Steve Jobs' Abwesenheit hat Apple gut getan
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 12.06.2009 3 Kommentare
Interaktiv-Box
Artikel zum Thema
Auf Aussenstehende wirkte das Ritual an der alljährlichen Entwicklerkonferenz in San Francisco immer höchst merkwürdig, eher lächerlich und auch etwas kindisch. Hunderte von recht jungen Männern und Frauen waren und sind eine verschwindende Minderheit, brüllten wie aus einer Kehle dem hageren Firmenchef zu, reckten die Fäuste in die Luft und boxten sich gegenseitig begeistert in die Seite. Mindestens ein Dutzend Mal, oft noch häufiger, unterbrach die Apple-Gefolgschaft jeweils den Auftritt von Steve Jobs, sei es um eine neue Generation von iPhones, eine Zusatzanwendung auf einem Laptop oder vielleicht auch nur einen Seitenhieb auf «die anderen» (gemeint war Microsoft) zu bejubeln. Man war unter sich, und man fühlte sich überlegen.
Langsam aber scheinen die Apple-Jünger der Pubertät zu entwachsen. An der offiziellen Präsentation von dieser Woche setzte es zwar weiter spitze Bemerkungen über Microsoft, Nokia oder Palm ab; aber die Häme der früheren Jahre war verflogen. «Vor einem Jahr ist den meisten erstmals ein Licht aufgegangen, und nun ist es voll zum Leuchten gekommen», erklärt Jim Goldman, der Technologiereporter des Wirtschaftsfernsehens CNBC, der Apple-Konferenzen seit über 15 Jahren abdeckt. «Das sektenmässige Denken rührte von daher, dass sich Apple immer als Herausforderer des Establishments verstanden hat, zunächst von IBM und dann von Microsoft. Und Steve Jobs hat es meisterhaft verstanden, sich als Sektenführer zu etablieren. Mehr noch: Er hat diese Rolle genossen.»
Frühere Geheimhaltung aufgegeben
Zum Umdenken hat Apple selber aktiv beigetragen, indem der Konzern das iPhone im Sommer 2008 für aussenstehende Entwickler öffnete und auf die extreme Geheimhaltung der früheren Jahre verzichtete. Seither kamen schon mehr als 50 000 Anwendungen zustande, und Hunderte von Entwicklern erzielen damit ein regelmässiges Einkommen. «Es sind diese selbstständigen Programmierer, die Apple das Sektiererische nehmen», meint Adrian Kosmaczewski, ein Entwickler aus Lausanne, der zusammen mit zwei Kollegen angereist ist und kurz davor steht, ein eigenes Unternehmen für iPhone-Anwendungen zu gründen. «Apple war wie eine königliche Familie, leicht verdorben und leicht durchgeknallt. Entwickler wie wir, die von aussen dazustossen, bringen das nötige frische Blut.»
Die Abwesenheit von Jobs hat - entgegen weitverbreiteter Annahmen - dem Unternehmen nicht geschadet. Der Aktienkurs ist seit Januar, als Jobs seine krankheitsbedingte Auszeit begann, um 80 Prozent gestiegen. Und Tausende von Entwicklern stossen jeden Monat dazu, die sich nicht mehr länger vom übergrossen Ego des Firmengründers einschüchtern lassen. Entwickler wie Jukka Partanen aus Helsinki, der nach 13 Jahren bei Nokia seine Stelle gekündigt hat und ebenfalls ein eigenes Unternehmen plant. Seine Idee ist, Einkauflisten für das iPhone zu erstellen, die leicht lesbar und aufdatierbar sind. «Ich habe es mit Palm versucht und habe es mit Nokia versucht. Aber ich musste einsehen, dass eine Weiterentwicklung nur mit Apple möglich ist», sagt Partanen. «Ich hatte ein wenig Respekt vor der Apple-Sekte, aber muss zugeben, dass ich sehr herzlich aufgenommen wurde. Und ich habe die Freude am Programmieren zurückgewonnen, die ich als junger Bursche empfand.»
Von Microsoft zu Apple gewechselt
Nicht alle gehen mit der gleichen Ernsthaftigkeit ans Werk. Sam Smith aus Cambridge ist angereist, um einen «iDrinkulato» vorzustellen, eine simple Anwendung, die den Alkoholkonsum in Form von verzehrten Hamburgern, Fritten und Kuchen abbildet. «Ich muss zugeben, dass ich selber gerne einige Bier kippe», holt Smith aus und fügt an, er sei früher Microsoft-Programmierer gewesen. «Ich war total gegen Apple, aber nun bin ich überzeugt, dass das iPhone ein Geniestreich ist.»
Noch während Smith seine Anwendung skizziert, scharen sich drei sehr leicht bekleidete Frauen um uns. Auf die Frage, was sie anbieten, zeigen sie nur auf ihre Bikiniaufschrift «iPorn» und erkundigen sich umgehend nach den sexuellen Präferenzen, der aktuellen Ausstattung mit einem iPhone und dessen potenziellem Einsatz in diversen Positionen. «Das Geschäft mit Amateurpornos gilt als sehr aussichtsreich, bestätigen mehrere Entwickler. Pornos und Finanzen sind immer gute Märkte, auch fürs iPhone. Auch wenn die Mac-Gemeinde nicht mehr derart in sich gekehrt ist wie früher, so hat sie eines bewahrt: Das Gefühl der Überlegenheit und den Sinn für eine gewisse Qualität. «Apple wird nicht jeden Schrott akzeptieren,» sagt Daniel Fozzati, ein in Boston tätiger Entwickler. «Der einzige, nicht voll ausgeschöpfte Markt ist die Finanzindustrie. Dies ändert sich aber, weil die Entwickler realisieren, dass sich Apple auf lange Frist für die neue Plattform einsetzen will». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.06.2009, 11:16 Uhr
WRITE A COMMENT
3 Kommentare
Die Abwesenheit von Jobs mit dem guten Aktienkurs zu verbinden ist doch reichlich doof. Bei jedem Gerücht über eine Verschlechterung seines Zustands brach dieser nämlich ein. Es stimmt schon, dass es Apple (börsenmässig) ohne Jobs nicht schlechter, sondern besser erging. Aber mit Jobs wäre das wohl genauso gewesen. Frage mich, was der Autor bezweckt? Antworten
Der Zusammenhang, der hier zwischen der Abwesenheit von Steve Jobs und dem Aktienkurs von Apple hergestellt wird, ist fragwürdig. Es stimmt zwar, dass sich der Kurs seit Januar erholt hat - das gilt aber für viele Technologieaktien an der NASDAQ und ist nicht spezifisch für Apple. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Apple-Aktie im letzten Herbst 2008 bei 180 USD lag (heute 140 USD). Antworten



Eric Sutter
Es ist auch klar, dass Apple etwas an Glanz verloren hat. Das Unternehmen ist zwar noch immer erfolgreich, doch ist klar ersichtlich in welche Richtung es mit Apple geht. Es wird nicht mehr lange dauern und die Kunden werden enttäuscht sein! Antworten