«Ein Schriftangebot wie aus dem Brockenhaus»

Finden Sie Lesen am Bildschirm anstrengend? Dann sind Sie bei Typografie-Experte Ralf Turtschi richtig. Er kritisiert Tablets, Apps und das Web scharf.

Kritisiert die fehlende Leserfreundlichkeit bei digitalen Publikationen: Ralf Turtschi, gelernter Schriftsetzer und Fachbuchautor. Foto: Reto Oeschger

Kritisiert die fehlende Leserfreundlichkeit bei digitalen Publikationen: Ralf Turtschi, gelernter Schriftsetzer und Fachbuchautor. Foto: Reto Oeschger

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Sie sagen, das Lesen am Bildschirm sei eine Qual und unnötig anstrengend. Warum?
Für die Leserlichkeit am Bildschirm gelten andere Voraussetzungen als beim Papier. Die Kontrastverhältnisse und die Lesedistanz verlangen eine bestimmte Textgrösse, es geht aber auch um die Auflösung. Die wird zwar zunehmend besser, neue Screens haben eine ähnlich gute Auflösung wie der Druck. Das Problem ist jedoch, dass die Schriften heute für eine Grösse von zwölf Punkt optimiert sind. Die Grundschrift eines Magazins oder einer Zeitung liegt aber im Bereich von acht bis neun Punkt.

Warum ist das ein Problem?
Je kleiner die Schrift abgebildet wird, des­to grösser muss der Abstand zwischen den Buchstaben sein. Wenn das nicht der Fall ist, laufen die einzelnen Buchstaben bei kleinen Schriftgrössen am Bildschirm optisch zusammen. Ein kleines M kann man beim Lesen kaum von zwei N unterscheiden. Die Unterscheidung der Buchstabenformen und Abstände beeinflusst die Geschwindigkeit beim Lesen.

Werden Schriften nach wie vor für den Druck gestaltet, obwohl immer mehr Texte am Bildschirm konsumiert werden?
Ja. Es gibt zwar Schriften fürs Web, die man gut lesen kann. Die meisten Schriftgestalter zeichnen ihre Schriften aber nach wie vor für den Druck. Die Webentwickler ihrerseits sind häufig Leute mit IT-Hintergrund. Oft ist auch wenig Wissen in Agenturen vorhanden, wie eine Schrift zugerichtet werden muss, damit sie auf dem Bildschirm ­leserlich ist.

Das heisst, es fehlt das Verständnis für das Medium Bildschirm?
Personen, die Texte für den Bildschirm – übrigens auch für Print – aufbereiten, sind sich selten bewusst, wie man optimale Leserlichkeit erreicht. Dabei ist dies uraltes Wissen. Wenn im 18. Jahrhundert die Buchstaben einer Blei­schrift gegossen wurden, skalierte man nicht einfach auf verschiedene Grössen. Die Garamond war für 20 Punkt anders geschnitten als für 6 Punkt, die grössere Buchstabenabstände aufwies. Die Laufweitenkorrektur wurde ganz automatisch berücksichtigt.

Wer mit Büchern aufgewachsen ist, ist das Bildschirmlesen nicht gewohnt. Heute starren Kinder aber schon im Kindergarten auf Displays.
Beim Lesen sind wir alle auf Wortbilder konditioniert. Nachdem wir in der Schule das Lesen gelernt haben, haben wir diese Wortbilder durch Übung tausend- und millionenfach vor Augen. Im Hirn funktioniert ein Wortbild wie ein virtuelles Schlüsselloch. Je besser das erfasste Wortbild in dieses virtuelle Schlüsselloch passt, desto leichter entschlüsseln wir den Inhalt. Da kann man sich durchaus umgewöhnen. Das gelingt aber nicht, wenn die Buchstaben optisch zusammenwachsen und kaum mehr unterscheidbar sind.

E-Books haben gedruckten Büchern etwas voraus: Schriftgrösse oder Zeilenabstand lassen sich einstellen.
Das finde ich grundsätzlich komfortabel. Die Schrift selbst wählen zu können, ist cool. Doch auf den E-Readern finden sich immer die genau gleichen alten Schriften. Zum Beispiel die Palatino aus dem Jahr 1950 und die Times New Roman von 1931. Das kommt mir vor, als würde man heute ein Auto mit eisen­beschlagenen Rädern fahren. Und auch die Helvetica von 1957 ist nicht totzukriegen – es ist etwa so sexy, wie mit einem postgelben VW-Käfer herumzufahren. All diese alten Schriften wie Didot, Courier, Bodoni, Caslon, Futura, Baskerville, Cochin und so weiter wurden nie für den Bildschirm gezeichnet. Sie erfüllen die hohen Ansprüche an die Leserlichkeit auf mobilen Lesegeräten überhaupt nicht.

Was verbessert die Lesbarkeit?
Verschiedene Faktoren, zum Beispiel ist schwarze Schrift auf weissem Hintergrund am besten lesbar. Aber es gibt Gestalter, die es für eine gute Idee halten, eine dünne Helvetica Light noch auszugrauen. Der Leser sitzt dann mit seinem Tablet am Strand im hellen Licht, wo die Schrift auf dem Screen an sich schlecht zu erkennen ist – und mag den Text überhaupt nicht mehr konsumieren. Dabei hat jeder Text den Anspruch, gelesen zu werden, sonst ist er sinnlos.

Die Gestalter und Designer setzen die falschen Prioritäten?
Leserlichkeit muss im Grundtext das erste Ziel sein. Doch mit einer Website oder einer App, die angenehm lesbar ist, sind für Gestalter und Entwickler keine Lorbeeren zu gewinnen. Die holt man mit Buttons, Farben oder Bewegtbildern. Wenn Reiter abgerundet sind, wenn es Schlagschatten und 3-D-Effekte hat, dann finden das alle obergeil.

Ist das die Schuld der Anwender, die nach neuen Funktionen gieren, statt auf leichte Benutzbarkeit zu achten?
Für mich lautet die Frage: Wer gestaltet die Schriften? Früher waren das typophile Leute wie Adrian Frutiger, der sich intensiv mit Leserlichkeit auseinandersetzte und in der Signaletik hundertprozentig sattelfest war. Das waren Schriftsetzer, die das von der Pike auf gelernt hatten. Doch was passiert heute? Durch leistungsfähige Tools kann jeder alles in drei, vier Tagen selbst machen. Heerscharen von Quereinsteigern haben eine Schnellbleiche bekommen und von ­Leserlichkeit noch nie gehört.

Sie geben also Andrew Keen recht? Er hat im Buch «Cult of the Amateur» angeprangert, dass durch die technische Revolution Amateure das Ruder übernehmen.
Ich traue mir nicht zu, das bezüglich der Technik abschliessend zu bewerten. Ich kann aber das Visuelle und das Grafische beurteilen. Und was hier an sogenannten Neuerungen auf uns zukommt, ist grundlegend falsch, katastrophal in meinen Augen.

Zum Beispiel?
Die Benutzeroberfläche von Apple mit der dünnen Schrift und den hauchdünnen Linien: Die sind für Leute mit Sehschwäche eine Zumutung.

Dieses Design wurde aber nicht von einem Amateur gemacht, sondern von Sir Jony Ive, Apples Designguru.
Apple ist eine Firma, die sich mit Produktedesign auskennt. Aber sobald es um Typografie geht, sind das die grössten Dilettanten. Das Schriftangebot ist wie aus dem Brockenhaus: uralte Schriften, sehr viel Ähnliches, nichts, was im Kleinen leserlich wäre. Übrigens sind bei den andern Big Playern die gleichen Probleme vorhanden. Eine tolle Schrift zu gestalten, kostet heute ungefähr 100'000 bis 200'000 Franken. Apple könnte locker zehn tolle und moderne Schriften für die ganze Welt entwickeln und sie meinetwegen «Apple Grotesk» und «Jobs Serif» nennen.

Das würde aber kaum so grosse Wellen werfen wie ein grösseres iPhone oder eine neue Armbanduhr.
Ist es nicht schade, wenn man in einer Entwicklung wie den Apps mittendrin stehen bleibt? Warum nicht Design für mehr Leserlichkeit? Es kommt hinzu, dass die Amerikaner ein anderes typografisches Bewusstsein haben als wir Europäer. Da kann ein Blocksatz auch riesige Löcher haben – sie haben eine viel höhere Schmerzschwelle als wir. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.09.2014, 02:39 Uhr)

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