Die Handschrift hat nicht ausgedient

Schreiben Sie mit Tastatur auf Touchscreens? Versuchen Sies mal mit einem digitalen Stift.

Ob auf dem Surface, dem Note oder einem iPad: Fast überall kann man bequem von Hand Notizen machen. Foto: Urs Jaudas

Ob auf dem Surface, dem Note oder einem iPad: Fast überall kann man bequem von Hand Notizen machen. Foto: Urs Jaudas

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9.15 Uhr, Morgensitzung beim «Tages-Anzeiger». Auf dem Tisch, um den sich die Ressortverantwortlichen versammelt haben, liegen Smartphones und Tablets. Hin und wieder leuchtet auf einem Tablet eine Benachrichtigung auf, einmal piepst ein Handy. Aber während der ganzen Sitzung spielen die smarten Geräte eine Nebenrolle. Die Arbeit wird mit Stift und Papier erledigt. Manche Kolleginnen und Kollegen kritzeln in Notiz­bücher, andere auf Blöcke, wiederum andere auf ausgedruckte Tagespläne oder auf die aktuelle Zeitung. Wenn jemand doch einmal kurz ein Telefon zur Hand nimmt, dann höchstens, um nachzuschauen, ob gerade ein E-Mail oder eine andere Nachricht angekommen ist. Auf dem Telefon oder Tablet tippt keiner Notizen, und einen Laptop hat schon gar niemand dabei.

Bei solchen Gelegenheiten überwiegen die Vorteile von Papier und Stift weiterhin. Diese althergebrachte Kombination ist flexibler, absturzsicher, braucht keinen Strom und ist erst noch günstiger. Kommt dazu, dass es nach wie vor sympathischer wirkt, wenn jemand von Hand Notizen schreibt und nicht wild tippend hinter einem Bildschirm verschwindet.

Spott von Steve Jobs

Entscheidend ist aber vor allem die Flexibilität. In einem digitalen Textdokument neigt man dazu, eine chronologische Liste zu machen, da andere Strukturen zu aufwendig sind. Auf dem Papier ist es viel einfacher, eine kleine Skizze oder eine Tabelle zu machen. Und ohne viel Aufwand kann man sie nachträglich noch ergänzen oder umbauen. Sowieso ist es auf Papiernotizen einfacher, Punkte nochmals hervorzuheben und Details (vielleicht in Klammern oder in einer kleineren Schrift) anzufügen. In einem digitalen Textdokument entstünde so schnell ein Format-Wirrwarr, und man würde die Hälfte der Sitzung verpassen. Darum haben sich an der Redaktionssitzung digitale Alternativen bis jetzt nicht durchgesetzt.

So gut der umfassende digitale Notizdienst Evernote auch ist, bewährt hat er sich hier nicht. Auch wenn immer mehr Bereiche der Arbeitswelt digital werden: Stift und Notizpapier sind es noch nicht. Doch das könnte sich ändern.

Ausgerechnet Samsung und Microsoft, die gewöhnlich nicht als Innovations-Turbos gefeiert werden, setzen bei ihren Note- und Surface-Geräten seit mehreren Jahren entgegen dem Trend auf Stifte. Doch spätestens seit 2007 haben Touchscreen-Stifte einen schlechten Ruf. An der Präsentation des iPhones machte sich Steve Jobs publikumswirksam darüber lustig: «Man muss sie in die Hand nehmen, man muss sie weglegen, man verliert sie. Niemand will einen Stift.» Stattdessen setzte Apple auf Fingerbedienung. Das ergibt fast überall Sinn, nur eben nicht, wenn es um Notizen geht. Mit dem Finger zu schreiben, fühlt sich an, als würde man versuchen, mit Fingerfarben ein Stillleben zu malen. Tatsächlich werden die Stifte von Microsoft und Samsung mit jeder Gerätegeneration besser. Längst ist es nicht mehr so, dass die Schrift mit ein paar Sekunden Verzögerung dem Stift folgt oder nur jeder zweite Strich erfasst wird. Inzwischen fühlt es sich fast so an, als würde man auf Papier schreiben. Da die Bildschirme aber aus Glas sind und der Stift darum leichter rutscht, muss man sich anfänglich etwas umgewöhnen.

Ausgeklügelte Stifte

Die Stifte sind so gut, dass man sie vermisst, wenn man etwa ein iPad benutzt, das wie das iPhone keinen offiziellen Stift kennt. Als Notlösung gibt es verschiedene Touchscreen-Stifte, die mit jedem Touchscreen, also auch mit dem iPad, funktionieren. Schon für 15 Franken bekommt man von Targus einen Stift mit einer Art Gummikappe, der einen Finger imitiert. Für 40Franken gibt es von Adonit einen Stift, der fast so präzise funktioniert wie die speziellen Exemplare von Microsoft und Samsung. Noch weiter gehen Softwarehersteller wie Adobe oder Fiftythree. Beide verkaufen eigene Stifte für ihre iPad-Apps. Die legen den Fokus aber auf das Zeichnen und weniger auf das Schreiben.

Beim Schreiberlebnis kommt es aber nicht nur auf den Stift an. Ganz wichtig ist auch die Handballen-Erkennung. Linkshänder können davon ein Lied singen. Wer nicht aufpasst, verschmiert mit dem Handballen die Schrift gleich wieder. Touchscreens haben ein ähnliches Problem. Sie können Handballen nur schlecht von Fingern unterscheiden. Legt man seine Hand zum Schreiben auf den Bildschirm, registrieren die Sensoren, es sei eine Fingerbewegung, und schon hat man einen unerwünschten Strich auf dem Blatt oder gar die App aus Versehen geschlossen. Je zuverlässiger die Handballen-Erkennung ist, desto besser das Schreibgefühl. Ganz vorzüglich klappt das inzwischen auf dem Surface Pro 3. Dort kann man ohne Sorge die Hand zum Schreiben auf dem Bildschirm abstützen, wie man es auch auf einem Blatt Papier machen würde. Wie gut das bei anderen Geräten klappt, hängt genauso vom eigenen Schreibstil wie von der Hard- und Software ab.

Die Alternative zu Evernote

Auf Android- und Surface-Tablets hat sich im Selbstversuch One Note von Microsoft bewährt. Der kostenlose Evernote-Konkurrent akzeptiert handschriftliche Notizen und synchronisiert sie auf Wunsch mit anderen Geräten. Selbst im Browser lassen sich Notizen so weiter­bearbeiten – auf Wunsch kann man auch weitere Personen einladen, an den Notizen mitzuarbeiten. Die handschriftlichen Notizen werden aber nicht nur gespeichert. Dank Schrifterkennung kann man seine Notizen nach Stichworten durchsuchen. Sofern man nicht eine ausgesprochen hässliche Handschrift hat, findet One Note das Stichwort selbst dann, wenn man es in eine Skizze eingebaut hat. Wem One Note nicht liegt, der findet Alternativen in den App Stores.

Leider ist es mit der iPad-Version von One Note nicht möglich, Stiftnotizen zu machen. Doch es gibt Ausweichmöglichkeiten: Einen besonders guten Eindruck machte auf dem iPad die App Good Notes (6 Franken im App Store). Daneben gibt es zahlreiche Handschrift-Apps für das iPad. Selbst Evernote hat mit Penultimate eine im Angebot und verkauft einen passenden Stift für umgerechnet 70 Franken. Die App akzeptiert aber auch die kostengünstigeren Varianten. Dank der besseren Handballen-Erkennung gefiel im Test Good Notes aber besser, auch wenn diese App nicht so viele Synchronisationsmöglichkeiten bietet.

All diese Angebote zeigen vor allem eines: Der Stift und die Handschrift haben im digitalen Zeitalter nicht ausgedient. So wie Samsungs Wette auf grosse Smartphones aufgegangen ist, könnte auch die Wette auf Stifte schon bald Erfolg haben. Die Technik ist so weit. Jetzt muss sich das nur noch herumsprechen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2014, 20:58 Uhr

Video

Steve Jobs über Touchscreen-Stifte. Video: Youtube

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