Heimwerker in Goldgräberstimmung
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 02.09.2010 1 Kommentar
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Trotz der schweren Rezession in Kalifornien weht im Silicon Valley ein frischer Wind: Hunderte von Jungunternehmern sind drauf und dran, den nächsten Aufschwung auszulösen. Sie schreiben Spiele, Musik-, Video- oder Fotoprogramme für das iPhone oder den iPad und andere Smartphones. «Es fühlt sich an wie eine Goldgrube«, sagt Bowei Gai, Mitbegründer von Cardmunch und Erfinder einer Anwendung, die Visitenkarten mit der iPhone-Kamera aufnimmt, abspeichert und einheitlich zugänglich macht. Private Investoren haben eine Startfinanzierung von 1 Million Dollar in Aussicht gestellt. «Dies ist die einmalige Gelegenheit unserer Generation, einen dem Internet vergleichbaren Boom zu erleben.»
Bowei Gai und zwei weitere Gründer von Cardmunch sind wie die meisten dieser selbstständigen Programmierer nicht in Kalifornien aufgewachsen. Sie haben an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh studiert und abgeschlossen – einer alten Stahlstadt, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hat. Aber sie sind überzeugt, dass das Silicon Valley der beste Standort sei, um als Software-Unternehmer Erfolg zu haben.
Kaum Frauen in diesem Geschäft
«Meine Kollegen an der Ostküste glauben, ich sei verrückt», sagt Samir Shah. «Aber hier habe ich mich von Anfang an zu Hause gefühlt. Nirgendwo habe ich die gleiche Chance, so breite Erfahrungen als Jungunternehmer zu sammeln.» Frauen finden sich allerdings wenige in diesem Geschäft, auch weisse Amerikaner sind in der Minderheit. Über 60 Prozent der freischaffenden Apple-, Facebook- und Google-Programmierer haben chinesische oder indische Wurzeln, schätzen Experten. Dies ist nicht erstaunlich. Ingenieur- und Computerkurse an den US-Hochschulen werden mehrheitlich von Studenten aus Einwandererfamilien bestritten; ihrem Einsatz und Eifer haben viele andere Schüler nichts entgegenzusetzen.
«Meine Freundin ist eine bessere Programmiererin als ich», räumt Bowei Gai ein, dessen Eltern aus China eingewandert sind. «Aber sie ist mehr an stabilen Verhältnissen interessiert. Sie arbeitet bei Oracle. Ich war und verstehe mich noch immer als Hacker.»
Investoren gleich um die Ecke
Apple (AAPL 562.912 -0.43%) ist die treibende Kraft dieser Heimwerkerszene. Mehr als 90 Prozent aller Applikationen werden für das iPhone und den iPad geschrieben. Steve Jobs hatte das geschlossene Software-System vor zweieinhalb Jahren geöffnet und so einen Ansturm ausgelöst, der nicht abgeflaut ist. Software-Schreiber haben bis anhin über 3 Milliarden Dollar Gewinn gemacht, wobei sie 70 Prozent der Einnahmen erhalten und der Konzern 30 Prozent behält. Konkurrenten wie Google (GOOG 592 -1.93%) oder Facebook ( 31.75 -3.88%) offerieren ähnliche Einnahmenschlüssel.
Die räumliche Nähe der Hightech-Firmen hat erhebliche Vorteile, sagt Charles Ju, Chef von PlayMesh, einer Start-up-Firma, die sich auf 30- bis 60-Sekunden-Spiele für das iPhone spezialisiert hat. «Das Silicon Valley ist ideal für uns. Ich muss nur über die Strasse gehen, um andere Hacker zu sehen oder einen Financier zu treffen.» Ju hat seine Firma im gleichen unscheinbaren Flachbau in Mountain View untergebracht wie die Equipe von Cardmunch. Und wie bei den Kollegen nebenan ist auch sein Unternehmen die Fortsetzung eines Kreises von Schulfreunden, die sich seit dem Kindergarten kennen. «Wir kommen alle aus chinesisch-taiwanischen Familien. Wir teilen den unternehmerischen Geist.»
Wenige schaffen Durchbruch
Was auch heisst: auf Formalitäten wird kein Wert gelegt, auf die Ausstattung kein überflüssiger Penny verschwendet. Die Büros sind karg eingerichtet, eine abgewetzte Couch hier, eine halbleere Bücherwand da. Kabel, Bildschirme, Tastaturen, Smartphones und ein Kühlschrank mit Softdrinks müssen reichen.
Die Kombination aus global führenden Hightech-Firmen, der grösste Risikokapitalmarkt der USA, und mehreren Top-Universitäten macht das Silicon Valley so attraktiv: Nach einer Studie von Mobclix Inc., das eine grosse Inseratebörse für das iPhone betreibt, haben 41 Prozent aller Applikationsschreiber in dieser Region ihre Zelte aufgeschlagen. Die zweitplatzierte Region mit 14 Prozent der Programmierer ist der Grossraum New York.
Nur 10 Prozent der Apps rentieren
Die Goldgräberstimmung allerdings ist nicht so sorgenfrei, wie es auf Anhieb scheint. Nur ein kleiner Teil der freien Programmierer schafft den Durchbruch. Branchenstudien zufolge werfen höchstens 10 Prozent der Applikationen einen Gewinn ab, über 90 Prozent der Software-Schreiber geben vorzeitig auf.
Bowei Gai teilt diese Einschätzung. «Viele Anwendungen werden ohne ausreichende Tests lanciert; viele sind auch ohne echten Nutzen.» Dennoch lässt er sich nicht entmutigen. «Wenn ich schon 14 Stunden am Tag schufte, dann lieber für mich selber und lieber mit meinen besten Kollegen als für einen Konzern.»
Bevor er sein Start-up eröffnete, arbeitete Bowei Gai für Apple, andere waren bei Oracle angestellt. Für diese Firmen zu arbeiten, so sagen sie, ist gut und recht, wenn man Familie und Kinder hat. «Solange ich meine Freiheit habe, will ich mich als Unternehmer versuchen», so Charles Ju, der nach seinen Angaben mit den PlayMesh-Spielen «bereits sehr viel, sehr gutes Geld» gemacht hat. Genaue Zahlen zu Umsatz und Gewinn jedoch will keiner nennen.
Erste Wochen entscheiden
Wenn eine Applikation nach der Lancierung nicht innerhalb kurzer Zeit stark nachgefragt wird, ist sie gescheitert. Die besten Umsätze werden innerhalb von nur wenigen Wochen generiert, rasch sind die meisten dieser Kleinstprogramme veraltet und vergessen. Deshalb sind die freien Programmierer permanent am Neuschreiben und Aufdatieren von Anwendungen, was dazu führt, dass das Angebot unübersichtlich wird. PlayMesh entschied deshalb vor kurzem, über 200 frühere Apple-Programme zurückzuziehen, um Platz für einige wenige erfolgreiche zu schaffen.
Eine weitere Hürde auf dem Weg zum schnellen Erfolg ist der Bewilligungsprozess. Apple-Chef Steve Jobs beteuerte zwar im Juni, dass 95 Prozent aller Gesuche innerhalb von sieben Tagen begutachtet würden. Die Erfahrungsberichte der Szene sprechen eine andere Sprache. Das Prüfverfahren sei nicht transparent und unberechenbar, so eine häufige Klage in den Blogs der Programmierer. Und Apple versuche, Anwendungen zu blockieren, die der Konzern selber gerne erfunden hätte.
Der Traum vom grossen Geld
Die Teams von Cardmunch und PlayMesh sehen dies etwas anders. Zwar musste Cardmunch das Kameraprogramm viermal überarbeiten, bevor Apple das Jawort gab. Aber das Endprodukt sei besser und sicherer geworden, sagt Bowei Gai. «Ich wünschte nur, dass das Verfahren schneller würde.»
Diese Sorge ist verständlich, operieren doch viele Programmierer mit einem äusserst knappen Budget. So sicherte sich Cardmunch zwar schon in der Gründungsphase im Winter 2009 einen Kredit eines privaten Investors. Die Mittel aber näherten sich diesen Sommer bedrohlich rasch dem Ende, als Apple noch immer weitere Nachbesserungen verlangte. Am 2. August war es aber so weit: «Tolle Nachricht», teilte Bowei Gai in einer E-Mail mit. «Zulassung erhalten, Zulassung erhalten. Per Zufall ist dies auch mein Geburtstag. Das ist das grösste Geschenk, das ein Unternehmer je erhalten kann.»
Die Finanzen waren so dünn geworden, dass Cardmunch nur noch drei bis vier Wochen hätte durchhalten können. Dieser Tage nun treffen sich die Jungunternehmer mit ihrem Investor. «Unser Programm ist so ausgereift», sagt Bowei Gai, «dass wir uns ein Startkapital von mindestens 1 Million Dollar sichern können.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.09.2010, 12:26 Uhr

































































