«Die Anfänge der Informatik liegen bereits im Dunkeln»

In den Archiven der ETH schlummern Akten, die Einblick geben in den Aufbruch ins Informatikzeitalter. Schweizer Pionierleistungen müssen jetzt vor dem Vergessen bewahrt werden.

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Alfred Nobel hat das Dynamit erfunden, John Dunlop den Pneu und Julius Maggi die Fertigsuppe, so viel weiss der Laie über Erfinder, die Geschichte machten. Aber wer hat den Computer erfunden?
Wer den Computer erfunden hat, ist selbst in der Fachwelt eine Streitfrage. Die Antwort ist jeweils patriotisch geprägt. Der Computer wurde unabhängig in drei Ländern erfunden, Amerikaner, Engländer und Deutsche beanspruchen diese Ehre. Wer den ersten programmierbaren Rechenautomaten gebaut hat, hängt von der Definition des Computers ab.

Spielte die Schweiz eine Rolle bei der Entwicklung der Computer?
In den USA gab es einen grossen Patentprozess zur Erfindung des elektronischen Computers. Beteiligt waren die schweizstämmigen Presper Eckert und John Mauchly – Namen, die heute kaum noch jemandem etwas sagen. Umstritten ist, ob John von Neumann, der an der ETH Zürich Chemie studiert hatte, auf die Idee des Speicherprogramms kam oder ob er diesen Gedanken von Alan Turing abgekupfert hat. Konrad Zuse aus Berlin schliesslich war im Zweiten Weltkrieg isoliert. Fast alle seine Maschinen wurden durch Bombenangriffe zerstört. Zuses hervorragende Leistungen wurden erst international anerkannt, nachdem die ETH seinen elektromechanischen Relaisrechner Z41950 für fünf Jahre nach Zürich geholt hatte.

Lassen sich die Anfänge der Computertechnik überhaupt noch erforschen? Viele Geräte sind sicher entsorgt worden, Zeitzeugen werden immer weniger.
Schon heute lassen sich viele Fragen zur Frühgeschichte der Informatik nicht mehr beantworten, weil man die Beteiligten nicht mehr befragen kann. Die frühen Schweizer Informatikpioniere, der Vorstand des Instituts für angewandte Mathematik der ETH, Eduard Stiefel, und seine Mitarbeiter Heinz Rutishauser und Ambros Speiser, sind gestorben. Ebenso fast alle deutschen, englischen und amerikanischen Wegbereiter. Aber im Archiv der ETH Zürich finden sich viele noch kaum erforschte Akten, die Auskunft geben über die Anfänge der Informatik in der Schweiz – etwa der Nachlass von Eduard Stiefel.

Die Bedeutung, die die Informatik einmal erlangen sollte, war den Pionieren offenbar kaum bewusst. Fehlen darum detaillierte Darstellungen der damaligen Arbeiten aus erster Hand?
Niemand hat geahnt, welche Bedeutung die Computer innerhalb eines halben Jahrhunderts erlangen würden. 1949 schrieb Stiefel, dass «solche Maschinen vorläufig sehr teure Einzelgeräte sind, von denen (wenigstens in Europa) auch in den nächsten Jahren jedes Land höchstens eines besitzen wird.» Dennoch gibt es zahlreiche Schriften aus der Feder der Pioniere, die jedoch weit verstreut sind.

Der universelle Computer war also nicht von Anfang an das Ziel?
Unter Computern wurden ursprünglich Menschen verstanden. Es waren meist Frauen, die mit Tischrechnern eintönige Berechnungen durchführten. Die digitalen Computer haben eine zivile Wurzel in Deutschland und eine militärische in England und den USA. Anfänglich wurden damit wissenschaftlich-technische Aufgaben gelöst, später kam dann die kommerzielle Datenverarbeitung dazu. Schon Konrad Zuse dachte allerdings daran, dass sein Rechner für die verschiedensten Aufgaben zu gebrauchen wäre – auch etwa für das Schachspiel. Die Breitenentwicklung, die später einsetzte, war aber nicht vorhersehbar.

Sie sind als Erforscher der Computerfrühzeit auf das Gedächtnis der letzten, betagten Pioniere angewiesen. Ist auf eine mündliche Überlieferung technischer Fakten Verlass?
Das Gedächtnis ist natürlich nicht immer zuverlässig. Es gibt Erinnerungslücken und Verzerrungen. Ein Problem ist auch, dass Lebensberichte oft erst Jahrzehnte danach verfasst wurden. Telefongespräche und Begegnungen mit den hoch betagten Zeitzeugen sind jedoch sehr bereichernd und vermitteln die damalige Stimmung. Mit ihrer Hilfe ist es einfacher, die manchmal schwer verständlichen Maschinen zu begreifen, für die es häufig keine Gebrauchsanweisungen oder Schaltpläne mehr gibt.

Wie weit sind die historischen Maschinen noch vorhanden?
Als die ETH 1950 die Z4 von Zuse mietete, war sie die erste Universität auf dem europäischen Kontinent mit einem Computer. Die Maschine befindet sich heute im Deutschen Museum in München. Die mit der Z4 gemachten Erfahrungen erleichterten es der ETH, einen eigenen Rechner zu bauen, die Ermeth. Sie ist im Museum für Kommunikation in Bern zu sehen. Unter der Bezeichnung M9 baute Zuse einen Rechner im Auftrag der damaligen Remington Rand in Zürich. Das unseres Wissens weltweit einzige Gerät, das dank Hansjürg Stadelmann von der Stadtverwaltung Winterthur überlebt hat, befindet sich ebenfalls im Museum für Kommunikation. Es ist leider unvollständig: Ein Teil ging im Winterthurer Technorama verloren, wo die M9 jahrzehntelang schlummerte.

Wie kamen Sie dieser seltenen Maschine auf die Spur? Wir haben durch Zufall von der Existenz der letzten M9 erfahren. Ein ehemaliger Wartungstechniker rief mich im Juni 2010 an, nachdem er meinen Artikel zum 100. Geburtstag Zuses im «Tages-Anzeiger» gelesen hatte. Max Forrer, der Leiter des Rechenzentrums der ehemaligen Spinnerei und Weberei Dietfurt, wo die M9 in Betrieb war, hatte zum Glück Fotos und handgefertigte farbige Originalzeichnungen aufbewahrt. Diese weltweit einzigartigen Dokumente wurden erst 2011 entdeckt. Wir wissen nun zum Beispiel, welche Arbeiten mit dem Rechner durchgeführt wurden. Es gibt allgemein nur sehr wenige historische Computer, die noch komplett und betriebsbereit sind. Vom Transistorenrechner Cora etwa, den die frühere Zürcher Contraves herstellte, sind wenig Spuren vorhanden.

Historische Computer sind Raritäten. Private Sammler haben einige Maschinen gerettet, aber die Geschichtswissenschaft scheint sich mit den Anfängen der Informatikepoche schwer zu tun.
Die meisten oft raumfüllenden historischen Computer wurden leider verschrottet. Einige wurden nachgebaut.Technikgeschichte ist ein heikles Gebiet, man kann sich die Finger verbrennen. Viele Historikerinnen und Historiker schrecken vor Naturwissenschaften und Technik zurück. Umgekehrt kennen sich die Ingenieure meist nur unzureichend in der Geschichte aus. In Deutschland gibt es zum Beispiel beträchtliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Ingenieuren und Historikern im Zusammenhang mit Zuses Verhältnis zum Dritten Reich. Sammlungen von Computern gibt es auch in der Schweiz, aber ausser dem Museum für Kommunikation und dem Bolo-Museum an der ETH Lausanne erfüllen sie die Anforderungen an ein wissenschaftliches Museum kaum. Es genügt nicht, Geräte zu sammeln, ihre Geschichte und Funktion muss auch dokumentiert werden. Im Gebäude des Departements Informatik der ETH Zürich werden demnächst Schweizer Eigenentwicklungen wie Lilith und Ceres aus der Gruppe um Niklaus Wirth ausgestellt.

Sie haben, teils als ETH-Mitarbeiter, teils als Privatforscher, viel über die Computergeschichte geforscht. Gibt es junge Wissenschaftler, die Ihre Arbeit weiterführen?
Ich war an der ETH nicht für die Informatikgeschichte, sondern für die Förderung des Informatikunterrichts angestellt. Meines Erachtens wird die Informatikgeschichte vernachlässigt. An deutsch- und englischsprachigen Universitäten haben Lehrstühle zur Technikgeschichte Seltenheitswert. An der ETH Zürich gibt es eine solche Professur, die sich aber nicht mit Informatikgeschichte befasst. Dieser Mangel ist sehr bedauerlich, denn obschon die allgegenwärtige Informatik im Unterschied zur Mathematik und zu den Naturwissenschaften noch sehr jung ist, liegen ihre Anfänge schon heute im Dunkeln. Es wäre schön, wenn junge Forschende Doktorarbeiten zur Informatikgeschichte schreiben würden – etwa zum Werdegang der Programmiersprachen, wo die ETH ja auch eine Pionierrolle gespielt hat.

In der Schule hat Informatik einen schweren Stand, obschon Computer omnipräsent sind. Waren Ihre Bemühungen um die Förderung des Informatikunterrichts vergeblich?
Die Schweiz hat einen riesigen Nachholbedarf, wie die ernüchternden Ergebnisse an den internationalen Informatikolympiaden zeigen. Wir versuchen seit vielen Jahren, ein Pflichtfach Informatik an Mittelschulen, pädagogischen Hochschulen und im Lehrplan 21 einzuführen. An unseren Gymnasien gibt es nur ein freiwilliges Ergänzungsfach Informatik. Um die zukünftige Welt zu verstehen und mitentscheiden zu können, sind eingehende Kenntnisse der Informatikgrundlagen unerlässlich. Dazu gehört auch das Programmieren. Wir bieten mit Erfolg Programmierkurse an vielen Primarschulen an. Das Problem liegt bei den Behörden und der Bildungspolitik. Leider fehlen Einsicht und Bereitschaft, um ein solches Pflichtfach in den Lehrplänen zu verankern. Zurzeit zeichnet sich aber ein Umdenken ab, sodass unsere langjährigen Bemühungen wohl doch noch Früchte tragen werden.

Herbert Bruderer: «Konrad Zuse und die Schweiz. Wer hat den Computer erfunden?» Oldenbourg-Verlag 2012, 224 S., ca. 52 Franken. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.02.2013, 10:55 Uhr)

Geschichte und Zukunft

Herbert Bruderer (66) hat Sprachwissenschaft, Chemie und Erdwissenschaften studiert, stieg aber 1969 in die Informatik ein und befasste sich unter anderem mit der automatischen Sprachübersetzung. Er verfasste Fachbücher, bemühte sich aber auch um die Zukunft des Fachs. Er unterrichtete an der ETH und arbeitete mit bei der Ausbildung von Informatik­lehrkräften, der Förderung des Informatikunterrichts und der Popularisierung der Informatik. Seit seiner Pensionierung befasst er sich mit der Erforschung der Frühgeschichte der Informatik.

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