Die Dinge werden digital

Matthias Aebi entwickelt mit Dizmo ein System, das Alltagsgegenstände verknüpft und zusammenarbeiten lässt.

Er hat mehrfach bewiesen, dass er Trends früher erkennt als andere: Matthias Aebi und sein digitaler Tisch.

Er hat mehrfach bewiesen, dass er Trends früher erkennt als andere: Matthias Aebi und sein digitaler Tisch. Bild: Sabina Bobst

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Das «Internet der Dinge» ist für die meisten von uns nur eine Zukunftsvision. Sie verspricht eine Welt, in der wir von intelligenten Alltagsgegenständen umgeben sind. Dank Sensoren nehmen diese Gegenstände ihre Umwelt wahr und verarbeiten die Daten mittels miniaturisierter Computertechnologie. Sie kommunizieren per Internet und kooperieren mit ihresgleichen. Der Computer ist keine isolierte Arbeitsmaschine mehr, sondern umgibt uns gewissermassen. Unsere Daten folgen uns auf Schritt und Tritt und sind überall abrufbar, wo wir sie benötigen sollten: am Morgen beim Zähneputzen auf einem im Spiegel eingelassenen Display, in der Küchenkonsole, an einer elektronischen Anzeigetafel an der Bushaltestelle und im Büro auf einem riesigen digitalen Tisch, um den sich Wissensarbeiter scharen.

Eine Zukunftsvision? Wenn es nach Matthias Aebi geht, braucht es nur noch jemanden, der sie Realität werden lässt. Nicht nur das: Aebi ist der Überzeugung, dass er mit seinem Start-up Dizmo.com einen wesentlichen Bestandteil zum Internet der Dinge beisteuern wird. Dass er Trends früher erkennt als andere, hat Aebi mehrfach bewiesen. 1995 hat er mit Internet Access den ersten kommerziellen Internetprovider in der Schweiz auf die Beine gestellt. Den Siegeszug der Digitalfotografie hat er 2003 mit einer Online-Fotolösung vorweggenommen, die ein Schweizer Flickr hätte werden können, wie Inside-it.ch in einem Porträt schrieb.

Erst der Anfang

Sein neustes Projekt nahm vor vier Jahren seinen Anfang. Aebi hatte mit seinem Winterthurer Unternehmen Futurelab eine Software zur Hausautomatisation für die Digitalstrom-Allianz entwickelt. Während einer Klausur im Kloster ging ihm auf, dass Hausautomatisierung erst der Anfang sein kann: «Da ist mehr, als nur das Licht anzuzünden und die Rollläden rauf- und runterzulassen.» Denn die Digitalisierung der Welt ist in vollem Gang. Immer mehr unserer Daten, von den Fotos über die Kommunikation bis hin zu Büchern, Filmen und Enzyklopädien liegen elektronisch vor. Verwaltet werden sie bislang getrennt. «Doch das Smart Home, der Medienkonsum und die persönlichen Daten, Fotos, Rezepte, die Weinsammlung und der Facebook-Nachrichtenstrom, gehören zusammen» – davon ist Aebi überzeugt.

Damit Daten so einfach zu handhaben sind wie Alltagsgegenstände, braucht es das Interface der Zukunft. Wenn ein Taxifahrer fragt, was Aebi denn so beruflich mache, dann erklärt er sein System mit dem Science-Fiction-Autor Philip K. Dick. Dessen Kurzgeschichte «Minority Report» wurde 2002 verfilmt. Die Szene kennt seither fast jeder – wie Tom Cruise mit ausholenden Gesten Datenhäppchen auf riesigen Displays organisiert. Die transparenten, riesigen Panels aus dem Film gibt es noch nicht – aber grossflächig ist auch Aebis Versuchsaufbau. Er läuft bei Futurelab in Winterthur, auf einem 12 Quadratmeter grossen Tisch, auf den ein Beamer von oben das Interface projiziert. Aebi schiebt mittels eines Stifts ein virtuelles Schachbrett in die Mitte des Tischs und führt einen Zug aus. Genauso einfach, wie das auf einem echten Spielbrett möglich wäre.

Das Schachspiel ist ein «Digital Gizmo» oder «Dizmo», sprich: ein «digitales Ding», das sich genauso einfach wie ein reales Objekt behandeln lässt. Der Benutzer der Oberfläche soll sich nicht mehr um die Konzepte kümmern müssen, mit denen man vertraut sein muss, wenn man einen Computer bedient. Ordner, eine Taskleiste oder Fenster im bisherigen Sinn gibt es nicht. Die virtuellen Dizmos werden so ähnlich benutzt wie ihr reales Gegenstück. Auf dem riesigen Tisch, dessen Inhalt sich per Internet auch auf andere Tische spiegeln lässt, gibt es neben dem Schachbrett einen Browser und virtuelle Post-it-Zettel sowie eine Steuerung für Philips’ WLAN-Lampe Hue.

Haushaltsgeräte koppeln

Über das entsprechende Dizmo schaltet Aebi die Lampe nicht nur ein und aus, sondern wählt auch die Farbe des Lichts. Die Hue-Lampe kann dank LEDs in jeder beliebigen Farbe leuchten. Die Lampensteuerung ist bei der Vorabversion der Software aber noch hakelig und das Interface ungeschliffen – und nicht fortschrittlicher als die Steuerungs-App des Herstellers.

Was das Dizmo von einer normalen App abhebt, ist die Möglichkeit, es mit andern zu docken. So entsteht eine Schnittstelle, über die es mit anderen Dizmos interagiert. Die Lampe kann etwa mit dem Waschmaschinen-Dizmo gekoppelt werden. Sobald die Waschmaschine meldet, dass die Wäsche gewaschen ist, schaltet die Lampe das Licht auf Grün. Sie könnte auch auf Veränderungen des Aktienportfolios oder der Aussentemperatur farblich reagieren.

Aebi stellt mit seinem Start-up nur die Oberfläche zur Verfügung. Die Dizmos sollen von der Community und den Geräteherstellern kommen: «Wir wünschen uns, dass viele Leute mitmachen», sagt Aebi. Die Programmierung sei einfach. Wer eine Website entwickeln könne, der könne auch ein Dizmo kreieren. Die Hardware, die schicken Panels, intelligenten Tische und Konsolen sollen von Hardwareherstellern kommen. Bislang sind nicht alle gewillt, sich einer fremden Software zu öffnen. Doch Aebi ist überzeugt, dass jeder Hersteller, der sich dem Internet der Dinge verweigert, früher oder später gegen die Wand laufen wird: «Wenn alle miteinander spielen und nur einer danebensteht, ist klar, wer der Spielverderber ist.»

Besser als Silicon Valley

Die Dizmo-Software läuft auf Windows und Mac und – zwecks Kompatibilität zu smarten Fernsehern – auch unter Linux. Steuern lässt sich die Oberfläche per Maus oder via Touch. Auch die berührungslose Steuerung per Sprache oder über Gesten-Adapter wie Kinect oder Leap Motion ist möglich.

Wie gross sind die Erfolgschancen für die Revolution made in Switzerland? Aebi hält es nicht für vermessen, dass das Internet der Dinge durch ein Schweizer Projekt geprägt werden könnte: «Wir werden weltweit wahrgenommen und haben eine Chance, aus der Schweiz heraus etwas zu bewegen, Einfluss zu nehmen und eine Bewegung loszutreten.» Auch im Silicon Valley koche man nur mit Wasser: «Die sitzen da und schwitzen sich Code aus den Poren.» Dizmo setzt auf die Unterstützung einer internationalen Community und hat die Software Anfang Jahr an der CES in Las Vegas vorgestellt. Noch bis zum 6. März 2014 kann man das Projekt auf Kickstarter.com unterstützen. Die erste Betaversion soll Ende März erscheinen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.02.2014, 07:22 Uhr)

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