In der Nerdgarage

Die Zürcher Agentur Feinheit bespielt mit Erfolg und neuen Ideen alle Kanäle von Marketing und Kommunikation.

Das gemeinsame Mittagessen gehört bei Feinheit zur Firmenkultur. CEO Moritz Zumbühl (sitzend) und sein Team.

Das gemeinsame Mittagessen gehört bei Feinheit zur Firmenkultur. CEO Moritz Zumbühl (sitzend) und sein Team. Bild: Tom Kawara

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Ist das der Geist des Silicon Valley? Diese spielerische Geschäftigkeit, Vision und vielleicht auch Illusion? Fühlt sich jedenfalls so an. Und das mitten in Zürich, beim Helvetiaplatz. 2006 haben fünf Jungs, noch im Studium oder gerade mit der Ausbildung fertig, die Feinheit GmbH ­gegründet, eine Agentur, eine ­IT-Bude oder besser: beides in einem.

So richtig festlegen mag sich Mitgründer und CEO Moritz Zumbühl nicht. Der 30-Jährige sitzt im Besprechungszimmer und sagt, dass es für das, was die Firma mache, kein adäquates Wort gebe. Kreativstudio nennen sie sich zuweilen. Zumbühl, der geschliffen redet und die Gabe hat, mit den Worten auch Begeisterung zu transportieren, nennt Feinheit eine «Nerdgarage mit Kampagnenabteilung» oder einen «Inkubator für Ideen».

Dabei geht es um die Ideen des 30-köpfigen Teams, die dieses für Kunden entwickelt, unter ihnen das Bundesamt für Gesundheit, mehrere Schweizer Unis, Ikea und NGOs. Für diese produziert Feinheit alles, vom klassischen Printplakat über Websites, Social-Media-Applikationen bis zu Apps. Und noch mehr: Für den Verband Fussverkehr Schweiz hat Feinheit soeben ein Spiel realisiert. «Meet the Street» heisst es und gehört zur aktuellen Präventionskampagne. Schlurfende Teenies und Polizeiautos müssen so ­aneinander vorbeigelenkt werden, dass es nicht kracht. Die Raiffeisen-Bank hat sich zudem von Feinheit ein Musikquiz programmieren lassen. Feinheit erweitert Werbung, Kommunikation und Imagekampagnen um die digitale Dimension. Das ist ihr Ding, dafür haben sie elf Programmierer angestellt, da liegen ihre Wurzeln.

Keine Auslagerung ins Ausland

Nicht, dass das andere Agenturen nicht auch machen. Ohne IT-Know-how geht es längst nicht mehr im Kommunikationsbusiness. Doch während zum Teil grosse Full-Service-Agenturen noch ihre digitalen Einheiten aufbauen, verfolgt Feinheit seit ihren Anfängen das Prinzip, dass bei jedem Projekt ein Programmierer mit am Tisch sitzt und sagt, was technisch machbar ist. Programmieraufträge ins Ausland zu vergeben, wie das viele Agenturen tun, kommt für Feinheit nicht infrage. Klar, damit könnte man Geld sparen. Die Kommunikationswege werden dafür länger und die Lösungen nicht viel besser als der Standard. Moritz Zumbühl sagt dazu: «Wir sind in der Formel 1 ­dabei und fahren nicht Kart.»

Bei Feinheit denkt man nicht nur gross, sondern auch an übermorgen. Im Gamedesign setzt die Firma Unity 3-D ein, im Webbereich Django und ihr selbst programmiertes Fein CMS – Technik, die noch ein paar Jahre führend sein könnte. Obwohl man das in diesem rasanten Geschäft nie wirklich weiss. «Das Technikkarussell dreht sich immer schneller», sagt Zumbühl. Und gleichzeitig nehme die Komplexität zu. Es sei schwieriger geworden, das Relevante unter dem Trash zu erkennen. Zumbühl vergleicht das mit der Überflutung mit Polit-Werbung, die zu Politikverdrossenheit führe. Auch die Allgegenwart sozialer Medien beschleunige das Ausloggen von immer mehr Menschen. Social Media nachhaltig einzusetzen, sei deshalb eine Herausforderung, so der CEO.

Der Vergleich mit der Politik kommt bei Moritz Zumbühl nicht von ungefähr: Er war mal Vizepräsident der Grünen der Stadt Zürich. Sein Polit-Podcast «Banana Politics», den er mit Kolleginnen und Kollegen produzierte und letztes Jahr aus Zeitgründen einstellte, hatte eine solide Fangemeinde. Auch andere seiner vier Partner sind politisch engagiert. Und zusammen wollen sie nicht nur Geld verdienen, sondern auch die Welt ein wenig besser machen, zumindest in dem Bereich, den sie ­beeinflussen können.

Fachidioten mit eigener Meinung

Die ersten Kunden von Feinheit waren NGOs. Zumbühl nahm aus dem Zivildienst bei Greenpeace erste Aufträge mit in die Selbstständigkeit, in die Nerd­garage, damals ein Atelier im Kreis 4. Gearbeitet wurde am Bürotisch aus dem Kinderzimmer. Ein Grafiker (Boris Périsset), ein Polygraf (Thileeban Thanapalan), ein angehender Klimaforscher (Matthias Kestenholz), ein Selfmade-Programmierer (Martin Bommeli) und Moritz Zumbühl, ausgebildeter Programmierer. Auf den Schwächen der NGOs bauten sie ein Geschäftsmodell auf. «Bei NGOs ist meistens niemand gut mit Grafik und Programmieren», sagt Zumbühl. Zudem brauchen die Nichtregierungsorganisationen Anhänger und Spender: eine Community.

Und wie bildet man im 21. Jahrhundert eine Community? Übers Netz. So hat Feinheit, und darauf ist Zumbühl stolz, schon im Bereich Social Media gearbeitet, bevor das Wort überhaupt ­erfunden war. Die Truppe war bestens geeignet für den Job: politisch interessiert und interdisziplinär aufgestellt. Darauf setzt die Firma nach wie vor. Fachidioten braucht es auch bei Feinheit. Aber wertvolle Fachidioten, die Bücher lesen und eine Meinung haben, betont Zumbühl.

Und so steht das Team an erster Stelle, weil jeder Einzelne, so gut er auch ist, mit anderen zusammenarbeiten muss, und schliesslich nur dann ­etwas Tolles entsteht, wenn die Zusammenarbeit klappt. Früher haben die Gründer aus Not im Büro gegessen, was einer von ihnen gekocht hat. Heute ist Kochen fürs Team und das gemeinsame Mittagessen so etwas wie eine Teambildungsmassnahme, die offensichtlich funktioniert.

Feinheit ist in den letzten Jahren jedes Jahr um 20 Prozent oder mehr gewachsen. «Plötzlich hatten wir Angestellte, plötzlich den Druck, Geld zu verdienen», so Zumbühl. Das klingt nicht mehr nach reinem Idealismus. Nicht mehr alle Gründer sind bei Feinheit dabei, zu viel Reibung gab es, zu gross wurde der Stress. Vergangenes Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von 3 Millionen Franken.

Zukunft im Crowdfunding

Und doch lässt man sich ein paar Extravaganzen nicht nehmen, weil Extravaganzen Spass machen. Und weil nur so einem auch ein etwas grösserer IT-Wurf gelingen könnte. Die Gamedesigner arbeiten an einem neuen Spiel, einfach so. Das erste, «Pingwin Adventures», bei dem die Spieler einen kleinen Pinguin steuern, war zwar beliebt. 100'000- mal wurde es heruntergeladen. Verdient hat die Firma damit aber nur gerade 140 Dollar. Das könnte man noch toppen.

Und soeben wurde die Plattform Feinfunding fertig, ein Crowdfunding-Tool, das es ermöglicht, mit wenigen Klicks eine eigene Crowdfunding-Website zu erstellen. Die Zukunft im Kommunikationsbusiness – heute meistens auch Internetprojekte –, sagt Zumbühl, liege im Internetzeitalter vermutlich nicht in der gross angelegten Millionenkampagne, weil einfach nicht klar ist, was überhaupt noch ankommt bei der Zielgruppe. Die Zukunft sieht er eher im Aneinanderreihen von kleinen Schritten. Und für den ersten oder jeden weiteren Schritt muss oft erst mal Geld beschafft werden. Deshalb das Crowdfunding-Programm.

Vielleicht wird es auch ein Flop. Es wäre nicht der erste in der Firmengeschichte. Zumbühl, ganz Motivator, sagt: «Wir haben immer wieder aus Fehlern gelernt.» Das hat bisher das Überleben von Feinheit gesichert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2013, 10:31 Uhr

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