«Smartphone ist das Accessoire des 21. Jahrhunderts»

Vertu-Konzernchef Perry Oosting sieht in Edel-Smartphones den einzigen Weg, um dem Technologie-Wettrüsten zu entkommen.

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Ihr neustes Smartphone ist aus poliertem Titan, hat ein Display aus Saphirkristall und wurde in Handarbeit gefertigt. Kunststoffgeräte dürften für Sie ein einziger Graus sein.
Nein, überhaupt nicht. Die SmartphoneHersteller machen einen guten Job. Und je mehr Menschen eines besitzen, desto besser. Die neue Handy-Generation vereinfacht das Leben in vielen Bereichen. Samsung und seine Konkurrenten fertigen grossartige Produkte für die Massen, sie möchten möglichst viele Geräte verkaufen. Das ist ihr Fokus und völlig okay. Aber solche Geräte fühlen sich einfach ganz anders an als ein Vertu.

Smartphone bleibt Smartphone.
Nicht ganz. Nehmen wir zum Vergleich ein Auto. Bei einem Massenmodell ist das Armaturenbrett aus einem Stück gefertigt. Bei einem Aston Martin ist das anders. Es kommen Holz und Leder zum Einsatz, Sie erkennen viele kleine Details. Das Armaturenbrett kann nicht mehr, aber es ist eine ganz andere Erfahrung. Luxus hat für mich vor allem mit Sinneserfahrungen zu tun. Unser Ziel mit dem Vertu Ti ist Einzigartigkeit und Exklusivität – Schlüsselfaktoren, um dem Anspruch eines Luxusprodukts gerecht zu werden.

Und was möchten Sie mit dem Vertu erreichen?
Natürlich möchten wir unsere Vertu-Smartphones verkaufen, aber wir sprechen hier von anderen Mengen – und Preisen. Ein fundamentaler Unterschied zu Herstellern wie Apple oder Samsung zeigt sich schon bei der Herstellung. Mich als gelernten Silber- und Goldschmied hat stets die Handarbeit interessiert, das Gegenteil der Massenproduktion. Jedes Vertu wird von nur einem Spezialisten von Hand hergestellt.

Für die meisten ist das Smartphone ein simples Kommunikationsgerät, für das man nicht zwischen 9000 und 14 000 Franken ausgeben will wie bei einem Vertu.
Bei jeder Gerätekategorie steht die Funktion im Vordergrund, dann folgt als nächster Schritt die Veredelung. Bei Smartphones befinden wir uns in jener Phase, in der hochwertigere Modelle an Bedeutung gewinnen werden. Wir glauben daran und wollen ein Teil davon sein. Innerhalb der Luxusbranche haben wir den Vorteil, dass das Vertu ein interaktives, persönliches Produkt ist – man hat das Smartphone und damit quasi seine Freunde immer dabei. Das Smartphone ist das Accessoire des 21. Jahrhunderts.

Apple hat es geschafft, dass sein Plastik-Smartphone als Luxusgadget wahrgenommen wird – zumindest zu Beginn der iPhone-Ära.
Ja, weil es zu Beginn der iPhone-Ära schwierig war, überhaupt ein AppleHandy zu ergattern. Nicht das Produkt an sich vermittelte ein Luxusgefühl, sondern die Tatsache, es zu besitzen. Das iPhone sollte nie Luxus sein, Apple-Mitgründer Steve Jobs glaubte an die Demokratisierung der Produkte. Für mich ist klar: Luxus kann nicht jeden bedienen wollen. Luxus ist etwas, das in begrenzter Zahl hergestellt wird.

Was können Smartphone-Hersteller von Vertu lernen?
Wenn sie qualitativ hochwertigere Smartphones mit einem gewissen Anspruch herstellen wollen, müssen sie die Philosophie ihrer Marke ändern – und eben hochwertigere Materialien verwenden. Apple hat das in der Vergangenheit versucht: Das Unternehmen zog ein iPhone-Modell mit einem Display aus Saphirkristall in Erwägung. Dafür warb der Konzern sogar Leute von uns ab. Aber dieses Material braucht enorm viel Zeit, bis es reif für die Verarbeitung ist. Da kommen sie in vernünftiger Zeit nicht auf Stückzahlen von 30 bis 40 Millionen. Und deshalb verabschiedete Apple sich wieder von dieser Idee.

Mit dem HTC One, dem Xperia Z und weiteren Modellen gibt es Smartphones, die einen Premium-Eindruck vermitteln.
HTC und Sony positionieren sich damit qualitativ zwar nicht in unserem Luxussegment, aber es ist deutlich der Wille erkennbar, ein Premium-Segment aufzubauen. Das ist wohl der einzige Weg, um dem technologischen Wettrüsten zu entkommen.

Wie meinen Sie das?
Die Technologiekurve flacht irgendwann ab. Für viele Fabrikanten ist das Smartphone-Business schon heute ein Verlustgeschäft. Nur Apple und Samsung machen damit richtig viel Geld. Nokia und andere vermelden zwar auch Gewinne, aber da sind Einnahmen aus anderen Bereichen eingerechnet. Bei Smartphones wird es in naher Zukunft zu einem massiven Preiszerfall kommen, auch weil die Produktion immer günstiger wird. Genau deshalb sollten die Hersteller vermehrt auf Einzigartigkeit achten und ein höheres Segment anpeilen.

Besonders stolz ist man bei Vertu auf den Concierge-Button. Was hat es damit auf sich?
Wenn Sie den Concierge-Knopf drücken, meldet sich am anderen Ende der Leitung eine Person, ihr persönlicher Helfer – egal, ob sie in Zürich, New York oder Peking sind. Sie haben die Blumen für den Valentinstag vergessen? Ein Knopfdruck, ein kurzes Gespräch, und den Rest überlassen Sie dem Concierge. Das Gleiche gilt für die Planung einer Hochzeit, das Organisieren eines Privatjets und so weiter. Sie brauchen den Dienst kaum jeden Tag oder in der vertrauten Umgebung. Aber Sie wissen, dass er jederzeit verfügbar ist – 24 Stunden und 7 Tage die Woche.

Was waren die ausgefallensten Wünsche?
Ein Kunde wünschte einmal, dass ein Stunt-Flugzeug über sein Haus in Kalifornien fliegt und eine Happy-BirthdayWolke zu lesen ist. Ein anderer wollte, dass man seinen Privatjet komplett neu einrichtet. Viele Anfragen drehen sich darum, wo man bestimmte Produkte kaufen kann. Asiatische Kunden fragen uns vermehrt danach, wie sie in London ein Haus kaufen können.

Wie gross ist das Concierge-Team?
Über 100 Menschen in aller Welt arbeiten 24 Stunden und 7 Tage die Woche für den Dienst – in acht Sprachen. Wir haben Büros in New York, San Francisco, Dubai, Peking, Moskau und Hongkong. Wenn ich etwa nach Peking reise und vom Concierge wissen will, in welchem Restaurant die beste Ente serviert wird, dann haben wir Leute vor Ort, die sich bestens auskennen. Der Service ist nie perfekt, weil Menschen involviert sind. Wir verdienen übrigens nichts an diesen Dienstleistungen, sondern sind lediglich der Vermittler für Drittanbieter, die der Kunde natürlich bezahlen muss. Unser Business ist der Smartphone-Verkauf. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.06.2013, 08:19 Uhr)

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