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Nützliche Killer-Games

Von Reto Knobel. Aktualisiert am 08.10.2008 40 Kommentare

«Aggressive Games können Lernen fördern»: Der St. Galler Rechtsprofessor Urs Gasser warnt in einem neuen Buch vor Aktivismus gegen Auswüchse im Internet.

«In manchen Fällen haben Kinder bereits gute Strategien, wie sie mit Risiken wie Gewalt und Pornographie umgehen», sagt Professor Urs Gasser.

«In manchen Fällen haben Kinder bereits gute Strategien, wie sie mit Risiken wie Gewalt und Pornographie umgehen», sagt Professor Urs Gasser.

Urs Gasser (36) ist Professor für Informationsrecht an der Uni St. Gallen und Direktor der Forschungsstelle für Informationsrecht (www.fir.unisg.ch). Zusammen mit Harvard Professor John Palfrey hat er das Buch Generation Internet geschrieben. Es Beschreibt, welchen Einfluss das Internet auf unsere Gesellschaft und besonders auf Kinder hat.

Urs Gasser, was unterscheidet Digital Natives von älteren Menschen?

Als Digital Natives bezeichnen wir die jungen Menschen, die nach 1980 geboren sind, welche Zugang zu Digitaltechnologie haben und über das Know-How verfügen, wie diese Technologien genutzt werden können. Diese «Generation Internet» bewegt sich mühelos in der neuen digitalen Welt, während wir als «digitale Immigranten» uns oft noch schwer tun mit Digitalgeräten und neuen Online-Anwendungen. Trotzdem: viele der heutigen Herausforderungen im Internet - wie beispielsweise die Sicherheit von Kindern oder Gewaltdarstellungen - ähneln in der Sache jenen von früher, wobei sich natürlich die Rahmenbedingungen wesentlich verändert haben.

Für die Buchrecherche sind Sie um die halbe Welt gejettet. Was hat Sie bei Ihren Nachforschungen am meisten überrascht?

Wenn Digital Natives etwas wissen wollen, geben sie ein Stichwort ein auf Google und werfen dann allenfalls noch einen Blick auf Wikipedia - ohne sich bewusst zu sein, dass Wikipedia von jedermann bearbeitet werden kann. Überraschend war auch, dass relativ wenige Jugendliche die vorhandene Technologie dazu nutzen, kreativ tätig zu werden (z.B. ein Mash-up zu machen und auf YouTube zu stellen). Hier besteht ein grosses Potential für die Zukunft.

Sie haben sich umfassend mit der Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Neuen Medien befasst. Ihr Fazit?

Heute kann ein Zusammenhang zwischen Gewalt auf Bildschirmen und aggressiven Gedanken und Gefühlen bei Kindern nicht mehr ernsthaft bestritten werden. Klar ist aber auch, dass dieser Zusammenhang im Detail sehr kompliziert und umstritten ist.

Inwiefern umstritten?

Nicht jedes Kind, welches Killerspiele spielt, wird zum Schläger in der Schule. Die Forschung ist daran, die vielen Einflussfaktoren wie Erziehung, soziales Umfeld etc. genauer zu studieren, wobei das Internet hier wegen seiner Interaktivität (die Nutzer haben eine viel aktivere Rolle als noch beim Fernsehen und können online leicht in die Rolle des «Schlächters» schlüpfen) extrem viele Fragen aufwirft. Es ist auch wichtig zu sehen, dass nicht alle Videospiele Gewalt beinhalten. Sodann gibt es auch aggressive Games, die das Lernen fördern können oder guten Zwecken dienen.

Gute Zwecke?

Games werden zur unterstützenden Behandlung von krebskranken Kindern eingesetzt, wobei die Kinder auf Krebszellen schiessen - die «Munition» steht stellvertretend steht für die Medikamente, die sie einnehmen müssen.

Dann ist es sogar kontraproduktiv, Killerspiele zu verbieten?

Ich bin nicht prinzipiell gegen ein Verbot von Killerspielen. Ein solches Verbot kann gute Symbolwirkung haben. Ich glaube aber, dass wir unsere Aufmerksamkeit und Energie - gute Gesetzgebung ist aufwändig und bindet Kräfte - im Moment besser einsetzen können, weil sich Verbote in einem globalen Internet-Umfeld nur sehr schwer durchsetzen lassen. Ich setze hier viel mehr auf Erziehung und Bildung statt auf Verbote, welche solche spiele auch erst recht attraktiv machen können. Die Politik kann hier nur Rahmenbedingungen setzen, namentlich im Bereich der schulischen Ausbildung und Aufklärung.

Trotzdem fordern Politikerinnen und Politiker immer häufiger rechtliche Massnahmen gegen negative Phänomene wie Cyber-Mobbing und Pädophile im Internet.

Grundsätzlich gilt das Recht auch in der virtuellen Welt. Insofern kann man sich auf das Recht berufen. Das Problem ist natürlich, dass wir bei der Anwendung der Gesetze auf erhebliche Durchsetzungsschwierigkeiten stossen.

Die da wären?

Das Internet ist ein globales Medium, das Recht und die Justiz dagegen sind weiterhin lokal. Wenn jemand in der Schweiz online drangsaliert wird, der Täter aber in Brasilien sitzt, erschwert dies die Durchsetzung und erhöht die Vollzugskosten. Hinzu kommt, dass die Täter oft schwer greifbar sind und ihre Identitäten wechseln können. Trotz diesen Schwierigkeiten haben aber Gesetze auch im Internetzeitalter einen Wert: Sie setzen beim Erlass eine Diskussion in Gang über das, was richtig und falsch ist und geben uns Leitplanken für das gerechte Verhalten. Insofern haben sie neben der allgemein bekannten auch eine nicht zu unterschätzende symbolische Funktion.

Was ist konkret die Aufgabe der Eltern?

Ein wichtiger Faktor, um die Wirkungen von Gewaltdarstellungen aufzufangen, ist das Gespräch über das Geschehene. Eltern von jüngeren Kindern müssen meines Erachtens auch Schranken setzen und beispielsweise Zeitlimiten vereinbaren oder erklären, weshalb gewisse Internet-Inhalte nicht gut sind. Verbote können es hier natürlich gerade noch interessanter machen, sich Gewaltinhalte anzusehen. Ich setzte bei meinen Kindern auf das Gespräch - und auch auf gemeinsames Surfen im Internet, um über Dinge konkret zu sprechen.

Und die Rolle der Lehrer?

Gewaltszenen werden oft auf dem Pausenplatz und via Handys ausgetauscht. Hier sollte interveniert werden.

Provokativ formuliert: Brauchen Kinder eigentlich unsere Hilfe?

Eine gute Frage. In manchen Fällen haben Kinder bereits gute Strategien, wie sie mit Risiken wie Gewalt und Pornographie umgehen, das belegt die Forschung. Ein offener und informierter Dialog über die Generationen hinweg, gemeinsames Lernen voneinander, das ist der richtige Weg.

Was halten Sie von Klassifikationssystemen wie etwa Altersfreigaben für Games?

Das ist sehr sinnvoll. Sie helfen Eltern, sich zu informieren und zurecht zu finden. Die Herausforderung ist natürlich, ein relativ einfaches und wenn möglich einheitliches Klassifikationssystem zu entwickeln. Da bleibt noch viel zu tun.

Es wird derzeit viel über die Folgen von Gewalt und Pornographie im Internet für Kinder debattiert. Nicht aber über die positiven Seiten der Neuen Medien.

Das ist bedauerlich. In unserem Buch versuchen wir, die vielen Chancen, welche das Internet bietet, darzulegen. Das Internet ermöglicht uns und unseren Kindern neue Formen des Lernens, gibt ihnen neue Instrumente, um Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, über alle Grenzen hinweg, gibt ihnen die Möglichkeit, sich kreativ zu betätigen, sich auszudrücken - und dabei auch gehört zu werden.

Sie gehören definitiv nicht zu den Kulturpessimisten.

Überhaupt nicht. Das Internet kann die Bereitschaft erhöhen, an der Zivilgesellschaft mitzuwirken, sich für gemeinsame Anliegen zusammenzutun und zu engagieren. Das belegen gerade auch Beispiele aus dem gegenwärtigen Wahlkampf in den USA, wo viele Jugendliche durch das Internet motiviert werden. Und das Internet bringt uns allen eine vielfältigere Welt, in der Informationsflüsse nicht mehr nur von einer Handvoll mächtigen Verlagshäusern oder Medienmogulen kontrolliert werden, sondern ein viel breiteres Meinungsspektrum verfügbar ist. Das Internet ermöglicht mit anderen Worten neue Qualitäten, wie wir uns informieren und wie wir miteinander kommunizieren können.

Urs Gasser, John Palfrey: «Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten» (Hanser Fachbuchverlag). Weitere Informationen unter www.digitalnative.org

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2008, 12:43 Uhr

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40 Kommentare

Im Recht

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Der Prof hat Recht. Warum verteufeln wir Spiele, wenn wir selber Kriege führen? Antworten


Ronnie Shot

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Der Mann hat leider nicht unrecht, aber solange viele Kids grundsätzlich schlecht erzogen werden, hilft halt alles nix. Die Spiele per se sind selten das Übel, aber die fehlende Begleitung der Erwachsenen. Diese kämpfen oft mit den gleichen Problemen! Aber wären die Kids friedlicher ohne diese Games? Ich sage nein! Antworten



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