinterrad und ein sanftes Pfeifen aus dem Motorbereich begleiten das Konzert.

Drehe ich die rechte Hand, legt die elektrische Zero DS ohne Zögern kräftig und easy kontrollierbar an Geschwindigkeit zu. Will ich verzögern, bremst der Hightech-E-Antrieb aus Santa Cruz, Kalifornien, sanft mit und lädt sich dabei wieder selbst auf. Mit dem Zero-Topmodell sind 120 km/h rasch erreicht. Der Durchzug zwischen 60 und 100 km/h reicht zum Überholen aus und garantiert viel Zweirad-Fahrspass in kurvigem Geläuf – lautlos und beinahe zum Nullbeziehungsweise zum aktuellen Stromtarif.

180 Kilometer ohne Nachladen

Die Reichweite? Speed-Freaks kommen mit dem grossen Speicher (ZF9) knapp 100 Kilometer weit, sanfte Gemüter wählen vorwiegend den Eco-Modus und schaffen beinahe das Doppelte. Im Test des «Tages-Anzeigers» schaltete der Speicher bei gemischter Fahrweise erst nach 138 Kilometern auf Reserve. Die Ladezeit beträgt 9 Stunden (eine Schnellladung dauert 5 Stunden), die Kosten pro Ladung betragen 1 bis 1.50 Franken. Und Zero gibt als Lebensdauer des wartungsfreien Akkus rund 500 000 Kilometer an!

Beim Anfahren und in der City glänzt der mit neuster Brushless-Technik aufgebaute und somit wartungsfreie Elektroantrieb mit besten Manieren. Zündung ein, Gas geben und cool losgleiten, nix schalten, nix kuppeln. Einfacher geht es nicht. Die Softwarespezialisten aus der Umgebung des Silicon Valley haben die unter dem Sattel platzierte elektronische Controller-Einheit so abgestimmt, dass zwischen 0 und 50 km/h keine unfreiwilligen Raketenstarts möglich sind, erst darüber schiebt der mit Elektronik vollgestopfte 72V-Reaktor die 155 Kilogramm leichte DS nachhaltig voran.

Neue, unbekannte Dimension

Zero fahren bedeutet nichts anderes als Motorradfahren in einer neuen, bisher unbekannten Dimension. Man huscht, rauscht, surft, schwebt, geistert und gleitet beinahe lautlos als eine Art irdischer Luke Skywalker (der Yedi-Held aus der Kultserie «Star Wars») durch Stadt und Natur, winkt den verdutzten Polizisten freundlich zu, geniesst die für einmal wohlwollenden Blicke der Weiblichkeit zwischen 12 und 88 Jahren und hört irgendwann auf, die Anzahl der heruntergeklappten Kinnladen der Passanten zu zählen.

Mit dem «normalen» Hobby-Motorradfahren hat das E-Erlebnis hingegen sehr, sehr wenig gemeinsam. Beim E-Töff-Fahren passiert im Prinzip emotional (fast) nichts. Der von den Motorradfans so geliebte Kick aus Beschleunigung, Vibrationen und Sound fehlt vollständig. Überspitzt gesagt: Zero-Fahren ist Meditation, während auf der BMW, der Harley-Davidson oder der flinken Japanerin Orgien gefeiert werden.

Kein Wunder, spielen E-Motorräder marktmässig bei uns noch nicht einmal eine Aussenseiterrolle (mehr als ein paar Dutzend werden pro Jahr nicht zugelassen) und werden vom traditionellen Motorradvolk verspottet und links liegen gelassen. «Nur gerade drei Prozent unserer E-Bikes werden von aktiven Motorradfahrern gekauft», bestätigt Europa-Vertriebschef Edwin Belonje, der vor dem Einstieg bei den Stromern bei Triumph in England gearbeitet hat. «Zwei Drittel der Käufer sind Wiedereinsteiger der 40-Plus-Generation. Das dritte Drittel sind Leute derselben Altersgruppe, die noch nie ein Motorrad besessen haben, sich aber für alternative Mobilität in urbanen Gegenden interessieren. Die Alten sind also die Pioniere bei der umweltbewussten Mobilität. Interessant dabei ist, dass 90 Prozent der Käufer – übrigens fast ausschliesslich Männer – die Topvariante mit dem stärksten Akku wählen.»

M-Way und Emobility

Der Einstieg in die Zero-Welt beginnt bei 9990 Franken mit dem Stadtfloh XU (Reichweite 45 bis 68 km), das Topmodell ist die von uns gefahrene DS mit ZF9Akku (Reichweite 100 bis 180 Kilometer) für 17590 Franken. Weil die E-Bikes von der Motorradwelt (noch) nicht akzeptiert werden, läuft der Vertrieb der Zero-Modelle in der Schweiz nicht über den Zweirad-Fachhandel, sondern über M-Way und Emobility. «Es gibt im Land zwei Dutzend von uns geschulte Bosch-Service-Center, die sich mit der E-Technik auskennen», erklärt der für die Schweiz zuständige Martin Driehaus. «Der Antrieb ist aber wartungsfrei; Fahrwerk, Reifen, Bremsen und Ausrüstung kann jeder Motorradmechaniker egal welcher Marke betreuen.»

Zum Schluss noch eine Anekdote aus dem Schildbürgerland: Die Elektromotorräder von Zero müssen in Europa wie benzingetriebene Fahrzeuge offiziell auf Lärm und Abgas kontrolliert und homologiert werden. «Das klingt lustig, ist für uns aber mit viel Zeit-und Geldaufwand verbunden», erklärt Edwin Belonje. «Dafür haben wir dann ein Papier, auf dem offiziell steht, Zero = 0,0% CO2. Beim Lärm haben wir uns bereits etwas einfallen lassen und eine Technik entwickelt, mit der wir jeden erdenklichen Sound mit dem Antrieb beziehungsweise dem Gasgriff kombinieren können. Unsere Kunden könnten theoretisch mit Shakira-Gesäusel, Heavy-Metal-Gedonner oder Formel-1-Fanfaren durch die Gassen flitzen. Innerhalb der zulässigen Normen, versteht sich.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.04.2012, 08:58 Uhr)

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