Die Stubenhocker von Microsoft
Interview Reto Knobel. Aktualisiert am 19.08.2011 20 Kommentare
Die heimatlosen Microsoft-Arbeiter
«Das Büro», sagt Kevyn Norton von Microsoft Schweiz (siehe Interview), «hat heute eine ganz andere Funktion. Es wird immer mehr zum Begegnungsort für Mitarbeitende, Partner und Kunden.»
Zudem hätten interne Umfragen am Schweizer Hauptsitz im zürcherischen Wallisellen klare Mängel aufgezeigt. «Dazu zählt die Lärmbelastung, der Mangel an Meetingräumen und das Fehlen von Zonen für einen informellen Austausch.»
Seit Mitte Juli bis November wird der Arbeitsort für 500 Mitarbeitende umgebaut. Bis Oktober leisten diese Tele-Arbeit.
Kevyn Eva Norton ist Program Manager New World of Work bei Microsoft Schweiz.
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Kevyn Norton, kann es sich das grösste Softwareunternehmen der Welt leisten, 500 Mitarbeiter in der Schweiz zu Hause arbeiten zu lassen?
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kann das sehr gut, weil wir auch von zu Hause aus miteinander verbunden sind und so keine Leistungseinbusse fürchten müssen. Konkret braucht es gut strukturierte Videokonferenzen sowie eine perfekte Zusammenarbeit bei der Erstellung von Präsentationen und Dokumenten. Wir stellen den Mitarbeitenden natürlich die komplette Infrastruktur zur Verfügung, also Hard- und Software und Internetanschlüsse.
Trotzdem: Ist Heimarbeit nicht eine Zumutung für Arbeiter mit Familien? In den eigenen vier Wänden soll man sich doch nicht ums Business kümmern müssen.
Wir haben im Zürcher Stadtteil Wollishofen ein kleineres, provisorisches Büro, das genutzt werden kann, wenn Heimarbeit nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Die Realität zeigt aber, dass eben Mitarbeitende mit Familie die Arbeit zu Hause sehr schätzen, weil der Arbeitsweg wegfällt und der Tag flexibel eingeteilt werden kann. Plötzlich ist es möglich, tagsüber mit der Familie Zeit zu verbringen, etwa für ein gemeinsames Mittagessen oder die Begleitung in den Musikunterricht.
Keine Angst, dass es sich die Mitarbeiter zu Hause bequem einrichten und weniger arbeiten?
Wir beobachten klar, dass mit zunehmender Selbstverantwortung die Mitarbeitenden mehr Leistungsbereitschaft zeigen. Die Freiheit wird geschätzt, aber nicht ausgenutzt. Die Angestellten machen sich zu Hause zum Teil mehr Druck, als wenn sie im Büro sind. Dann sind die Manager gefragt – sie müssen eingreifen, wenn ein Mitarbeiter sich zu stark oder zu wenig fordert. Diese Kompetenz im virtuellen Führen wird vom Kader als die grösste Herausforderung geschildert.
Wie schätzen Sie die Gefahr der Vereinsamung ein bei den Männern und Frauen, die alleine leben?
Das ist sehr typabhängig. Unsere sogenannten Team Days und informelle Veranstaltungen sollen da entgegenwirken. Zudem haben wir ein kleines Provisorium, wo man sich treffen kann. Hier arbeiten manchmal Kollegen zu zweit an einem Tisch – was interessanterweise als inspirierend empfunden wird – sie beschreiben es als eine Art Start-up-Atmosphäre.
Würden Sie sagen: Grossraumbüros sind antiquiert?
Das Grossraumbüro geht von gleichartigen Menschen mit gleichartigen Aufgaben und gleichartiger Belastbarkeit aus. Dies ist in der Realität nicht so. Konstante Unterbrechungen und Störungen verunmöglichen die Konzentration. Daher legen wir beim Umbau den Fokus auf die schärfere Definition und Abgrenzung von Rückzugs- oder Begegnungszonen. Die Anforderungen an ein Arbeitsumfeld sind äusserst individuell – dem tragen wir mit verschiedenen Zonen und Wahlmöglichkeiten Rechnung.
Eine Gratwanderung.
Das ist so. Aber das ist auch das Experiment Tele-Arbeit. Mit 500 Individuen gibt es 500 verschiedene Eindrücke. Diese reichen von «Mehr Zeit für Sport», «Koche nicht gerne am Mittag», «Produktiver, da weniger Störungen zu Hause» bis hin zu «Vermisse die Arbeitskollegen».
Und unter dem Strich...
...ist die Erfahrung positiv. Damit das so ist und bleibt, müssen die Mitarbeitenden aber auch mehr Eigenverantwortung übernehmen. Es liegt an ihnen, Angebote wie Teamtage im provisorischen Büro, Feierabendtreffen oder den internen Twitterkanal Officetalk zu nutzen.
Was sind denn Ihre persönlichen Eindrücke bisher?
Es ist wie bei längeren Ferien – plötzlich hinterfragt man Gewohnheiten und lernt sich dadurch auch besser kennen. Das Gleiche gilt für die Teams: Wenn nicht einfach alles klar ist, muss wieder gemeinsam verhandelt und eine Lösung gesucht werden. Das kann manchmal ein kleiner Rückschritt sein, was die Effizienz betrifft, führt aber nachher zu einem besseren Resultat.
Im Oktober kehren die Mitarbeiter in die Zentrale nach Wallisellen zurück: Wenn der Home-Office-Versuch so toll ist – warum lässt das Unternehmen dann die Mitarbeiter nicht wählen zwischen Arbeiten auf der Zentrale und Home-Office?
Das tun wir doch. Wir überlassen es den Teams, die Präsenz vor Ort zu definieren. Dies sieht in einer Personalabteilung ganz anders aus als in einer Verkaufsabteilung. Unser provisorisches Büro ist jeden Tag voll – obwohl die Leute freiwillig kommen. Das zeigt klar, dass Spass an der Arbeit zu einem grossen Teil eben auch durch den persönlichen Austausch definiert ist.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.08.2011, 10:07 Uhr
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20 Kommentare
@Parvaneh:
Microsoft hat sich damit erspart, während dem Umbau ein Ersatzbüro für 500 Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen. Da sind die Heim Infrastrukturkosten ein Klacks.
Die Mitarbeiter hatten einen angenehmen Sommer.
WinWin.
Und wenn da ein paar nicht mit dem Konzept zurecht kommen, gibt's dann statt bluescreen einen blauen Brief.
So einfach ist das.
Antworten
Nicht nur und das ist auch nicht die Aufgabe eines Unternehmens. Doch die Mitarbeiter zeigen sich en gros zufriedener und damit auch leistungsbereiter und der Firma gegenüber treuer!
Ich habe die Möglichkeit zu Home Office und nutze dies, wenn die Familiensituation dies erfordert. Ansonst gibt es nicht wichtigeres als sich jederzeit mit den Kollegen besprechen zu können oder nebenbei mitzubekommen, was beim Anderen gerade geht. Multinationale Teams sind nach meiner Erfahrung deutlich unproduktiver als Teams, die beisammen sind. Der Aufwand zur Koordination überwiegt den Nutzen Antworten
Nicht für jede(n) geeignet, aber sicher für viele eine gute Sache.
Entlastet nebenbei auch die Verkehrsinfrastruktur.
Arbeite sehr gerne von zu Hause aus: Kein Arbeitsweg, Infrastruktur für Verpflegung optimal, Arbeit in Randzeiten problemlos.
Vereinsamung entsteht dank der vielen Kontaktmöglichkeiten (Mail, Telefon, Videotelefonie usw.) bis jetzt bei mir nicht.
Antworten
Ja, Vereinsamung wird oft als Hauptnegativpunkt genannt - ich fühle mich allerdings dank Skype selten einsam. Und wenn man sich ab und zu mit den Kollegen trifft kann man dem auch entgegenwirken.
Das größere Problem ist - wie ich finde - Arbeit und Familie zu trennen, d.h. nicht bis spät in die Nacht hinein zu arbeiten, siehe: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/157013.html Studie der ZfA
Habe bereits vor 15 Jahren zu Hause gearbeitet, es dann aber wegen Abrenzung Privat/Freizeit und Kontaktmangel bald wieder aufgegeben. In der Zwischenzeit hat sich Kommunikationstechnik so massiv verändert, dass heute zwischen zu Hause und Büro kein grosser Unterschied mehr besteht. Nun arbeite ich meetingfreie Tage wieder zu Hause, bin dort effizienter und spare mir Arbeitswegstress Antworten
eine gute sache. leider verlieren die chefs dann ihre "macht" weil sie nicht mehr so gut konrollieren können und ihre mündigen mitarbeiter vorführen können. in einer gesellschaft wo macht mehr wert ist wie die arbeit die geleistet wird, ist es schwierig dies grossflächig durchzusetzen. lieber ein paar unnütze powerpointpräsentationen in kravatte als mitarbeiter die was leisten. Antworten
Immer die gleiche Leier, aber die meisten Chefs heute können es sich nicht mehr erlauben nur eine Krawatte zu tragen. Die meisten Führungspersonen sind nun mal unteres bis mittleres Kader und da wird geschufftet. Aber eben die ewig gleiche und langweilige Leier hört einfach nie auf.
Die EDV-Branche geht wieder mal voran: Gut so! Anstatt dauernd über die Überlastung der urbanen Zentren und die teuren Mieten zu jammern, resp. sich über Staus auf den Strassen und rappelvolle Züge zu ärgern, ist dies ein brillianter Schritt in die richtige Richtung. Natürlich können nicht alle von zu Hause aus arbeiten, aber im Dienstleistungssektor gibt es noch und nöcher solche Stellen. Antworten
Ich selbst bin Helpdesk Mitarbeiterin und würde Home Office sehr zu schätzen wissen, da die lästige Hin- und Herfahrerei wegfallen würde und ich den Job mindestens genausogut auch von Zuhause aus erledigen könnte, da ich nur ein PC und eine Telefonleitung brauche. Zudem denke ich würde man so Ressourcen schonen, die man andersweitig einsetzen könnte. Antworten
Ja, Google Talk, Skype, ICQ, Yahoo Messenger, MSN... vereinsamen tut nur, wer es so will.
@Markus Stutz: Der wichtigste Nachteil überwiegt leider alle Vorteile - die soziale Vereinsamung.
Sie sind offenbar einer der Wenigen, die noch nicht begriffen haben, dass Homeoffice die gesamte Infrastruktur entlastet. Weniger Pendler = weniger Abgase und entlastete ÖV, mehr Zeit und viel weniger Stress für die Angestellten da die Pendlerei wegfällt. Nicht zuletzt sparen wir, ich kann auch Homeoffice machen, noch Geld, weil nicht auswärts gegessen werden muss. Die Vorteile überwiegen klar.


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