Sie heisst Poppy – und wird Sie verstören

Auf den ersten Blick scheint Poppy ganz normal. Doch wer eines ihrer bizarren Videos ansieht, gerät in einen unerwarteten Sog.

«I'm Poppy!» – die schräge Youtuberin, stets in Pastellfarben gehüllt. Screenshot Youtube-Kanal Poppy

«I'm Poppy!» – die schräge Youtuberin, stets in Pastellfarben gehüllt. Screenshot Youtube-Kanal Poppy

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Das Erste, was an Poppy auffällt, ist ihre Unauffälligkeit. Ihr Alter ist schwer zu schätzen: Ist sie 20? Jünger? Älter? Blond ist sie, hübsch, nach allgemein gültigen Schönheitsstandards. Sie könnte ein Instagram-Model sein, so eine Social-Media-Persönlichkeit, eine sogenannte Influencerin. Das alles ist oberflächlich. Und es ist gewollt: Wie sehr erste Eindrücke, zumal noch rein visuelle, täuschen können.

Denn sobald das erste Video auf Poppys Youtube-Kanal läuft, stellt sich Ungläubigkeit ein. Was sehe ich da? Dazu gesellt sich ein zögerliches Schmunzeln, und schnell auch: Verstörung. Was passiert da grade? Nach den ersten sieben Sekunden eines beliebigen Videos ist klar: Hier geschieht etwas Einzigartiges.

Denn auf Youtube buhlen unzählige leicht bekleidete Popstars, äusserst männliche Rapper, ausgebuffte Tutorialisten und affektierte Gamer um die Aufmerksamkeit der Zuschauer, so sehr, dass man am Ende gar nicht weiss, wo man hin- und wo man wegschauen sollte. Bei Poppy bleibt man unweigerlich hängen.

Gruselig oder Kunstfigur? Poppy sorgt mit ihren bizarren Videos für Verwirrung. (Video: Youtube/Poppy)

Ihre Welt ist gedämpft – der Hintergrund stets fast weiss mit einem minim pinken Ton, ihr Auftreten folgt der japanischen Kawaii-Ästhetik, immer in Pastelltönen. Poppy spricht monoton und leise, oft wiederholt sie ihre Sätze wie ein Mantra. Was sie sagt, muss nicht unbedingt Sinn ergeben: Selbstreferenzielle Versatzstücke – sie spricht gern über sich in der dritten Person – mischen sich mit mehr oder weniger essenziellen Fragen des Lebens. «Was bedeutet es, viele Follower zu haben?» – «Wie fühlen sich deine Träume an?» – «Was bedeutet das alles?».

Wie bei David Lynch – man traut dem Frieden nicht

Dieses Pseudo-Philosophieren, untermalt mit sphärischen Keyboard-Klängen, macht süchtig. Einem David-Lynch-Film gleich, dessen Handlungsstrang man nicht versteht, aber dem man sich nicht entziehen kann, saugt Poppy den Zuschauer in ihr Universum. Denn: «Everything is magical and happy here. And nobody dies.» Alles ist magisch und glücklich hier. Und niemand stirbt. Dabei lächelt sie und guckt dem Betrachter direkt in die Augen.

Man mag diesem Frieden nie so ganz trauen. Wenn sie fragt: «Will you do anything I say?» – Wirst du alles tun, was ich dir sage? Gefolgt von einem «I love you», ist man verunsichert. Befiehlt Sie mir gleich, ein Verbrechen zu begehen? Welches Spiel spielt Poppy?

In einem weiteren Video schminkt sich die junge Frau und spricht: «I will apply the make-up» – Ich werde das Make-up auftragen. Unwillkürlich denkt man an «Das Schweigen der Lämmer», als Serienmörder Buffalo Bill vom Rand des Lochs spricht: «It rubs the lotion on its skin.» In knapp unter einer Minute führt sie die auf Youtube populären Schmink-Tutorials ad absurdum.

Poppys Videoserie hat eine dezidiert dunkle Seite: Immer wieder taucht eine Antagonistin namens Charlotte auf, eine Schaufensterpuppe mit schwarzen Haaren. Sie begrapscht Poppy mit Schaufensterpuppen-Armen, sogar dem Zuschauer ist dies schnell unangenehm. Im letzten Video, in dem Charlotte auftaucht, liegt sie auf dem Boden, neben ihr eine leerer Plastiksack. Was ist mit ihr passiert? Hat Poppy sie auf dem Gewissen?

Poppy hat noch ein anderes Leben: Unter dem Pseudonym That Poppy produziert sie Pop-Musik, die durchaus Ohrwurmqualitäten hat. Auch wenn der Chart-Erfolg auf sich warten lässt, erfüllen Nummern wie «Lowlife» oder «Money» durchaus den US-amerikanischen Pop-Standard. Unter Vertrag ist sie – so steht es auf ihrem Youtube-Kanal – bei Interscope Records.

Schräges Musikvideo: Poppy produziert Pop-Musik mit Ohrwurmqualität. (Video: Youtube/That Poppy Vevo)

Sind Poppys kurze Clips also einfach nur eine geniale Marketingstrategie? Das wäre wohl doch etwas zu einfach: Zu bizarr, zu verstörend wirken die kurzen Videos, als dass sie verkaufsfördernd wären. Die Youtuber «The Film Theorists» lesen ihre Filmchen als Kommentar auf die Pop-Industrie, die ihre Stars aus rein kapitalistischem Kalkül formt und für ihre Zwecke nutzt.

Andere selbst ernannte Youtube-Erklärer interpretieren die barbieske Erscheinung in Grund und Boden, natürlich ohne hinterher schlauer zu sein. Und sogar den grössten Selbstdarsteller auf Youtube, PewDiePie, treibt sie in den Wahnsinn.

Ob hinter Poppy nun ein tieferer Sinn steckt oder sie einfach nur ein Ausschnitt aus dem Gaga-Universum ist, das Youtube eben auch beherbergt: Man kann mit ihr unglaublich gut Zeit verplempern. Ohne dass man sie sich hinterher zurückwünschen würde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.03.2017, 15:07 Uhr

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